Phrenologie

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Mit dem Beginn der wissenschaftlichen Erforschung des Gehirns kurz vor 1800 kam die Idee auf, dass bestimmte Charaktereigenschaften und geistige Fähigkeiten in bestimmbaren Regionen des Gehirns angesiedelt seien. Wird eine geistige Fähigkeit gefördert, so wird auch diese Region größer, drückt auf den Schädel und erzeugt eine kleine Auswölbung. Begründer dieser Theorie war der Arzt und Anatom Gall.
Die Phrenologie gilt heute als überholt.

Geschichte

Die Phrenologie (Schädellehre nach Gall, Organologie) ist eine aus heutiger Sicht pseudowissenschaftliche Lehre des schwäbischen Arztes und Anatomen Franz Josef Gall (1758–1828), der in Wien lehrte und praktizierte. Wegen seiner materialistischen Auffassung des menschlichen Geistes musste er Wien 1805 verlassen und wurde in Paris mit offenen Armen aufgenommen. Bis zur Erfindung des Mikroskops galt in der Neuroanatomie die Lehre des Galen, wonach Gehirn und Rückenmark eine Flüssigkeit sezernieren und in die Peripherie des Körpers weiterleiten. Erst der Einsatz des Mikroskops ließ den tatsächlichen Aufbau des Nervengewebes erkennen; genauer beschrieben wurden diese Strukturen allerdings erst im späten 18. Jahrhundert durch den italienischen Arzt Camillo Golgi und den spanischen Histologen Santiago Ramon y Cajal, womit die eigentliche wissenschaftliche Erforschung unseres Nervensystems beginnen konnte. Golgi entwickelte unter anderem die Neuronentheorie. Diese besagt, dass einzelne Neuronen die elementaren Signalübertragungseinheiten des Nervensystems sind.

1791 veröffentlichte Galvani seine Entdeckung, dass sich Froschschenkel elektrisch reizen ließen, Tiere also über Elektrizität verfügten. Volta widersprach dieser Vorstellung explizit, bis es schließlich Alexander von Humboldt gelang, die Theorie des Galvani experimentell zu bestätigen.

In dieser Zeit erkannte man erstmals, dass die Großhirnrinde des Menschen funktionell gegliedert ist. Der erste, der mit dieser These auch Gehör fand, war der Anatom Franz Joseph Gall. Er fand heraus, dass verschiedene Strukturen der Großhirnrinde mit unterschiedlichen Regionen des darunter liegenden Hirnstammes verbunden waren und dass bestimmte Bereiche der Großhirnrinde spezifische Funktionen kontrollieren. Gall nahm damit an, dass das Gehirn nicht als einheitliches, zentralistisches Organ tätig sei, sondern sich in 35 "Organe" gliederte (später kamen noch weitere hinzu). Jedem Organ ließen sich, so Gall, bestimmte geistige Fähigkeiten, die "Seelenvermögen" (etwa Verschlossenheit oder Großzügigkeit), zuordnen.

Eine weitere These des Gall bestand darin, dass, wie beim Muskel, bei häufigem Gebrauch einer Region diese an Größe zunehme. Aus diesem Grunde würden am Schädel Wölbungen sichtbar und so ließen sich besonders stark entwickelte Gehirnregionen von außen nachweisen. Diese Lehre vom Zusammenhang zwischen Schädelform und Charakter nannte er Schädellehre oder Oranologie. Sein Schüler Spurzheim nannte sie ab 1818 Phrenologie. Gall löste damit die Physiognomik Lavaters ab, die aus dem Ausdruck des Gesichts auf die seelischen Eigenschaften schloss.

Der Franzose Pierre Flourens überprüfte Galls Thesen an Tieren experimentell und kam zum Ergebnis, dass nicht bestimmte Bereiche des Gehirns alleine für spezifische Verhaltensreaktionen verantwortlich sind, sondern sämtliche Gehirnregionen an allen geistigen Funktionen mitwirken. Damit betreffe die Verletzung einer bestimmten Region alle höheren Funktionen gleichermaßen. Diese später als Äquipotentialtheorie bezeichnete These wurde in der Fachwelt rasch akzeptiert. Vielleicht auch deshalb, weil Galls Theorie als „materialistisch“ galt und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine idealistische Gegenbewegung zum französischen Materialismus einsetzte. Man wandte sich gegen die Vorstellung, der menschliche Geist sei rein biologisch erklärbar. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde aber auch die Äquipotentialtheorie angegriffen, weil man am Beispiel der fokalen Epilepsie erkannte, dass verschiedene motorische und sensorische Vorgänge in unterschiedlichen Teilen der Großhirnrinde lokalisiert sind. Es entstand der zelluläre Konnektionismus, der der Äquipotentialtheorie diametral entgegengesetzt war.

Aus dem nicht nutzbaren Konzept der Phrenologie entwickelten sich jedoch im Laufe der Zeit weitere Verfahren:

  • Kraniometrie als Werkzeug der Rassenkunde
  • Hirnlokalisationslehren der Neurologie (funktionelle Neuroanatomie)

Daneben gibt es starke Ähnlichkeiten mit der ebenfalls im 19. Jahrhundert entwickelten (und ebenfalls unbrauchbaren) Kriminalanthropologie des italienischen Arztes Cesare Lombroso, die später von den Nationalsozialisten im Dritten Reich als Begründung für Zwangssterilisationen von Kriminellen und psychisch Kranken herangezogen wurde.

Die Phrenologie hatte auch weitreichenden Einfluss auf die Anthropologie. Es wurde an verschiedenen Stellen osteologische Sammlungen angelegt, die überwiegend aus Schädeln bestanden. Zu erwähnen sind die Rudolf-Virchow-Sammlung in Berlin oder die Blumenbach-Sammlung in Göttingen. Die anthropologische Forschung mit der typologischen und kraniometrischen orientierten Vorgangsweise war von Darwins Evolutionslehre weitgehend unbeeinflusst und währte lang in das 20. Jahrhundert hinein.

Das System der Phrenologie

Gall war überzeugt davon, dass das Gehirn der Sitz des Geistes sei und glaubte an einen kausalen Zusammenhang zwischen Schädelform und Charaktereigenschaften einerseits und an kleinräumig angeordnete Hirnareale andererseits, denen als Projektion auf die Oberfläche des Kopfes eine ganz spezifische Funktion zukomme.

Phrenologie als diagnostisches Verfahren: das phrenologische Beklopfen

In den USA wurde die Phrenologie auch pseudodiagnostisch eingesetzt: Der Patient erfuhr dabei kurze und heftige Schläge gegen den Kopf mit einem großen Holz- oder Gummihammer aus allen Richtungen. Anschließend wurde aus den Widerhalltönen, Reflexen und Reaktionen des Beklopften und anhand detaillierter phrenologischer Kataloglisten Schlüsse gezogen. So ließen sich ebenso Krankheitssymptome und -ursachen erklären wie Heiltherapien finden. Phrenologische Beklopfungshämmer wurden häufig eingesetzte Instrumente der amerikanischen Ärzte jener Zeit.

Siehe auch

Weblinks