Periphere Hirnstimulation nach Werth

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Erfinder Ulrich Werth (Bild: "Flieges Welt" von Jürgen Fliege)
Ulrich Werth bei "Flieges Welt".(Bild: "Flieges Welt")

Die Periphere Hirnstimulation nach Werth (auch Werth-Parkinson-Implantat-Therapie, WPIT, Implantatakupunktur nach Werth, ewige Nadel, Werth Parkinson Implant Therapy oder Peripheral Brain stimulation – PBS) ist eine seit 2001 bekannte umstrittene pseudomedizinische Behandlungsmethode der Parkinsonschen Erkrankung des deutschen Neurologen, Psychiaters und Akupunkteurs Ulrich Werth (geb. 24. Oktober 1948). Es handelt sich um eine Variante der Implantatakupunktur, ein alternativmedizinisches Verfahren, bei dem kleine Titan- oder Kunststoffstifte über sehr lange Zeit im Körper des Behandelten verbleiben sollen.

Die Periphere Hirnstimulation nach Werth (PBS) wird im Internet, in Illustrierten und im Fernsehen durch ein entsprechendes Marketing und Heilversprechen beworben. So kam Werth mit seiner Methode auch in einer Sendung von "Flieges Welt" des ehemaligen "Fernsehpfarrers" Jürgen Fliege zu Wort, ohne Kritik befürchten zu müssen. Zu den Versprechen gehört die Behauptung, nach PBS weniger Medikamente (z.B. L-DOPA) einnehmen zu müssen. Auch werden angebliche Therapieerfolge der Methode verbreitet. Die Behandlung soll in Valencia (Spanien) in einer Praxis namens Centro de Medicina Neuro-Regenerativa[1] erfolgen. Dies ist ein Nachfolger der Praxis in Valencia, in der auch Werth tätig war, und die zunächst als "Werth Implantat Therapie Center S.L.U.", später als "Werth Parkinson Center" betrieben wurde. Zeitweise wurde auch ein Institut für Akupunktur und periphere Hirnstimulation GmbH in Magdeburg genannt, wo Werth früher eine Praxis hatte.[2]

Zahlreiche Neurologen und die Deutsche Parkinson-Vereinigung e.V. warnen vor der Peripheren Hirnstimulation.[3] Werth selbst sieht hingegen einen "ganzen Industriezweig" und Neurologenkollegen gegen sich. Diese würden sich gegen seine Methode wenden, weil sie an Parkinsontherapie bzw. -forschung verdienen würden.

Methode

Demonstration der Stiftimplantation am Ohrmodell ("hier sitzt die substantia nigra". Bild: "Flieges Welt")
Titanstift
Titanstift unter dem Mikroskop
Lokalisierung der Implantate (Bild: U. Werth)

Die Periphere Hirnstimulation nach Werth ist eine Implantatakupunktur, die zum Zwecke einer Behandlung der Parkinson-Krankheit am Ohr des Patienten durchgeführt wird. Wegen der langen Verweildauer der Implantate handelt es sich um eine Dauerohrakupunktur zur "ewigen", also lebenslangen Implantation der eingesetzten kleinen Stifte. Verwendet werden dabei zwischen 70 bis 120 kleine Titantifte (bzw. Titannadeln), die an bestimmten Punkten (0,2 - 0,3 mm große "Reflexpunkte") in das Unterhautfettgewebe der Ohrmuschel implantiert werden. Zu Beginn der PBS wandte Werth nur 20-30 Implantate an, erhöhte dann aber die Zahl später, um Therapieeffekte zu steigern. Die Titanimplantate wurden als Gebrauchsmuster unter der Nummer 20101854 U1 registriert. Die Implantation erfolgt ambulant unter lokaler Betäubung und soll nach Angaben von Werth innerhalb einer halben Stunde durchführbar sein. Nach 6-12 Monaten sollen erneut einige Titanspitzen implantiert werden, um die Therapieeffekte zu steigern. Die Implantate stammen von einer französischen Firma, sollen kein Hinderungsgrund für MRT-Untersuchungen sein und sollen auch kein allergieauslösendes Potential haben. Eine Firma Lametec bietet derartige Implantate an.

Als Folge der Behandlung komme es zu einer Besserung der Symptome der auch als "Schüttellähmung" bekannten Parkinsonschen Krankheit und zu einer Zunahme der körpereigenen Dopaminproduktion (der Krankheit liegt ein Dopaminmangel im Bereich der substantia nigra im Mittelhirn zu Grunde). Werth:

Nach dem Konzept der Ohr-Akupunktur ist der ganze Körper in der Ohrmuschel abgebildet. Die im Ohr erzeugten Reize werden von drei Hirnnerven aufgenommen und an das zentrale Nervensystem (ZNS) weitergeleit. Der ausgelöste Reiz gelangt über neuronale Schleifen direkt zum Gehirn und über die Nervenbahnen weiter zum betroffenen Organ...Durch gezielte Reize am Reflexpunkt lassen sich Störungen des Organismus behandeln. Bei chronischen Erkrankungen reicht die kurzzeitige Stimulation durch eine einfache Ohr-Akupunktur nicht zur Verbesserung aus. Hier setzt die Implantat-Akupunktur an...Alle Reize, die durch Akupunktur ausgelöst werden, gelangen über das Zwischenhirn zu den angesprochenen Körperregionen. Durch den Einsatz eines Implantats erfolgt ein kontinuierlicher Reiz am Reflexpunkt. Dadurch wird das Informationssystem des Körpers mittels elektrischer Impulse aktiviert und das zentrale Nervensystem (ZNS) angeregt. Das ZNS wiederum stimuliert und aktiviert die Selbstheilungskräfte des Körpers und nimmt Einfluss auf die Abwehrkräfte und Nervenbotenstoffe, die den gesamten Körper versorgen. Durch den kontinuierlichen Reiz der Implantate werden diese Mechanismen dauerhaft reguliert und aktiviert.

Werths eigener Anekdote nach soll er durch Zufall auf das Prinzip der Methode gestoßen sein, auch wenn es sich dabei nicht um die Behandlung der Parkinson-Krankheit handelte. Bei einer Patientin mit einer Trigeminusneuralgie, die er mit Akupunktur behandelte, soll er eine "unter die Haut gerutschte" Nadel vergessen haben, woraufhin die eingewachsene Nadel eine Art Wunderwirkung entfaltet haben soll und die Schmerzen bei der Patientin verschwanden. Als Werth die Nadel später fand und diese entfernte, sollen sich die Schmerzen wieder in ursprünglicher Weise eingestellt haben und seien erst durch weitere aufwändige Akupunkturmassnahmen wieder zurückgegangen.

Letzendlich bezeichnet sich Werth als der Erfinder der dauerimplantierten Akupunkturnadeln.

Nach Angaben der "Deutschen Parkinsonvereinigung" koste das Verfahren dem Patienten 4000 Euro plus 10 Euro pro Nadel.[4] Die Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet. Da Werth den Patienten jeden einzelnen implantierten Titanstift in Rechnung stellte, wurde er in Magdeburg wegen Betruges zu einer Geldstrafe verurteilt und verlor in letzter Instanz seine ärztliche Approbation.

Die Implantationen sind nicht risikofrei. Prinzipiell kann es bei der Implantation zu einer Infektion kommen, Fremdkörperreaktionen mit Riesenzell- und Granulombildung sind möglich.

Unterstelltes Wirkprinzip

Ulrich Werth bezieht sich ausdrücklich auf den Erfinder der Ohrakupunktur, den französischen Arzt und Akupunkteur Paul F. M. Nogier (1908-1996) aus Lyon, der die Methode 1956 erfand. Die Ohrakupunktur ist wiederum eine Variante der Akupunktur aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Aus Sicht der Ohrakupunktur werde am Ohr der gesamte Körper abgebildet, die Meridianlehre der TCM spielt hierbei keine Rolle. Eine Stimulation bestimmter Punkte des Ohres übe dabei einen (stets positiven) Einfluss auf die als dazugehörig bezeichneten Körpergebiete oder Organe aus. Demzufolge seien die Effekte der PBS auch nicht auf die Parkinson-Krankheit beschränkt, vielmehr könne – zumindest in der Theorie - "jede Krankheit zentralnervösen Ursprungs" mit der PBS behandelt werden.

Grundlage der Behandlung ist auch die Annahme, dass bei Parkinsonkranken ein "selbsttherapierender körpereigener Selbstregulationsmechanismus" versage. Ein Dauerreiz auf entsprechende Akupunkturpunkte helfe dem ab.

Studienlage

Nach Angaben von Ulrich Werth seien bei vielen seiner behandelten Parkinson-Patienten Besserungen eingetreten. Das Spektrum der Ergebnisse reiche von einem "Stillstand" bis hin zu einem "fast vollständigen Rückgang aller Symptome". Nach seinen Angaben bräuchten 75% seiner Patienten nur noch halb so viel Parkinsonmittel, 10% bräuchten überhaupt keine Medikation, da sie "symptomfrei" seien. Bei 10% sei ein Stillstand zu beobachten und bei lediglich 5% der Patienten habe sich kein Erfolg gezeigt, weil "Störfelder" den Akupunkturerfolg zunichte gemacht hätten. Zusammengefasst wird behauptet, dass bei fast allen Patienten das Fortschreiten der Krankheit gestoppt worden sei und typische Parkinsonsymptome wie Unbeweglichkeit (Akinese), Rigor (Steifigkeit) oder Tremor (Zittern) nachhaltig reduziert worden seien. In diesem Zusammenhang berief sich Werth auch auf Angaben anderer behandelnder Neurologen und Kliniken. Nach Angaben des "Deutschen Parkinsonverbandes" (dPV) seien die meisten Kliniken, die von Werth als Referenz in seinen Veröffentlichungen genannt werden, gerichtlich gegen Behauptungen vorgegangen oder beabsichtigen dies zu tun.

Eine nicht verblindete, nicht placebokontrollierte Observationsstudie von Elemar Teshmar (Saarlouis, die Studie wurde vom DPV finanziert) an 60 Parkinsonpatienten, die entweder zusätzlich nach der Werth-Methode behandelt wurden, oder nicht entsprechend behandelt wurden, zeigte einzelne Besserungen bei der Implantat-Gruppe. Beide Gruppen erhielten gleichzeitig herkömmliche Parkinsonmittel. Die Gründe für das Ausscheiden von 7 Patienten wurden nicht angegeben. Als Nebenwirkungen zeigten sich bei einigen Patienten Schwellungen an den Implatationsorten am Ohr.[5] Eine von Werth durchgeführte Anwendungsbeobachtung gibt Besserungen durch Ohrakupunkturimplantate bei Trigeminusneuralgie, Schmerzsyndromen und anderen Indikationen sowie auch bei Morbus Parkinson an. Die Arbeit, die in einer Zeitschrift für Akupunktur veröffentlicht wurde, erfüllt nicht Ansprüche an eine wissenschaftliche Untersuchung.[6]

Ulrich Werth

Der 1948 geborene Ulrich Werth wurde 1982 promovierter Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Nach seiner Niederlassung (1991) machte er eine Akupunkturausbildung in Peking. Auf das Jahr 2001 gehen Werths erste Angaben zur Implantatakupunktur zurück.[7] Seit 2005 hat Werth eine Erlaubnis zur Ausübung des ärztlichen Berufs in Spanien.

Werth bezeichnet sich als "Gastprofessor für Neurologie und Akupunktur" an der "Universität Pune" in Indien, "Professor der Neurologie und Acupunktur" der "Universität in Neu Delhi".

2006 wurde Werth in Deutschland die ärztliche Approbation entzogen, er darf also nicht mehr als Arzt tätig sein. Dies entschied in letzter Instanz das Oberverwaltungsgericht Magdeburg. Werth hatte gesetzwidrig Gebühren nicht nach Sitzung, sondern pro einzelner gesetzter Nadel erhoben. Im Februar 2005 erhielt Werth deshalb durch das Amtsgericht Magdeburg einen Strafbefehl wegen 12-fachen Abrechnungsbetrugs.[8] Die Staatsanwaltschaft Magdeburg warf ihm auch vor, den Patienten fälschlich erzählt zu haben, dass die Krankenkassen einen Teil der Kosten tragen würden. Bereits zuvor war Werth 2002 wegen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Medizinproduktgesetz zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

Weblinks

Quellennachweise

  1. Centro de Medicina Neuro-Regenerativa, C/ Isabel la Católica 8, pta. 34ª, 46004 Valencia, Spanien
  2. Institut für Akupunktur und periphere Hirnstimulation GmbH, Hasselbachplatz 2, D-39104 Magdeburg. Die Firma wurde inzwischen gelöscht.
  3. http://www.parkinson-vereinigung.de/ohrakupunktur.htm
  4. http://www.parkinson-vereinigung.de/ohrakupunktur.htm
  5. www.parkinson-vereinigung.de/implantat_akupunktur.pdf
  6. Werth U: Möglichkeiten und Grenzen der Akupunktur mit implantierten Dauernadeln. Zeitschrift für Akupunktur 2002;30;1-5
  7. Werth, U. (Vortrag) Entdeckung der Implantat-Akupunktur - eine Anwendungsbeobachtung, ICMART International Symposium, Berlin 2001
  8. http://www.parkinson-vereinigung.de/dpv_nachr/dPV105_0708.pdf