Ontogenetisch bedingtes System der Mikroben

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Das ontogenetisch bedingte System der Mikroben ist eine pseudowissenschaftlich vorgetragene Hypothese des Wunderheilers Ryke Geerd Hamer und Bestandteil der Hamer'schen Naturgesetze seiner Außenseiterlehre Germanische Neue Medizin (GNM).

Hamer ordnet bestimmten Teilen des zentralen Nervensystems bestimmte Keimblätter zu, die nur während einer kurzen Zeit der Entwicklungsgeschichte des Menschen als Embryo existent seien. Er versucht, diese ontogenetisch (entwicklungsgeschichtlich) parallel zur geschichtlichen Entwicklung des menschlichen Nervensystems einzuordnen, um daraus ein eigenes System zu entwickeln. Zu Grunde liegende Literatur wird nicht genannt. Die Neuroanatomie mit ihren bekannten aufsteigenden und absteigenden Bahnen bleibt unberücksichtigt.

Keimblatt - Hirnstrukturzuordnungen

  • Entoderm - Stammhirn (Althirn).
  • Mesoderm - Entweder Kleinhirn oder subkortikale Kerngebiete und Großhirnmark.
  • Ektoderm - Großhirnrinde (Neuhirn).

Die jeweiligen Bezüge zwischen einem der drei Keimblätter und den genannten Teilen des zentralen Nervensystems bleibt unklar. Den Keimblättern selbst ordnet er aber korrekt die wissenschaftlich ermittelten Gewebe nach ihrer embryonalen Herkunft zu. Das bedeutet, dass es hier zu einer unzulässigen Vermengung von wissenschaftlichen Erkenntnissen der Embryologie mit eigenen Spekulationen kommt.

Das ontogenetisch bedingte System der Mikroben nach Hamer

Die GNM und ihre eigentümliche Mikrobenlehre ordnet Mikroorganismen im Rahmen eines eigens erfundenen ontogenetisch-bedingten Systems der Mikroben (4. Naturgesetz nach Hamer) eine erstaunliche Rolle zu, die mit Erkenntnissen der wissenschaftlichen Medizin nicht in Einklang zu bringen ist und sich teilweise in bis dahin bereits bekannten Ansichten der anthroposophischen Medizin und anderer Lehren wiederfindet, ohne dass Hamer jedoch in seiner GNM darauf hinweist. Auf Fakten bzw. Widersprüche dieser Außenseiterlehre wird in diesem Artikel eingegangen.

Infektionskrankheit als rein psychosomatische Erkrankung

Einer der Eckpunkte der Hamer'schen Lehre ist die Behauptung, dass es zwar Infektionskrankheiten und die entsprechenden Mikroben gebe; diese Mikroben seien im Falle eines Infektes auch tatsächlich im Körper nachweisbar, sie seien jedoch nie Auslöser der Erkrankung. Eine Ausnahme wird bei Viren gemacht, deren Existenz einerseits generell in Frage gestellt wird, die jedoch andererseits bestimmte ektodermale Organe infizieren könnten. Hier kann sich die Lehre nach Hamer nicht entscheiden. Das etablierte und allgemein akzeptierte Prinzip der Infektionskrankheit als Antwort auf eine von außen einwirkende Mikrobe (zu Infekten durch aktivierte und bereits im Körper befindliche Keime siehe weiter unten) verträgt sich nicht mit den Hamer'schen Naturgesetzen, die aus der Sicht ihrer Befürworter weiterhin Gültigkeit haben sollen. Nach dieser Lehre habe jegliche Erkrankung einen psychischen Ursprung und sei nicht durch äußere Faktoren bedingt. Dies soll auch bei Infektionskrankheiten generell der Fall sein - handelt es sich doch um ein unerschütterliches Naturgesetz. Dementsprechend wird der Zeitpunkt des Beginns einer Infektionskrankheit nach Hamer durch seine eigene, jedoch nur vage und paralogisch beschriebene Konfliktlehre festgelegt, nach der bestimmte Konfliktschocks notwendig seien, um sein Naturgesetz rund zu machen. Aus der Infektionskrankheit an sich wird eine psychosomatische Erkrankung gemacht, auch wenn in GNM-Kreisen und bei Hamer der Begriff der Psychosomatik verpönt ist, da er als akzeptierter Begriff dazu zwänge, dokumentierte Erkenntnisse der Psychosomatik zur Kenntnis zu nehmen und sie komplett widerlegen zu müssen. Aber selbst Widerlegungsversuche sind nicht bekannt geworden. Stattdessen wird in diesem Zusammenhang gern auf falsche Behauptungen zurückgegriffen, die auf rabulistische Weise leicht durch (tatsächlich überzeugende) Widerlegungen oder Benennung von Widersprüchen logisch widerlegt werden können - eine typisch illegitime Argumentationsweise im pseudowissenschaftlichen Umfeld (so genannte Eristische Dialektik nach Schopenhauer).

Allgemein akzeptierte und reproduzierbare Tatsache ist, dass für Infektionskrankheiten die entsprechenden Mikroorganismen (als Krankheitserreger) am entsprechenden Ort vorhanden sein müssen. Entweder als von außen eindringende Mikroben oder unter bestimmten Umständen durch (Re)Aktivierung bereits vorhandener Mikroben. Des Weiteren gibt es eine wissenschaftlich komplexe Klassifikation von Erregern nach ihrer eigenen Pathogenität (die wiederum je nach Subtyp anders sein kann und von externen Faktoren abhängt), sprich nach der Wahrscheinlichkeit, auch schwere oder tödliche Erkrankungen zu bewirken (oder harmlos zu sein), dies jedoch auch in Abhängigkeit zum Ort der Infektion, Alter und Geschlecht des Patienten und in Anhängigkeit zu Vorerkrankungen, (möglicher) erworbener Immunität, seinem genetischen Profil sowie weiteren Faktoren (Medikamenteneinnahme, Stresszustände, Sport, Schwangerschaft usw.). Als weitere Regel gilt für eine wachsende Erregerkonzentration auch eine wachsende Wahrscheinlichkeit der Infektion und Pathogenität. So toleriert der menschliche Körper beispielsweise eine sehr geringe Zahl an HI-Viren, ohne später AIDS zu entwickeln.

Diese in Jahrhunderten gemachten Beobachtungen müssten jedoch nach der Hamer'schen Lehre häufig nicht beobachtbar sein; die Feinheiten und die komplexen Zusammenhänge der Entstehung einer Infektionskrankheit werden hier nicht zur Kenntnis genommen, sondern einfach ersetzt. Nach Hamer sei in der akademischen Medizin fälschlicherweise und plump einzig die Anwesenheit einer Mikrobe notwendig, um eine Erkrankung zu bewirken. Eine Behauptung, für die kein Beleg erbracht wird, und die allenfalls auf überholte Konzepte der Infektionslehre des 19. Jahrhunderts oder des beginnenden 20. Jahrhunderts zutreffen kann und alle disponierenden Faktoren ignoriert. Zitat Hamer: "Wir betrachteten ja die Mikroben auch als etwas "Bösartiges" das wir ausrotten mussten. Das war barer Unsinn! Wir brauchen die Mikroben dringend, und zwar die ganze Palette, die in unserem Breitengrad üblich ist [...]".

Nach Hamer sollen sich auch Mikroben rein psychogen von pathogenen Erregern in apathogene umwandeln können.[1] Als Konsequenz ergibt sich nach der Lehre Hamers somit eine Infektionserkrankung erst dann, wenn der Betroffene um eine Infektion weiß (anders als über die Wahrnehmungen gelangt ja die Information einer Infektion nicht ins zentrale Nervensystem). Der Normalfall der Nichtkenntnis der Infektion führt demnach nie zur Erkrankung. Hamer: "An "AIDS" erkrankt nur, wer weiß, dass er HIV-positiv ist oder wer es von sich glaubt! [...]". Dies wiederum hätte zur Konsequenz, dass es Infektionen durch nicht wahrnehmbare Mikroben (beispielsweise aerogen über die Luftwege, verseuchtes Trinkwasser oder kontaminierte Speisen) nicht geben könnte. Dies ist jedoch alltägliche Realität, genau wie Epidemien, denen nach Hamer'scher Lesart quasi Massenpsychosen oder Massenpaniken vorausgehen müssten.

Mikroben als Helfer des Menschen

Zweiter pseudoargumentativer Eckpfeiler sind vermutete positive Auswirkungen von Infektionskrankheiten bzw. von Mikrobenbesiedelungen, die für den Menschen in der von Hamer als allgemeingültig angeführten so genannten zweiten Phase (der Heilungsphase) jeglicher Erkrankung hilfreich sein sollen. Das Immunsystem als solches gibt es in dieser Lehre übrigens nicht.

  • Die Sonderrolle der Mykobakterien und der Tuberkulose: Diese Bakterien, die serologisch und lichtmikroskopisch nachweisbar sind, sollen im Körper in der Lage sein, Tumoren abzuräumen. Zitat Hamer: "Fehlen uns z.B. "aus hygienischen Gründen" die Mykobakterien (Tbc), dann können wir unsere Tumoren in der pcl-Phase nicht mehr abbauen [...] Auch ein Dickdarm-Karzinom kann erhebliche Komplikationen verursachen und muss dann chirurgisch entfernt werden, wenn keine Mykobakterien vorhanden sind [...]". Dass Mykobakterien stets in Tumorgewebe nachweisbar seien, ist falsch und Befürworter der Neuen Medizin versuchen gar nicht erst, dies nachzuweisen.

Mikroben und so genannte Keimblattverwandtschaft

Weiterer Eckpunkt ist eine postulierte Keimblattverwandtschaft von Mikroben mit embryonalem Gewebe des Menschen. Nach Hamer sollen bestimmten keimblattverwandten Organgruppen des Menschen bestimmte keimblattverwandte Mikroben nach einem unbekannten System zuzuordnen sein.

Hamer unterteilt alle Mikroben (inkl. Viren) in verschiedene Klassen und zwar einerseits in Abhängigkeit zu ihrem von Hamer vermuteten stammesgeschichtlichen Alter und gleichzeitig in Abhängigkeit zur individuellen menschlichen Entwicklungsgeschichte von der befruchteten Eizelle bis zur Geburt (Ontogenese). Er unterstellt dabei stillschweigend ein ontogenetisches Alter der verschiedenen Mikroben, das zur Entwicklungsgeschichte des Menschen analog verlaufe. Hamer bezieht sich hierbei auf die Hypothese der Biogenetischen Grundregel (Rekapitulationstheorie)[2] des Darwinanhängers und Monisten Ernst Haeckel (1834-1919) und Ansichten von Karl Ernst von Baer[3] (Baer-Regel), die in der menschlichen Entwicklungsgeschichte (Ontogenese) eine analoge Wiederholung der Phylogenese sehen. Einen Naturgesetzstatus haben die Biogenetische Grundregel und die Baersche Regel indes nicht. Hamer nennt die Autoren der beiden Regeln nicht, auf deren Hypothesen er sich hier ohne Begründung, stillschweigend und quellenlos bezieht. Wenn also Hamer hier von alten Mikroben schreibt, meint er nicht ontogenetisch alt, sondern phylogenetisch alt. Warum er seine private Interpretation der Millionen Jahre langen Stammesgeschichte der Mikroben parallel zur wenige Monate verlaufenden Entwicklungsgeschichte ablaufen lässt, bleibt sein Geheimnis. So bleibt die Logik außen vor, wenn er schreibt: "Die Bakterien liegen entwicklungsgeschichtlich zwischen Pilzen und Viren, [und] sind daher dem Mesoderm (mittleres Keimblatt) zuzuordnen [...]". Er unterstellt hier stillschweigend, dass in der Entwicklungsgeschichte des Menschen das Mesoderm ontogenetisch analog zwischen Ekto- und Entoderm anzusiedeln sei. Ontogenetisch ist es jedoch das jüngste der drei Keimblätter und erscheint erst in der dritten Schwangerschaftswoche (3. SSW).

Eine den menschlichen Keimblättern analoge oder irgendwie abgeleitete Einteilung der Bakterien ist wissenschaftlich nicht bekannt und bleibt eine rein spekulative Hypothese ohne Herleitung. Bakterien gehören als Prokaryonten zu den ältesten Erscheinungen des Lebens, die sich jedoch andererseits gut an verschiedene extreme Bedingungen angepasst haben, aber dennoch von der Zellstruktur her in einem konservativen Sinne Prokaryonten geblieben sind. Zum Zeitpunkt des Erscheinens der ersten Bakterien gab es noch keinerlei Gewebe höherer Lebewesen wie das der Säugetiere, von den zellkernhaltigen, eukaryontischen Zellen der späteren Keimblätter ganz zu schweigen. Hamers Naturgesetze geben auch keine Auskunft über die mögliche Situation im Falle der zweikeimblättrigen Lebewesen (Coelenteraten). Phytopathogene Bakterien können auch Pflanzen befallen, bei denen es keinerlei Korrelat zu den Keimblättern aus dem Tierreich gibt. Auch dieser alltägliche Fall aus der Botanik passt in kein Schema der Naturgesetzerfindungen nach Hamer.

Verwendet wird hier überflüssigerweise der medizinisch nicht definierte Begriff der Pilzbakterie für die Gruppe der Mykobakterien. Pilze sind Eukaryonten, Bakterien Prokaryonten. Pilzbakterien als Zwitter gibt es nicht, allenfalls Bakterien, die Pilze befallen können (von denen hier aber nicht die Rede ist). Allgemein soll die Regel gelten, dass Viren Gewebe aufbauten, Pilze und Pilzbakterien dieses abbauten und Bakterien sollen beides können.

  • Pilze und Pilzbakterien befielen demnach bestimmte Organe entodermalen Ursprungs, denen eine Innervation durch das Stammhirn unterstellt wird.
  • Alt-mittelalterliche Mykobakterien beträfen Organe mesodermaler Herkunft, die vom Kleinhirn innerviert seien.
  • Bakterien beträfen ebenso Organe mesodermalen Ursprungs, die jedoch von Bereichen des Großhirnmarklagers innerviert seien.
  • Viren erschienen in der menschlichen Ontogenese als letzte und beträfen ausschließlich Organe ektodermalen Ursprungs, die von der Großhirnrinde innerviert seien.

Die Realität sieht jedoch ganz anders aus: So gibt es zahlreiche und häufige Pilzerkrankungen von Organen ektodermalen Ursprungs, die von der Großhirnrinde innerviert sind (Hautpilze, Mundsoor, Onkomykosen usw.), die es nach Hamer ebenso wenig geben dürfte wie eine Knochentuberkulose.

Hamers Unkenntnis der Embryologie des Menschen

Bei dem Versuch, Ontogenese des Menschen und Phylogenese der Mikroben logisch unter einen Hut zu bekommen, unterlaufen Hamer kapitale Fehler, die seine gesamten weiteren Erfindungen beeinflussen und somit logisch in Frage stellen. So schreibt Hamer: "Aus diesen "Urblättern" erwächst alles biologische Leben nach einem vorbestimmten Prinzip [...] Aus dem unterschiedlichen Alter der Keimblätter leitet sich auch das Alter der aus ihnen entstandenen Organe oder Organteile ab. Das innere Keimblatt ist das älteste; dann folgen das äußere und später das mittlere".[4] Anmerkung: inneres Keimblatt = Entoderm, äußeres Keimblatt = Ektoderm. Ontogenetisch entwickeln sich aber die primären Keimblätter der zweiblättrigen Keimscheibe gleichzeitig in der 2. SSW. Ab dem 8. Entwicklungstag kann von der Existenz eines Ektoderms und eines Entoderms gesprochen werden.[5] Erst ab der 3. SSW (ab dem 13. Entwicklungstag) kann später von der Existenz eines Mesoderm (als viszerales und als extraembryonales parietales Mesoderm) gesprochen werden. Epiblastzellen (Ursprung aller Keimblätter) schieben sich dann erst in der 3. SSW durch Invagination zwischen Ektoderm und Entoderm, um das mittlere Keimblatt als intraembryonales Mesoderm zu bilden. Es ist daher falsch, die sich gleichzeitig entwickelnden Keimblätter Entoderm und Ektoderm dem Hamer'sche Althirn (nach Hamer: Stammhirn und das Kleinhirn) und Neuhirn (Großhirn) zuzuordnen.

Das Kleinhirn ist ektodermalen und nicht mesodermalen Ursprungs. Was Hamer mit einem mesodermale Anteil des Groß- bzw. Kleinhirns meint, bleibt unklar.

In der folgenden Embryogenese und Fetogenese entfernen sich einzelne Körperzellen durch Differenzierung immer mehr voneinander und von ihren Vorläuferzellen. Der Bezug zu den Keimblättern der Embryonalzeit wird somit immer unwichtiger.

Das Thema der Transdifferenzierung (die Umwandlung von Zellen, die einem der drei Keimblätter angehören, zu Zellen eines anderen Keimblatts) und Stammzellen werden in Hamers Hypothese völlig ausgeklammert.

Impfungen und GNM

Nach der Hamerlehre sollen Impfungen nicht funktionieren, da sie nicht auf die auslösenden Faktoren und das zentrale Nervensystem orientiert sind und das Immunsystem als nicht existent angesehen wird. Daher gehören Hamer und seine Anhänger zu den Impfgegnern.

Quellennachweise

  1. Hamer: "Auf den Befehl unseres Gehirns hin werden aus den vermeintlich pathogenen Mikroben wieder gutartige, apathogene Mikroben, die sich an irgendeine Stelle unseres Organismus zurückziehen, wo sie nicht stören, wo sie aber jederzeit, wenn sie wieder einmal benötigt werden, reaktiviert werden können [...]".
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Biogenetische_Grundregel
  3. http://de.wikipedia.org/wiki/Baersche_Regel
  4. Hamer RG: Eine Einführung in die Germanische Neue Medizin® - Die Entwicklung des Menschen nach den drei Keimblättern. [1]
  5. Langbein J: Medizinische Embryologie, Thieme-Verlag, 7. Auflage 1985 Seite 40