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Der umgangssprachliche Begriff Übersäuerung meint eigentlich die medizinische Azidose und bezeichnet dann einen abnorm niedrigen pH-Wert (*) in Blut oder Gewebe (in diesem Falle Gewebsazidose). Dabei handelt es sich um einen behandlungsbedürftigen Zustand, der typischerweise auf Intensivstationen beobachtet und behandelt wird. Er ist Hinweis auf schwere Grundkrankeiten der Lunge und/oder des Stoffwechsels oder auf Herz-Kreislaufversagen. Abweichend davon wird der Begriff der Übersäuerung im Umfeld der Pseudomedizin jedoch ganz anders verstanden und ist eine beliebte Pseudodiagnose oder schlichte Verdachtsdiagnose, die von Hypothesen ausgeht. Derartige Pseudodiagnosen einer angeblichen Übersäuerung sind dann Begründung für alle möglichen Therapievorschläge. Typischerweise handelt es sich dann auch um angeblich chronische oder latente (also versteckte) Formen einer Übersäuerung des Körpers. Zum Nachweis einer Übersäuerung wird dann eine Vielzahl von meist untauglichen (pseudo)diagnostischen Methoden eingesetzt. Eine chronische Übersäuerung (gern auch als latente Übersäuerung bezeichnet) als Krankheit bzw. Krankheitsfaktor ist in dieser Form wissenschaftlich nicht anerkannt, da in den genannten Fällen keine messbare pH-Absenkung im Blut nachweisbar ist. Dieses pseudomedizinische Konzept ist als eine Form der Krankheitserfindung anzusehen.

Geschichtliches

Die Vorstellung der Körperübersäuerung hat ihre Wurzeln in der alten Säftelehre der Humoralpathologie. Von allen Zusammensetzungen unserer Körpersäfte wirkt sich die Säure zweifellos am schädlichsten aus, sagte Hippokrates etwa 400 Jahre vor Christus. Er definierte Krankheit als eine fehlerhafte Mischung der Körpersäfte. Im 17. Jahrhundert brachte der Franzose Francis de la Boe Sylvius ein Ungleichgewicht zwischen Säuren und Basen als Krankheitsursache ins Gespräch. Weitere Anhänger derartiger Überlegungen waren Howard Hay, Franz Xaver Mayr, Otto Warburg, Are Waerland (Waerland-Kost), Ragnar Berg und Bircher-Brenner. Von Mayr stammt der Ausspruch "Die Säure ist das Zellgift schlechthin", und von Bircher-Brenner stammt das Zitat: Wächst der Säureüberschuss so hoch an, dass die Nahrungsbasen nicht mehr hinreichen [...], so gerät der Organismus nach und nach in Säurenot, bis sich schließlich die Acidose, ein Zustand lebensgefährlicher Säurevergiftung, einstellt [...]. 1927 erschien ein Buch des amerikanischen Arztes Alfred McCann unter dem deutschen Titel Kultursiechtum und Säuretod, in dem ebenfalls die Übersäuerungshypothese vertreten wird. Ein Zitat daraus: Wir wissen, daß die Fleischdiät das Blut ansäuert und daß des Menschen einzige Verteidigungsmöglichkeit gegen die Angriffe von Krankheiten auf der normalen Alkalinität des Blutes beruht. Weil die Säuren über die Nieren ausgeschieden werden, bezeichnete McCann Fleischesser als "Nierenmörder". Der eigentliche Apostel der Übersäuerungs- und Schlackenhypothesen ist aber wohl Alfred Pischinger mit seinem so genannten System der Grundregulation.

Azidose in der wissenschaftlichen Medizin

Eine Azidose liegt vor, wenn im Blut ein pH-Wert unter 7,35 vorliegt. Die Normalwerte liegen beim Menschen zwischen 7,35 und 7,45. Allerdings sind manchmal auch geringfügig abweichende Referenzwerte in der Fachliteratur zu finden. Prinzipiell gelten die Referenzwerte der beauftragten zugelassenen Labore, die das Blut befunden (z.B. krankenhausinterne Labore) und auch auf Fragen Auskunft geben. Der Blut-pH-Wert wird meist aus arteriellem Blut bestimmt. Die Punktion von arteriellen Blutgefäßen ist schwieriger als die übliche Venenpunktion. Sie wird fast nur im klinischen oder intensivmedizinischen Bereich durchgeführt und erfordert Fachkenntnisse. Unterschieden wird ursächlich zwischen einer metabolischen und respiratorischen Azidose (die nicht Gegenstand des Artikels ist). Der pH-Wert des Menschen wird durch mehrere physiologische Puffersysteme konstant gehalten. Werte über 7,45 werden als ebenfalls behandlungsbedürftige Alkalosen bezeichnet, wenn diese dauerhaft vorliegen. Eine kurzzeitige Alkalose kann aber schon bei einer völlig harmlosen kurzen übermäßigen Atemtätigkeit (Hyperventilation) auftreten. Zum Beispiel beim Aufblasen von Luftmatratzen oder bei Angstzuständen in Kriegszeiten oder bei Katastrophen. Dann reicht meist das Atmen in eine Plastiktüte oder ein aufmerksames Zuwarten. Folge einer kurzzeitigen Alkalose kann ein sogenannter Ohnmachtsanfall, die Synkope, sein.

Patienten mit der Diagnose einer Azidose können sich problemlos in Bibliotheken über ihren Befund informieren. Die Azidose ist auch international eindeutig und unmissverständlich definiert; Behandlungsrichtlinien lassen sich ebenfalls finden.

Azidosen sind Symptom schwerer Grundkrankheiten und müssen entsprechend behandelt werden. Meist ist die Azidose von einer besonderen Form der Atmung begleitet: der angestrengt hechelnden Kussmaul-Atmung, die vom Geübten augenblicklich erkannt werden kann und diagnostisch von der angstbedingten Hyperventilation unterschieden wird. Azidosen tauchen bei Zuckerkranken auf, die sich zu wenig Insulin spritzten, aber auch bei schwerverletzten Unfallopfern mit Verletzungen des Brustkorbs.

Die Gewebsazidose ist getrennt zu betrachten. Im Muskelgewebe gesunder Sportler können bei körperlicher Anstrengung relativ niedrige pH-Werte gefunden werden, die sich bei Ruhe wieder normalisieren und kein Hinweis auf eine Azidose sind.

Sticksen

 
pH-Sticks

Beim Sticksen (auch: Stixen) werden preiswerte Papierstreifen aus der Apotheke verwendet (analog zum so genannten Lackmuspapier), die in die zu prüfende Flüssigkeit getaucht werden und anhand eines so genannten Farbumschlages auf grobe Weise den pH-Wert anzeigen können. Sie wären lediglich bei ausgeprägten Azidosen in der Lage, den zu niedrigen pH-Wert anzuzeigen. Sie sind zur Diagnose einer Azidose ungeeignet. Überalterte Sticks können auch falsche Werte anzeigen.

Pseudomedizinische Übersäuerung

Die Übersäuerung im pseudomedizinischen Gebrauch ist nicht an den oben genannten zu niedrigen Blut-pH-Wert gebunden, sondern wird eher inflationär gebraucht. Nicht jede pseudomedizinische Übersäuerung entspricht also einer medizinischen Azidose. Es handelt sich hier um einen typischen Fall eines Nocebo - disease mongering, also einer Krankheitserfindung. Patienten und Kunden, denen eine Übersäuerung zugeordnet wurde, hilft es also i.d.R. nicht, sich über den Zustand der Azidose anderweitig zu informieren, sondern sie müssen sich vom Behandler erläutern lassen, was eigentlich gemeint ist. Jeder Anwender entsprechender Übersäuerungsdiagnostik kann hier eigene Kriterien kreieren und anwenden oder sich auf zahlreich vorhandene tradierte Konzepte stützen.

Übersäuerungs- und Pseudo-Diagnostik

Bei pseudomedizinisch diagnostizierten Übersäuerungen wird meist auf die Bestimmung des Blut-pH-Wertes durch ein anerkanntes Labor verzichtet. Dies zum einen, weil der Blut-pH-Wert frischen Blutes lediglich bei tatsächlichen Azidosen unter 7,35 liegt und zum anderen auch aus rechtlichen und abrechnungstechnischen Gründen. Die Punktion einer Arterie wird hier meist gescheut. Stattdessen findet man in diesem Umfeld häufig eine Übersäuerungsdiagnostik durch:

  • Speichel-pH-Wertmessungen durch Sticksen
  • Urin-pH-Wertmessungen durch Sticksen
  • Bluttitration nach Jörgensen und Stirum
  • Umstrittene lichtmikroskopische Blutuntersuchungen zur Morphologie von Blutbestandteilen und Geldrollenbildung nach Vorschlägen von Befürwortern der Isopathie und analoger Methoden
  • Vermutungen anhand der bevorzugten Nahrung
  • Vermutungen anhand von Sodbrennen

Speichel- und Urin-pH schwanken im Laufe eines Tages beträchtlich und können allenfalls bei extremer Azidose eine Aussage ermöglichen. Die entsprechenden pH-Werte unterliegen einem circadianen Rhythmus (regelmäßiger Tagesgang), dessen individuelle Phasenlage aber zunächst bekannt sein muss (Schichtarbeiter?), um sie zu berücksichtigen. Dabei sind individuell unterschiedliche Ausprägungen normal. Die Messwerte im Speichel werden auch durch Mikrobenaktivität verfälscht und hängen stark von Nahrungsaufnahme und Medikamenteneinnahme ab. Diese Faktoren müssten jeweils berücksichtigt werden. Der Urin-pH-Wert wird ebenfalls durch Nahrung und Medikamente beeinflusst und kann durch Vorliegen von Entzündungen und Infekten verändert sein. Es muss also vor pH-Bestimmung ein Infekt ausgeschlossen werden.

Nach Angaben von Handelshäusern für basische Ernährung sollen 80% der Bevölkerung übersäuert sein, manche Angaben gehen sogar davon aus, dass dies auf die gesamte Bevölkerung zutreffe.

Pseudomedizinische Postulate zu Folgen

Aus Sicht pseudomedizinischer Konzepte führten die Übersäuerungen zu einer Vielzahl von Krankheiten, für die ansonsten keine Ursache gefunden würde. Dazu gehören:

Die Liste ließe sich noch weiterführen. Es gibt Pseudomediziner, die im Grunde jede Erkrankung mit Übersäuerung in Verbindung bringen.

Pseudomedizinische Therapien gegen unterstellte Übersäuerung

  • Heilfasten
  • Autogenes Training
  • Basische Ernährung. Dabei werden Nahrungsmittel bevorzugt, die angeblich weniger säureproduzierende Anteile und mehr basisch wirkende Anteile enthalten. Außerdem soll ernährungsbedingt mehr Säure ausgeschieden werden. Ungünstige Nahrungsmittel seien demnach Kaffee, schwarzer Tee, Alkohol, Fleisch, Hartkäse oder Süßigkeiten. Zusätzlich zu diesen Gesundheitsempfehlungen werden Nahrungsergänzungsmittel wie "Basentabletten" oder "Basenpulver" angeboten, die unterschiedlichste Mischungen aus Spurenelementen und anderen Mineralstoffen enthalten, oft auch in Kombination mit weiteren Stoffen wie Vitaminen. Eine Wirksamkeit der basischen Ernährung zur Vermeidung oben genannter übersäuerungsbedingter Krankheiten konnte bisher nicht nachgewiesen werden, abgesehen von Nebeneffekten durch eine insgesamt gesündere Ernährung. Die hessische Verbraucherzentrale bezeichnet basische Ernährung und entsprechende Nahrungsergänzungsmittel als überflüssig.[1] In ihrer Stellungnahme heißt es: Die natürlichen Puffersysteme des Körpers, eine ausgewogene Ernährung mit reichlich Gemüse und Obst, mäßig tierischen Lebensmitteln, viel Trinken sowie Bewegung schützen ausreichend vor Übersäuerung. Aus einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: Eine basenüberschüssige Kost bringt keine nachweisbaren gesundheitlichen Vorteile. Eine Übersäuerung des Körpers ist beim Gesunden nicht zu befürchten, da Puffersysteme den Säure-Basen-Spiegel im Blut und Gewebe konstant halten.[2]
  • Aderlass

(*) Der pH-Wert

Der pH-Wert gibt an, wie stark sauer oder basisch eine wässrige Lösung ist. Überlicherweise grenzt man die genutzte pH-Wert-Skala auf Werte zwischen 0 und 14 ein. 0 steht für eine sehr stark saure Lösung, 14 für eine sehr stark basische. Eine Lösung mit dem pH-Wert von 7 ist neutral, beispielsweise reines Wasser bei Raumtemperatur und normalem Druck.

Definiert wird der pH-Wert als negativer dekadischer Logarithmus der Konzentration der Wasserstoffionen in der Lösung: pH = -lg[c(H+)/molL^-1]. Genauer ist die Definition als negativer dekadischer Logarithmus der Aktivität der Oxoniumionen: pH = -lg[a(H3O+)]. Die Definition über die Konzentration ist für übliche, verdünnte Lösungen, wie sie im menschlichen Körper vorkommen, allerdings völlig ausreichend, da der Aktivitätskoeffizient für verdünnte Lösungen stets gegen 1 strebt.

Anschauliches Beispiel: Ist der pH-Wert des Blutes 7,0, so muss man die Säurekonzentration im Blut verzehnfachen, um einen pH-Wert von 6,0 zu erreichen. Um von 7,0 zu 5,0 zu gelangen, muss man sie verhundertfachen.

Es sind auch pH-Werte unter 0 und über 14 möglich. Diese werden in üblichen Skaleneinteilungen allerdings nicht beachtet und sind nur vergleichsweise aufwändig zu bestimmen. Verwendet man die Definition über die Konzentration, so erreicht man einen pH-Wert von -1 mit einer 10-molaren Salzsäurelösung, die etwas über 31% Chlorwasserstoff enthält. Durch Verwendung der Aktivität erreicht man den selben pH-Wert bereits bei niedrigerer Konzentration.

Literatur

  • Artikel in: ÖKO-TEST Dezember 2006

Weblinks


Quellennachweise