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:''Erzengel und Elementargeister<br>Auch die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien kommt nicht von ungefähr. Die Anthroposophie lehrt die Existenz von höheren Mächten, von Erzengeln, Volksgeistern und Götterboten, die das Leben der Menschen lenken. In der Waldorfpädagogik spielen sogenannte Elementargeister eine große Rolle. Zeitgeschichtliche Ereignisse werden durch das Wirken der Dämonen Ahriman und Luzifer erklärt, die für Materialismus und Intellektualismus stehen. Den Ersten Weltkrieg deuteten Steiner und sein Anhang als Verschwörung finsterer Mächte gegen Deutschlands Mission, insbesondere einer Allianz aus britischen Freimaurern, Jesuiten und jüdischen Bankern. Nach dem Ersten Weltkrieg wehrten sich Anthroposophen deshalb gegen den Vorwurf der Kriegsschuld Deutschlands sowie gegen den Versailler Vertrag. Die Galionsfigur der späteren Ostermarschbewegung, Renate Riemeck, Anthroposophin und vormaliges NSDAP-Mitglied, wiederholte diese abstruse Sichtweise in einer Artikelserie, die unter dem Titel »Mitteleuropa – Bilanz eines Jahrhunderts« (1965) veröffentlicht wurde und inzwischen vier Auflagen erlebt hat.<br>Der anthroposophische »Perseus-Verlag« in der Schweiz hat sich auf dieses Thema seit vielen Jahren spezialisiert. Dessen Chef Thomas Meyer deutet den Ersten Weltkrieg wie auch den aktuellen Ukraine-Konflikt als Versuche der angloamerikanischen Mächte, die Mission Mitteleuropas zu torpedieren. Diese bestehe darin, den »aus der Tyrannei des Bolsche­wismus befreiten Ostvölkern« neue spirituelle Entwicklungen zu vermitteln. Meyers Zeitschrift »Der Europäer« bietet VerschwörungstheoretikerInnen ein Forum. »Wer sich genauer informierte, weiß, dass die US-Regierung selbst die Hand im Spiel hatte«, schrieb Meyer im Vorspann zu einem Interview mit Gerhard Wisnewski über die islamistischen Anschläge des 11. September 2001 in den USA.''<ref>https://www.der-rechte-rand.de/archive/7330/waldorfschulen-rechtskurs/</ref>
 
:''Erzengel und Elementargeister<br>Auch die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien kommt nicht von ungefähr. Die Anthroposophie lehrt die Existenz von höheren Mächten, von Erzengeln, Volksgeistern und Götterboten, die das Leben der Menschen lenken. In der Waldorfpädagogik spielen sogenannte Elementargeister eine große Rolle. Zeitgeschichtliche Ereignisse werden durch das Wirken der Dämonen Ahriman und Luzifer erklärt, die für Materialismus und Intellektualismus stehen. Den Ersten Weltkrieg deuteten Steiner und sein Anhang als Verschwörung finsterer Mächte gegen Deutschlands Mission, insbesondere einer Allianz aus britischen Freimaurern, Jesuiten und jüdischen Bankern. Nach dem Ersten Weltkrieg wehrten sich Anthroposophen deshalb gegen den Vorwurf der Kriegsschuld Deutschlands sowie gegen den Versailler Vertrag. Die Galionsfigur der späteren Ostermarschbewegung, Renate Riemeck, Anthroposophin und vormaliges NSDAP-Mitglied, wiederholte diese abstruse Sichtweise in einer Artikelserie, die unter dem Titel »Mitteleuropa – Bilanz eines Jahrhunderts« (1965) veröffentlicht wurde und inzwischen vier Auflagen erlebt hat.<br>Der anthroposophische »Perseus-Verlag« in der Schweiz hat sich auf dieses Thema seit vielen Jahren spezialisiert. Dessen Chef Thomas Meyer deutet den Ersten Weltkrieg wie auch den aktuellen Ukraine-Konflikt als Versuche der angloamerikanischen Mächte, die Mission Mitteleuropas zu torpedieren. Diese bestehe darin, den »aus der Tyrannei des Bolsche­wismus befreiten Ostvölkern« neue spirituelle Entwicklungen zu vermitteln. Meyers Zeitschrift »Der Europäer« bietet VerschwörungstheoretikerInnen ein Forum. »Wer sich genauer informierte, weiß, dass die US-Regierung selbst die Hand im Spiel hatte«, schrieb Meyer im Vorspann zu einem Interview mit Gerhard Wisnewski über die islamistischen Anschläge des 11. September 2001 in den USA.''<ref>https://www.der-rechte-rand.de/archive/7330/waldorfschulen-rechtskurs/</ref>
 
*Aargauer Zeitung, 8.2.2018:<br>''Verschwörungsmystiker wie der Basler Daniele Ganser kapern Rudolf-Steiner-Bewegung<br>Verschwörungsmystiker wie der Schweizer «Friedensforscher» Daniele Ganser oder der deutsche Youtube-Moderator Ken Jebsen erhalten Unterstützung durch die anthroposophische Bewegung von Rudolf Steiner. Am 3. März findet in Basel die Tagung «Terror, Lüge und Wahrheit» statt, an der die Propagandisten einer Weltverschwörung ihre Thesen ausbreiten können...Am Samstag, 3. März, kommt es zum grossen Schaulaufen. Im anthroposophischen Veranstaltungsort «Scala», einem ehemaligen Basler Kino in der Freien Strasse, treten mit [[Daniele Ganser]], [[Ken Jebsen]] und [[Elias Davidsson]] gleich drei Redner aus der ersten Fraktion der deutschsprachigen Verschwörungsmystiker auf.<br>An der öffentlichen Tagung referieren sie über «Terror, Lüge und Wahrheit». Wer sich die geballte Einigkeit anhören will, dass die Welt von okkulten Mächten gesteuert werde und die grossen Terroranschläge der vergangenen Jahrzehnte Inszenierungen von Geheimdiensten gewesen seien, kann ein Ticket zu sechzig Franken erwerben.<br>Treibende Kraft der «Scala»-Veranstaltung ist der anthroposophische Verleger, Publizist und Vortragsredner Thomas Meyer. Mit der Zeitschrift «Der Europäer» und seiner «Perseus»-Buchreihe führte Meyer bisher selbst innerhalb der Steiner-Bewegung ein Nischendasein. Aufsehen erregte er, als er die Autorin Barbro Karlen promotete, die behauptet, eine Inkarnation von Anne Frank zu sein. Finanziert wird seine Tätigkeit von einem Förderverein, der auf der Liste der gemeinnützigen, also steuerbefreiten Organisation figuriert.''<ref>https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/verschworungsmystiker-wie-der-basler-daniele-ganser-kapern-rudolf-steiner-bewegung-ld.1483049</ref>
 
*Aargauer Zeitung, 8.2.2018:<br>''Verschwörungsmystiker wie der Basler Daniele Ganser kapern Rudolf-Steiner-Bewegung<br>Verschwörungsmystiker wie der Schweizer «Friedensforscher» Daniele Ganser oder der deutsche Youtube-Moderator Ken Jebsen erhalten Unterstützung durch die anthroposophische Bewegung von Rudolf Steiner. Am 3. März findet in Basel die Tagung «Terror, Lüge und Wahrheit» statt, an der die Propagandisten einer Weltverschwörung ihre Thesen ausbreiten können...Am Samstag, 3. März, kommt es zum grossen Schaulaufen. Im anthroposophischen Veranstaltungsort «Scala», einem ehemaligen Basler Kino in der Freien Strasse, treten mit [[Daniele Ganser]], [[Ken Jebsen]] und [[Elias Davidsson]] gleich drei Redner aus der ersten Fraktion der deutschsprachigen Verschwörungsmystiker auf.<br>An der öffentlichen Tagung referieren sie über «Terror, Lüge und Wahrheit». Wer sich die geballte Einigkeit anhören will, dass die Welt von okkulten Mächten gesteuert werde und die grossen Terroranschläge der vergangenen Jahrzehnte Inszenierungen von Geheimdiensten gewesen seien, kann ein Ticket zu sechzig Franken erwerben.<br>Treibende Kraft der «Scala»-Veranstaltung ist der anthroposophische Verleger, Publizist und Vortragsredner Thomas Meyer. Mit der Zeitschrift «Der Europäer» und seiner «Perseus»-Buchreihe führte Meyer bisher selbst innerhalb der Steiner-Bewegung ein Nischendasein. Aufsehen erregte er, als er die Autorin Barbro Karlen promotete, die behauptet, eine Inkarnation von Anne Frank zu sein. Finanziert wird seine Tätigkeit von einem Förderverein, der auf der Liste der gemeinnützigen, also steuerbefreiten Organisation figuriert.''<ref>https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/verschworungsmystiker-wie-der-basler-daniele-ganser-kapern-rudolf-steiner-bewegung-ld.1483049</ref>
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*Jungle World 2018:
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:''Für den 3. März hat der Basler »Paracelsus-Zweig« im »Scala« die Tagung »Terror, Lüge und Wahrheit« angekündigt. Mitveranstalterin ist die Zeitschrift Der Europäer, die im Perseus-Verlag Basel erscheint und von den anthroposophischen Periodika seit langem am obsessivsten Verschwörungstheoretiker bedient.<br>Als Redner sind neben dem enthusiastischen Antizionisten Elias Davidsson der Schweizer 9/11-»Friedens­forscher« Daniele Ganser und der Europäer-Chefredakteur Thomas Meyer angekündigt. Der bekannte Verschwörungsideologe Ken Jebsen soll moderieren. Dem Programm zufolge soll ein »kritischer Blick auf unsere Zeitgeschichte« geworfen werden – beziehungsweise auf George W. Bush und den »Krieg gegen den ­Terror«, den die Beteiligten freilich für einen Trick der einen oder anderen geheimen Weltregierung halten.<br>Solche Affinitäten sind nichts Neues. Seit längerem jubeln Anthroposophen Jebsen und Ganser zu, die beide ehemalige Waldorfschüler sind. Bereits Steiner raunte über »die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkriegs«: Die »äußeren Politiker« seien »zuweilen Strohmänner« und »die wahren Führer der angelsächsischen Rasse« überzeugt, »dass der angelsächsischen Rasse durch gewisse Weltentwickelungskräfte die Mission zufallen müsse, für die ­Gegenwart und die Zukunft vieler Jahrhunderte (…) eine wirkliche Weltherrschaft auszuüben«. Das könne man vergleichen »mit den inneren Impulsen, welche einstmals das alt-jüdische Volk von seiner Weltmission hatte«.<br>Insofern ist es irreführend, wenn die Aargauer Zeitung einen durchaus ­informativen Bericht zu der Basler Tagung mit der Zeile »Verschwörungsmystiker wie der Basler Daniele Ganser kapern Rudolf-Steiner-Bewegung« übertitelt. Niemand muss hier gekapert werden. Eher versucht umgekehrt ein bestimmter Flügel der Anhängerschaft Steiners, bei der zeitgenössischen »Verschwörungsmystik« mitzumischen.<br>Die Vorstellungen Thomas Meyers lassen dabei Ganser und Jebsen alt ­aussehen. In der Vergangenheit hofierte er etwa Barbro Karlén, die sich für die wiedergeborene Anne Frank hält. Ein andermal legte sein Perseus-Verlag ­einen antisemitischen Klassiker wieder auf: »Das Rätsel des Judentums« (1931) des Wiener Anthroposophen Ludwig Thieben, der versuchte – frei nach Steiner und Otto Weininger –, seine eigene jüdische Abstammung spirituell zu »überwinden«. Die Neuauflage von 1991 enthielt ein Nachwort mit Meyers Ansichten über die »Menschheitsvölker« Deutsche und Juden. Letztere hätten Christus physisch hervorgebracht, aber tragischerweise geistig verkannt. »Von ähnlicher Größe und Tragik« könne »auch bei den Deutschen gesprochen werden«, die Christus geistig hervorbringen sollten, aber leider stattdessen die Juden ermordeten. Trotz allem sei Christus in den dreißiger Jahren übersinnlich wiedergekehrt, wofür vielleicht »durch die Leiden des Holocaust – innerhalb des Judentums immer mehr Menschen die Augen aufgehen«. Dann »könnte es gerade der beste, sich fortentwickelnde Teil des Judentums sein, der dem Deutschtum in Zukunft bei der Verwirklichung seiner wahren Aufgabe beisteht«.<br>Viele Anthroposophen halten diskret Abstand zu Meyer und seiner Zeitschrift. Die Bedürfnisse der zarteren Gemüter befriedigt eher Markus Oster­rieder, der 2014 eine umfangreiche Monographie über den Ersten Weltkrieg vorlegte und darin Steiners Kriegsmythen mit Quellen aus über einem ­Dutzend Sprachen garnierte. Als Beleg für die »okkulten Logen«, die Steiner hinter »Angloamerika« wähnte, präsentiert Osterrieder die Existenz okkultistischer und esoterischer Gruppierungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Es ist verblüffend, welchen Aufwand Anthroposophen seit ihrer ersten Stunde betrieben haben, um den Mythos von der okkulten Beeinflussung des Ersten Weltkriegs am Leben zu halten, der ­erfunden wurde, um Bewegungen wie die ihre zu denunzieren.''<ref>https://jungle.world/artikel/2018/07/der-letzte-kampf-der-anthroposophen</ref>
    
==Siehe auch==
 
==Siehe auch==
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