Das Ontogenetisch bedingte System der Mikroben ist eine pseudowissenschaftlich vorgetragene Hypothese des Wunderheilers Ryke Geerd Hamer und ist Bestandteil der Hamer'schen Naturgesetze seiner Aussenseiterlehre Germanischen Neuen Medizin.

Die Germanische Neue Medizin und ihre Mikrobenlehre nach Ryke Geerd Hamer ordnet Mikroorganismen im Rahmen eines eigens erfundenen ontogenetisch-bedingten Systems der Mikroben (4. Naturgesetz nach Hamer) eines erstaunliche Rolle zu, die mit Erkenntnissen der wissenschaftlichen Medizin nicht in Einklang zu bringen ist, und sich teilweise in bis dahin bereits bekannten Ansichten der anthroposophischen Medizin und anderen Lehren wiederfindet ohne dass Hamer jedoch in seiner Germanischen neuen Medizin darauf hinweisen würde. Auf Fakten oder Widersprüche dieser Aussenseiterlehre wird in diesem Artikel eingegangen.

Infektionskrankheit als rein psychosomatische Erkrankung

Einer der Eckpunkte der Hamerlehre ist die Behauptung dass es zwar einerseits Infektionskrankheiten und die entsprechenden Mikroben gäbe, diese Mikroben würdenim Falle eines Infektes auch tatsächlich im Körper nachweisbar sein, sie wäre jedoch nie Auslöser der Erkrankung. Eine Ausnahme wird bei Viren gemacht, deren Existenz einerseits generell in Frage gestellt wird, die jedoch andererseits bestimmte ektodermale Organe infizieren könnten. Hier kann sich die Lehre nach Hamer nicht entscheiden. Das Prinzip der Infektionskrankheit als Antwort auf eine von aussen einwirkende Mikrobe (über Infekte durch aktivierte und bereits im Körper befindliche Keime siehe weiter unten) verträgt sich nicht mit den Hamer'sche Naturgesetzen, die aus der Sicht ihrer Befürworter weiterhin Gültigkeit haben soll und nach der jegliche Erkrankung einen psychischen Ursprung hätte und nicht durch äußere Faktoren bedingt sei. Dies soll auch bei Infektionskrankheiten generell so sein - handelt es sich doch um ein unerschütterliches Naturgesetz. Dementsprechend wird der Zeitpunkt des Beginns einer Infektionskrankheit nach Hamer durch seine eigene, jedoch nur vage und paralogisch beschriebene Konfliktlehre festgelegt, nach der bestimmte Konfliktschocks notwendig seien um sein Naturgesetz rund zu machen. Aus der Infektionskrankheit wird eine psychosomatische Erkrankung gemacht, auch wenn in GNM-Kreisen und bei Hamer der Begriff der Psychosomatik verpönt ist, da er als akzeptierter Begriff dazu zwingen würde dokumentierte Erkentnisse der Psychosomatik zur Kenntnis zu nehmen um sie sodann komplett widerlegen zu müssen. Aber selbst Widerlegungsversuche sind nicht bekannt geworden. Stattdessen wird gerne auf falsche Behauptungen in diesem Zusammenhang zurückgegriffen, die auf rabulistische Weise leicht durch (tatsächlich überzeugende) Widerlegungen oder Benennung von Widersprüchen logisch widerlegt werden können - eine typisch illegitime Argumentationsweise im pseudowissenschaftlichen Umfeld (sog. Eristische Dialektik nach Schopenhauer).

Allgemein akzeptierte und reproduzierbare Tatsache ist dass für Infektionskrankheiten die entsprechenden Mikroorganismen (als Krankheitserreger) am entsprechenden Ort vorhanden sein müssen. Entweder als von aussen eindrigende Mikroben oder durch (Re)Aktivierung bereits vorhandener Mikroben unter bestimmten Umständen. Des weiteren gibt es eine wissenschaftliche komplexe Klassifikation von Erregern nach ihrer eigenen Pathogenität (die wiederum je nach Subtyp anders sein kann und die von externen Faktoren abhängt), sprich nach der Wahrscheinlichkeit auch schwere oder tödliche Erkrankungen zu bewirken (oder harmlos zu sein), dies jedoch auch in Abhängigkeit zum Ort der Infektion, Alter und Geschlecht des Patienten und in Anhängigkeit zu Vorerkrankungen,(möglicher) erworbener Immunität und seinem genetischen Profil sowie weiteren Faktoren (Medikamenteneinnahme, Stresszustände, Sport, Schwangerschaft usw). Als weitere Regel gilt für eine wachsende Erregerkonzentration auch eine wachsende Wahrscheinlichkeit der Infektion und Pathogenität. So toleriert der menschliche Körper beispielsweise eine sehr geringe Zahl an HI-Viren ohne später AIDS zu entwickeln.

Diese in Jahrhunderten gemachten Beobachtungen müssten jedoch nach der Hamerlehre häufig nicht beobachtbar sein, die Feinheiten und die komplexen Zusammenhänge der Entstehung einer Infektionskrankheit werden hier nicht zur Kenntnis genommen. Nach Hamer wäre in der akademischen Medizin fälschlicherweise und plump einzig die Anwesenheit einer Mikrobe notwendig um eine Erkrankung zu bewirken - eine Behauptung für die kein Beleg erbracht wird und allenfalls auf überholte Konzepte der Infektionslehre des 19. Jahrhunderts oder des Beginns des 20. Jahrhundert zutreffen kann und alle disponierenden Faktoren ignoriert. Zitat Hamer: ... Wir betrachteten ja die Mikroben auch als etwas „Bösartiges„ das wir ausrotten mussten. Das war barer Unsinn! Wir brauchen die Mikroben dringend, und zwar die ganze Palette, die in unserem Breitengrad üblich ist...

Nach Hamer würden auch Mikroben rein psychogen sich von pathogenen Erregern in apathogene umwandeln können [1]. Als Konsequenz ergibt sich nach der Hamerlehre somit eine Infektionserkrankung erst dann wenn der Betroffene um eine Infektion weiss (anders gelangt ja die Information einer Infektion nicht ins zentrale Nervensystem als über die Wahrnehmungen). Der Normalfall der Nichtkenntnis einer Infektion führte demnach nie zur Erkrankung. Hamer: ...An "AIDS" erkrankt nur, wer weiß, daß er HIV-positiv ist oder wer es von sich glaubt!... Dies wiedrum hätte zur Konsequenz dass es Infektionen durch nicht wahrnehmbare Mikroben (beispielsweise aerogen über die Luftwege oder verseuchtes Trinkwasser) nicht geben könne. Dies ist jedoch alltägliche Realität.

Mikroben als Helfer des Menschen

Zweiter pseudoargumentativer Eckpfeiler sind vermutete positive Auswirkungen von Infektionskrankheiten bzw von Mikrobenbesiedelungen, die für den Menschen in der von Hamer als allgemeingültig angeführten sogenannten zweiten Phase (sog. Heilungsphase) jeglicher Erkrankung hilfreich sein sollen. Das Immunsystem als solches gebe es übrigens nicht.

  • Sonderrolle der Mykobakterien und der Tuberkulose. Diese Bakterien, die serologisch und lichtmikroskopisch nachweisbar sind, sollen im Körper in der Lage sein Tumoren abzuräumen. Zitat Hamer: .. Fehlen uns z.B. „aus hygienischen Gründen„ die Mykobakterien (Tbc), dann können wir unsere Tumoren in der pcl-Phase nicht mehr abbauen... Auch ein Dickdarm-Karzinom kann erhebliche Komplikationen verursachen und muß dann chirurgisch entfernt werden, wenn keine Mykobakterien vorhanden sind....

Mikroben und sog. Keimbattverwandtschaft

Weiterer Eckpunkt ist eine postulierte Keimblattverwandtschaft von Mikroben. Nach Hamer würden zu bestimmten keimblattverwandten Organgruppen bestimmte keimblattverwandte Mikroben nach einem unbekannten System zuzuordnen sein.

Hamer unterteilt alle Mikroben (inkl. Viren) in verschiedene Klassen und zwar einerseits in Abhängigkeit zu ihrem von Hamer vermuteten stammesgeschichtlichen Alter und gleichzeitig in Abhängigkeit zur menschlichen individuellen Entwicklungsgeschichte von der befruchteten Eizelle bis zur Geburt (Ontogenese). Er unterstellt dabei stillschweigend ein ontogenetisches „Alter“ der verschiedenen Mikroben das zur Entwicklungsgeschichte des Menschen analog verlaufe. Hamer bezieht sich hierbei auf die inzwischen überholte Hypothese der Biogenetischen Grundregel (Rekapitulationstheorie) [2] des Darwinanhängers und Monisten Ernst Haeckel (1834-1919) und Ansichten von Karl Ernst von Baer [3], die in der menschlichen Entwicklungsgeschichte (Ontogene) eine analoge Wiederholung der Phylogenese sehen. Die Rekapitulationstheorie gilt heute als überholt und bezog sich sowieso lediglich auf den Phänotypus. Hamer nennt die Autoren jedoch nicht, auf deren alte Hypothesen er sich hier stillschweigend bezieht. Wenn also Hamer hier von alten Mikroben schreibt, meint er nicht ontogenetisch alt, sondern phylogenetisch alt. Warum er seine private Interpretation der millionen Jahre langen Stammesgeschichte der Mikroben parallel zur wenige Monate verlaufenden Entwicklungsgeschichte ablaufen lässt bleibt sein Geheimnis. So bleibt die Logik aussen vor wenn er schreibt: ...Die Bakterien liegen entwicklungsgeschichtlich zwischen Pilzen und Viren, [und] sind daher dem Mesoderm (mittleres Keimblatt) zuzuordnen.....

Benutzt wird hier überflüssigerweise der medizinisch nicht definierte Begriff der Pilzbakterie für die Gruppe der Mykobakterien. Pilze sind Eukaryonten, Bakterien Prokaryonten. Pilzbakterien als Zwitter gibt es nicht, allenfalls Bakterien die Pilze befallen können (von denen hier aber nicht die Rede ist). Allgemein soll die Regel gelten dass Viren Gewebe aufbauen würden, Pilze und Pilzbakterien dieses abbauen würden und Bakterien würden beides können.

  • Pilze und Pilzbakterien würden demnach bestimmte Organe entodermalen Ursprungs befallen, denen eine Innervation durch das Stammhirn unterstellt wird.
  • „alt-mittelalterliche Mykobakterien würden Organe mesodermaler Herkunft betreffen, die vom Kleinhirn inerviert seien.
  • Bakterien würden ebenso Organe mesodermalen Ursprungs betreffen, die jedoch von Bereichen des Großhirnmarklagers innerviert seien.
  • Viren würden in der menschlichen Ontogenese als letzte erscheinen und würden ausschließlich Organe ektodermalen Ursprungs betreffen, die von der Grosshirnrinde innerviert seien.

Die Realität sieht jedoch ganz anders aus: so gibt es zahlreiche und häufige Pilzerkrankungen von Organen ektodermalen Ursprungs die von der Grißhirnrinde innerviert sind (Hautpilze, Mundsoor, Onkomykosen usw) die es nach Hamer genauso nicht nicht geben dürfte wie eine Knochentuberkulose.

Bei dem Versuch Ontogenese des Menschen und Phylogenese der Mikroben logisch unter einen Hut zu bekommen, unterlaufen Hamer kapitale Fehler die seine ganzen weiteren Erfindungen beeinflussen und somit logisch in Frage stellen. Ontogenetisch entwickeln sich nämlich die primären Keimblätter der zweiblättrigen Keimscheine gleichzeitig in der 2. SSW. Erst ab der 3. SSW kann später von der Existenz eines Mesoderm gesprochen werden, noch später vom Neuralrohr. Es ist daher falsch die sich gleichzeitig entwickelnden Keimblätter Entoderm und Ektoderm in eine Hamer'sche Altzeit und Neuzeit einzuteilen und das Mesoderm ongenetisch-zeitlich dazwischen anzusiedeln. In der folgenden Embyogenese und Fetogenese entfernen sich einzelne Körperzellen immer mehr durch Differenzierung voneinander und von ihren Vorläuferzellen. (Thema der Transdifferenzierung und Stammzellen ausgeklammert).

Quellennachweise

  1. Hamer:...Auf den Befehl unseres Gehirns hin werden aus den vermeintlich pathogenen Mikroben wieder gutartige, apathogene Mikroben, die sich an irgendeine Stelle unseres Organismus zurückziehen, wo sie nicht stören, wo sie aber jederzeit, wenn sie wieder einmal benötigt werden, reaktiviert werden können...
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Biogenetische_Grundregel
  3. http://de.wikipedia.org/wiki/Baersche_Regel