PhysioScreen 2

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PhysioScreen 2

PhysioScreen 2 (PhysioScreen 2 / Spect) ist ein pseudomedizinisches Diagnose- und Therapiegerät, das auf dem Alternativmedizinmarkt für etwa 18.000 € angeboten wird. Es ähnelt stark dem Oberon-Metatron-Diagnostik und dem Gerät Physiospect oder ist sogar mit diesen identisch. Das Scharlataneriegerät geriet im August 2018 in die Schlagzeilen der deutschen Presse, nachdem bekannt wurde, dass der ehemalige Rennradsportler Jan Ullrich ein PhysioScreen 2 als "Wundermaschine" erworben habe. Eine Rolle habe laut Presse ein Saarbrücker Unternehmer namens Gerd K. gespielt.[1]

Seriöse oder gar wissenschaftlich zu nennende Literatur liegt zum Gerät nicht vor. Das PhysioScreen wird daher in der Medizin auch nicht eingesetzt.

Dieses Gerät wird in einem typisch pseudowissenschaftlichen Jargon vermarktet. Die Rede ist beispielsweise von einem brain-machine-interface oder einer so genannten Quantenmedizin, nach der das Gerät funktionieren soll.

Ganz offensichtlich ist das Gerät PhysioScreen2 keine eigenständige Entwicklung. Es wurden in der Vergangenheit eine Vielzahl gleicher oder fast gleicher Geräte zu Preisen von etwa 25.000 bis etwa 30.000 € auf den Markt gebracht. Vermutet werden kann, dass in bestimmten zeitlichen Abständen neue Varianten auf den Markt kommen, die jeweils unter anderen Handelsnamen angeboten werden, um einen Platz in jeweiligen Marktnischen zu finden oder als Neuentwicklungen präsentiert zu werden. Der hier thematisierte PhysioScreen2 wird nur in Deutschland und dort nur von einer Saarbrückener Firma angeboten. Der inzwischen gesenkte Preis von nur noch 18.000 € lässt darauf schließen, dass sich derartige Produkte immer weniger gut verkaufen und "über den Preis" verkauft werden müssen.

Behauptetes Funktionsprinzip

Das PhysioScreen 2 gehört zu einer Gruppe von Geräten, die nach einem Prinzip "Nicht-Lineare Systeme" (NLS) funktionieren sollen. Nach verschwurbelt formulierten Werbeangaben zum PhysioScreen 2 soll das Gerät so genannte "Nanotechnologie-Wellen" aussenden können, die auf nicht nachvollziehbare Weise menschliche "Wellen" oder angenommene "Frequenzen" von Zellen korrigieren können, was stets positive Folgen ohne Nebenwirkungen habe. Des Weiteren soll das Gerät so genannte "Check ups" durchführen, also Befunde und Diagnosen stellen können. Hinzu kommen "Energiebilanzen", deren Sinn jedoch nicht erkennbar wird.

Da behauptet wird, dass das Gerät auch dann gestörte Funktionen im menschlichen Körper erkennen könne, bevor Symptome auftreten, lassen sich die pseudodiagnostischen Fähigkeiten prinzipiell nicht überprüfen und müssen zwangsläufig geglaubt werden. Wenn ein Arzt die erhobenen Daten des PhysioScreen 2 mit Labordaten, Röntgenbefunden und anderen Befunden nicht bestätigt, kann der Anbieter oder Anwender sich hier einfach auf die behauptete höhere Empfindlichkeit des Geräts berufen. Therapeutisch soll das Gerät PhysioScreen2 Körperzellen ein angeblich verloren gegangenes "Frequenzsignal" zurückgeben. Die gewählte Wortwahl zeigt, dass das gemeinte Funktionsprinzip mit dem der Bioresonanz übereinzustimmen scheint.

Die Datenerhebung soll über einen Kopfhörer erfolgen, den der Patient oder Kunde für rund eine Stunde aufsetzen muss. Offenbar funktioniert der PhysioScreen2 nach dem gleichen Prinzip wie das Gerät Physiospect: ein Laser (offenbar im Infrarot-Bereich) beleuchtet die Kopfoberfläche des Kunden. Ein von der untersuchten Person getragener Kopfhörer soll dabei die gemeinten Wellen einer "Bioenergie" empfangen können, die vom Hirnstamm stammen sollen. Der Kopfhörer ist mit dem PC verbunden. Angebliche Messwerte des Kopfhörers sollen dabei eine Art Funkpeilung von Erkrankungen des gesamten Körpers ermöglichen. Unterscheidbar seien dabei Störungen von 250 verschiedenen Organen. Genannt wird auch ein "interner Quarzgenerator" oder "torsion generator" (offenbar bezogen auf die Torsionsfeld-Theorie des Vakuums) mit einer Frequenz von 4,9 GHz. Erhobene oder erzeugte Daten werden auf einem PC-Bildschirm als Kurven oder Piktogramme wiedergegeben. Diese Daten sind zwar für eine seriöse Diagnostik unbrauchbar, können aber Kunden - insbesondere auf Grund des hohen Preises - beeindrucken.

Der Erfinder und die Nesterov-Familie

Vladimir Nesterov und Vera Nesterov auf der Messe Medica 2013 in Düsseldorf
Erfinder Vladimir Nesterov

Genaue Angaben zum Erfinder lassen sich nicht finden. In der Werbung ist stattdessen die Rede von ungenannten russischen Ingenieuren und Ärzten, die in der russischen Raumfahrt tätig seien, und mit dem Gerät in Verbindung gebracht werden. Im Zusammenhang mit dem PhysioScreen2 wird auch der Name eines russischen Professor Nesterov (oder Nesterow) genannt. Tatsächlich taucht dieser Nachname bei mehreren ähnlichen Scharlataneriegeräten auf. Da mehrere Personen mit Nachnamen Nesterov einschlägig bei Geräten dieser Art genannt werden, ist in manchen Veröffentlichungen auch von einer Nesterov-Familie die Rede.

Genannte Namen sind:

  • Ein russischer angeblicher Professor Svjatoslav (oder Svyatoslav) Pavlovich Nesterov (russ: Святослав Павлович Нестеров). Er wird in Werbebroschüren als Physiker bezeichnet und soll zu Zeiten der Sowjetunion einen Lenin-Preis erhalten haben. Er soll nach dem Ende der Sowjetunion in die USA emigriert sein, um für die NASA zu arbeiten, heißt es. Im Jahre 1921 geboren, soll er 1998 in New York im Alter von 77 Jahren gestorben sein. Er soll ursprünglich Ende der 80er Jahre einen so genannten "trigger sensor" erfunden haben, was zu den späteren NLS-Geräten geführt habe. Der gemeinte Trigger Sensor ist im Prinzip ein herkömmlicher Kopfhörer. Dem Patienten werden über ein Ohr Geräuschereignisse eingespielt und der gegenüberliegende Kopfhörer (dessen Schwingspule bekanntlich auch als Mikrophon eingesetzt werden kann) soll sodann "menschliche Wellen" empfangen können. Eine unkritische Beschreibung dieses Vorgangs findet sich in dem Buch von Johannes Ebbers: "Das Erbe Hahnemann's: Energetische Naturheilverfahren im 21. Jahrhundert".[2]
  • Der russische angebliche Professor Vladimir Igorevich Nesterov eines privaten Moskauer Instituts für angewandte Psychophysik (IPP) mit Sitz in Omsk, Moskau und Prag. Er soll Neffe von Svyatoslav Pavlovich Nesterov sein. Seine Ehefrau Vera Nesterov ist Direktorin seines IPP. Er wird als Erfinder der verwandten Oberon-Metatron-Diagnostik genannt. Er soll 1990 ein privates Institute of Practical Psychophysics (Omsk) gegründet haben. Vladimir Nesterov präsentiert in aufdringlicher Weise scheinakademische Titel und bedeutungslose Auszeichnungen. Unter anderem nennt er eine wissenschaftlich wertlose "I. Pavlov Medaille" der privaten Organisation Russische Akademie der Naturwissenschaften, die nichts mit der Russischen Akademie der Wissenschaften zu tun hat.
  • Igor Nesterov soll Sohn von Vladimir Igorevich Nesterov sein. Er soll die europäischen Aktivitäten der Nesterov-Firmengruppe leiten.

Einige Markenanmeldungen des IPP: Metatron, TOR DI, Metapathia TOR DI, Metapathia GR Hunter, NutriSoft und Red Dragon.

Hersteller und Vermarkter

Zum Hersteller des Geräts lassen sich keine Angaben finden. Als Großhändler scheint das Institut für Praktische Psychophysik (IPP) aus dem russischen Omsk zu sein, welches auch auf Medizinmessen präsent ist.

Einzig erkennbarer Varmarkter ist die Saarbrückener Firma Thalasso International von Agnes Kling-Schlicker.[3] Thalasso Internet bietet ansonsten Algenprodukte, Omega 3 Fettsäuren, Probiotika und Stevia an. Beziehungen scheinen zu französischen Lieferanten zu bestehen. Zur Glaubhaftmachung eigener Algenprodukte (zum Beispiel Chlorella) wird auf pseudomedizinische Messergebnisse mit Prognos-Geräten und Physioscan verwiesen.

Ähnliche Geräte

Weblinks

Quellennachweise

  1. https://www.focus.de/kultur/vermischtes/jan-ullrich-soll-ihm-eine-dubiose-wundermaschine-verkauft-haben-das-ist-sein-vertrauter-gerd-k_id_9419555.html
  2. Johannes Ebbers, Das Erbe Hahnemann's: Energetische Naturheilverfahren im 21. Jahrhundert, Books on Demand, Auflage: 1, Januar 2013
  3. Thalasso International, Agnes Kling-Schlicker, Futterstr. 10/ 1. Etage, D-66111 Saarbrücken, Deutschland