Psycho-Physiognomik nach Huter

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Bei der Psycho-Physiognomik nach Huter handelt es sich um ein pseudowissenschaftliches Verfahren[1], um anhand physischer Eigenschaften einer Person, insbesondere des Gesichts, auf deren psychischen Zustand zu schließen. Das Verfahren weist dabei Elemente der Physiognomik und der pseudowissenschaftlichen Phrenologie auf. Das Verfahren geht auf den deutschen Maler und Alternativheiler Carl Huter (9. Oktober 1861 - 4. Dezember 1912) zurück. Zitat Huter: "So meint der Begriff Psycho-Physiognomik, dass der Körper, besonders das Gesicht, der Körperbau, die Mimik, die Gestik, die seelischen Eigenschaften eines Menschen anzeigt."[2]

Huter war auch Erfinder der Kallisophischen Heilwissenschaft und der Heliodapadie.

Wirtschaftliche Aspekte

Laut Carl-Huter-Institut (Schweiz) ist dieses Verfahren nicht Eigentum einer Person oder Gruppe, da der Erfinder Huter diesbezüglich keine Erben benannt hat. Es gibt jedoch Institutionen, die ausbildend tätig sind, z.B. das ZDH Zentrum zur Dokumentation der Lehre nach Carl Huter, Eigentümer dieser Wort-/Bildmarke (Aktenzeichen 399276890) ist eine Irmgard Wenzel. Auch eine Akademie für klassische Homöopathie[3] bietet Seminare und Ausbildungen an. Aktuell ist bei Personalberatern ein von Dirk Schneemann entwickeltes Verfahren en vogue.[4][5]

Wissenschaftliche Aspekte

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Die überholte Lehre der Physiognomik ist bei Wikipedia ausführlich beschrieben. In dieser Lehre werden ausschließlich angeborene Merkmale, wie die Stellung der Augen (enger/weiter Abstand) oder der Halswirbel am Hinterkopf mit einbezogen. In der Psycho-Physiognomik nach Huter werden neben unveränderlichen Merkmalen zusätzlich veränderliche Eigenschaften einbezogen, z.B. die Nasenform. Das führt einerseits zu einer erhöhten Flexibilität dieser Lehre, andererseits zu weniger Nachvollziehbarkeit. Letztlich kann eine solche Theorie nur noch durch Fallbeispiele erläutert werden, aber kaum mehr durch einen Satz von Regeln.

Die Psycho-Physiognomik nach Huter postuliert bestimmte Konstitutionstypen, die jedoch von den klassischen Temperamentstypen abgegrenzt werden. Huters Lehre bezieht sich vor allem auf die individuelle Formung des Gesichts und des Schädels. Daneben wird der Begriff "Kraft-Richtungs-Ordnung" geprägt,[6] der "Wirkkräfte" bezeichnet, die einen Menschen prägen und ihn in seinem Konstitutions- oder "Naturelltypen" zuordnen.

Durch Amandus Kupfer, Ernst Kretschmer, William Sheldon und Dirk Schneemann wurde die Psycho-Physiognomie theoretisch weiter verfolgt. Wilma Castrian hat zwei Bücher im Haug-Verlag veröffentlicht: "Lehrbuch der Psycho-Physiognomik" und "Praxis der Psycho-Physiognomik". In ihrer Nachfolge stehen Erika Rau und Irmgard Wenzel.[7]

Verwandte Gebiete

Ergänzend geht die patho-physiognomische Diagnostik vor. Hier wird die Psyche ausgeblendet, indem man von "Organ-Zonen" im Gesicht ausgehend auf die Befindlichkeit von Organen schließt. Weitere Diagnoseverfahren, die in esoterischen Kreisen benutzt werden, sind

Beispiel

Praxis

Eine Diagnose Wladimir Putins:[8]

"Die kräftige Unterstirn zeigt, dass er am liebsten mit mess- und wägbaren Realitäten rechnet. [...] Von einem besonderen Interesse ist die Bildung von Putins Seitenhaupt. [...] Die Breite von 8 bis 8 zeigt den besonders ausgeprägten Sinn für die Dynamik der Wirtschaft und den leichtfüßigen, mobilen Charakter des Geldes. [...] Die plastische Bildung des Seitenhauptes in der Partie 7, 8 und 9 zeigt das starke persönliche Streben nach Besitz und ein Talent für den Umgang mit den dynamischen Abläufen moderner Wirtschaft. [...] Die Bildung der Oberstirn und des oberen Seitenhauptes sowie die lange Willensachse (14) und die vergleichsweise kürzere Liebesachse (13) zeigt, dass die Wirtschaftspolitik Putins weniger eine soziale sein wird."

Theorie

Laut Irmgard Wenzel:[6]

"Verstehen wir das Wort von seinem Wortstamm her, nämlich Kraft, Richtung und Ordnung, so erklärt es sich von selbst. Jede Kraft wirkt in eine oder aus einer bestimmten Richtung und hat ihre besondere Ordnung. Auf das Leben übertragen bedeutet dies, dass hinter der lebenden Erscheinung intelligente ‚Ursachen’ wirken. Diese ursächlichen Wirkkräfte können wir auch ‚Seelisch-geistige Kraftfelder’ nennen. Diese wirken ganz nach typischen Gesetzmäßigkeiten und erzeugen einen eindeutig zuzuordnenden Ausdruck. Überall, wo sich Leben manifestiert, sind diese Kraftfelder an ihrer charakteristischen Wirkungsweise zu erkennen. Weil der menschliche Körper, den wir in der Naturell-Lehre beschreiben, der sichtbare Ausdruck von Wirkkräften, also der Kraft-Richtungs-Ordnung darstellt, ist der tiefere Grund für eine unverwechselbare Individualität in diesen Wirkkräften zu suchen. Wären wir in der Lage, diese Wirkkräfte und deren seelisch-geistigen ursächlichen Schwingungsfelder zu erfassen, so hätten wir eine direkte Schau der individuellen Persönlichkeitsstruktur und Charakteranlage eines Menschen."

Klassifizierung als Esoterik

Wissenschaftliche Widerlegungen

Kretschmer und Sheldon bemühten sich, analog zu Huter, eine Einteilung der unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen zu erstellen.

"Zu diesem Zweck vermaßen sie ca. 40.000 Menschen, wobei viele verschiedene Maße ermittelt wurden, von der Körpergröße über die Länge der Finger, der Gesichtform bis hin zum Umfang der Handgelenke, des Bauchs, der Schenkel etc. Alle Probanden wurden gleichzeitig psychologisch analysiert, um dann möglichst verlässliche Zusammenhänge zwischen Körperform und Charaktertypus darzustellen. Nachprüfungen dieser Untersuchungen haben ergeben, dass sich die seinerzeit behaupteten Korrelationen nicht aufrechterhalten lassen. Die meisten Annahmen über konstitutionelle und psychische Zusammenhänge wurden empirisch widerlegt. Zwischen Körperbautyp und Persönlichkeit besteht kein Zusammenhang. Aus heutiger Sicht sind also Konstitutionstypologien wissenschaftlich nicht aufrechtzuerhalten."
"Es gibt jedoch weiterhin Vertreter der Psycho-Physiognomik. Das von Dirk Schneemann entwickelte Schneemann System orientiert sich an der chinesischen Formenkunde und analysiert insbesondere die menschlichen Gesichtsbereiche. Das Schneemann System wurde vereinzelt von Personalmanagern bekannter Firmen eingesetzt. Eine wissenschaftliche Grundlage existiert nicht."[9]

Speziell zum Schneemann-System:

"Auch Schneemanns Fähigkeiten hielten bisher keiner empirischen Überprüfung stand. So testete Jürgen Deller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Lüneburg, gemeinsam mit seinem Doktorvater Werner Sarges die diagnostische Kompetenz des gelernten Fahrzeuglackierers. Dazu legten sie ihm rund 60 Fotos von Personen vor. Gleichzeitig machten diese Personen den wissenschaftlich fundierten Persönlichkeitstest NEO-FFI, der die so genannten Big Five - also die fünf wesentlichen Persönlichkeitsmerkmale wie Extraversion und Gewissenhaftigkeit - misst."
"Schneemann bekam eine Beschreibung der Big Five und interpretierte die Gesichter dann anhand seines Systems. Dellers Fazit: "Die wissenschaftliche Analyse konnte nicht belegen, dass das System etwas erfasst, was wir unter Persönlichkeitsmerkmal verstehen." Werner Sarges wird noch deutlicher: "Schneemanns Behauptungen sind nicht haltbar. Das ist kompletter Unsinn."[4]

Verschiedenes

  • Der Begriff "Menschenkenntnis" wird von Anhängern der Huterschen Lehre oft benutzt, um die ihrer Begriffswelt innewohnende Esoterik zu kaschieren.
  • Auf den Zug der Patho-Physiognomik ist ebenfalls Kurt Tepperwein als Autor aufgesprungen.[10]
  • Es ist anzunehmen, dass auch bei dieser Typenlehre und ihrer Anwendung Effekte des Cold Reading und der Barnum-Effekt eine Rolle spielen.
  • Die Geschichte der Physiognomik lehrt, dass solche Lehren anfällig für reaktionären Missbrauch sind. Es braucht nur eine "Wertung" der verschiedenen Typen vorgenommen zu werden, um eine rassistische Lehre zu erhalten.

Siehe auch

Weblinks

Quellennachweise

  1. http://homepage.univie.ac.at/ali.al-roubaie/spdocs/2006ws/ho20061208.pdf
  2. Psycho-Physiognomik nach Carl Huter - Bayern e.V.
  3. HomöoCampus, Akademie für klassische Homöopathie. Zitat von der Startseite: "Wir legen großen Wert auf die Psycho-Physiognomik als ein fundiertes System, um die eigene Menschenkenntnis zu schulen und zu verfeinern. Diese Fähigkeit ist für jeden, der in seinem Leben mit Menschen zu tun hat, eine große Bereicherung."
  4. 4,0 4,1 Bärbel Schwertfeger: Verräterische Beule am Kopf. Spiegel Online, 06.11.2006
  5. Uwe Peter Kanning: Gescheitert am Schädeldeuter. Spiegel Online, 04.05.2010
  6. 6,0 6,1 Erster Europäischer Huter Kongress in Nümbrecht. Pressemitteilung von Freie Heilpraktiker e.V. von 2004
  7. Irmgard Wenzel bei Homöocampus
  8. Leserbrief mit Diagnose von Putin
  9. ""Gesundheitsinformationsdienst" zu Strukturmodellen
  10. Kurt Tepperwien: Krankheiten aus dem Gesicht erkennen. Pathophysiognomie. Mvg 2002