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Erfinder Bradford
Werbung zu Dioxychlor

Dioxychlor (auch DC3 oder Bi-Ox-3, E 926) ist der markenrechtlich geschützte Handelsname eines angeblich homöopathischen Scharlatanerieproduktes, dem Anbieter nachsagen es hätte als "natürliches Antibiotikum" antibakterielle und gleichermaßen antivirale und fungizide (pilztötende) Eigenschaften, würde das Immunsystem "stärken" und wäre nebenwirkungsfrei. Damit sind bereits einige der zehn Indizien für Quacksalberei erfüllt.

Die Wundereigenschaften schreiben Hersteller und Anbieter der angeblichen Fähigkeit des Mittels zu, zu bekämpfenden anaeroben (also nicht auf Sauerstoff angewiesenen) Erregern "Sauerstoff zuzuführen".

Anzuwenden sei das Mittel mit allen möglichen Posologien: Mal oral in Tropfenform "C3", als Vaginaldusche, Mundspülung, zur Anwendung im Ohr, anal, auf der Haut als Gel "C2" und letzendlich auch intravenös als "C4".

Erfunden und angewandt worden sei Dioxychlor während des Ersten Weltkrieges auf Seiten der Alliierten und habe Menschenleben gerettet, wird von Dioxychlor-Anbietern anekdotisch verbreitet. Dioxychlor ist ein Produkt der windigen Firma "American Biologics" des Oxidologen Robert Bradford. Bradford war 1995 der Gründer einer Titelmühlen-Firma in Washington D.C. namens Capital University of Integrative Medicine (CUIM), die 2002 wieder schloss. An der Firma war es möglich, Titel wie etwa "professor of energy medicine" zu erlangen. An der CUIM fungierte Bradford als "professor of oxidology". Er gilt auch als Gründer des Committee for Freedom of Choice in Medicine, das sich für Amygdalin einsetzte. Bradford, seine Mitarbeiterin Brigitte G. Bird und John R. Toth wurden wegen "conspiring to violate federal food and drug laws and defraud individuals seeking medical care" angeklagt, da sie wirkungslose Mittel gegen die Lyme-Borreliose und zur vermeintlichen mikroskopischen Erkennung dazu angeboten hatten. Toth musste 40 Monate ins Gefängnis, da einer Patientin eine falsche Diagnose genannt wurde und sie ein ungeeignetes Mittel einnahm, an dem sie verstarb. Bradford wurde wegen illegalen Imports von Amygdalin in die USA verurteilt.

In deutscher Sprache wird Dioxychlor von der Firma "Cenaverde B.V." von den Niederlanden aus verkauft.[1] Geschäftsführer ist ein Bernd Esser. Eine Befürworterin ist die Heilpraktikerin Romana Kamps aus Langen. Auch ein "Medizinisches Zentrum Seegarten" eines John van Limburg Stirum im Schweizer Kilchberg bei Zürich bietet Dioxychlor-Behandlungen an (weitere Angebote des MZS betreffen z.B. Ukrain und Froximun).

Fachliteratur zu Dioxychlor fehlt. Anbieter verweisen jedoch auf alternativmedizinische Werke, die eine Wirksamkeit belegen würden, wie "Townsend Letter for Doctors & Patients". Genannt werden dabei auch Werke von Personen wie Dr. James & Phyllis Balch und ein Scott Gregory.

Dioxychlor ist vom Wirkstoff her identisch mit dem ebenfalls nicht zugelassenen Scharlatanerieprodukt MMS.

Warnungen vor Dioxychlor und Prozesse

2006 warnte die kanadische Aufsichtsbehörde vor Dioxychlor und zwei anderen Produkten der Firma American Biologics (Bismacine / Chromacine und Sulfoxime).[2][3] In den USA ist Dioxychlor nicht als Arzneimittel zugelassen.[4][5] Im April 2009 kam es zur Beschlagnahmung von Dioxychlor und anderen Mitteln und Gegenständen bei der alternativmedizinischen Einrichtung "The Haese Clinic of Integrative Medicine" eines Carl E. Haese in Las Cruces im amerikanischen Staat New Mexico. Haese hatte behauptet, mit Dioxychlor die Lyme-Krankheit behandeln zu können.[6][7]

Angaben über chemische Zusammensetzung

 
Herstellerangabe

Zur chemischen Zusammensetzung werden unterschiedliche Angaben gemacht. Einerseits soll Dioxychlor nach vagen Herstellerangaben eine "inorganische Natriumchlorid-Lösung" (also Kochsalzlösung) sein, die "oxidiert" (oxidized natrium chloride) sei und "wichtige Spurenmineralien" enthalte. Als Konzentrationsangabe sind 0,25% Kochsalz mit "combined" Oxygen zu finden.

Nach anderen Angaben sei es es aber eine Verbindung aus einem Chloratom mit zwei Sauerstoffatomen (ClO2), das oxidierende Eigenschaften habe. Trocken aufbewahrt habe es eine tiefrote Farbe, in Wasser gelöst werde Dioxychlor jedoch farblos. Somit ist dieses Mittel das toxische Chlordioxid.

Nach anderen Angaben soll Dioxychlor das Chlordioxid freisetzende Natriumchlorit enthalten.

Wunderindikationen

Zusätzlich zu einer angeblichen Wirksamkeit gegen Bakterien, Viren und Pilzen sagen Anbieter dem Mittel auch Wirkungen bei umweltbedingten Vergiftungen und dem MCS-Syndrom zu.

Weitere Indikationen sollen sein:

  • Peridontitis
  • Candida - Infekte
  • Legionärskrankheit
  • "Immunsystem-Probleme"

Eine sehr "starkes Potential" Wirkung habe Dioxychlor bei therapierefraktärem (tremendous potential refractory conditions) Fällen von AIDS haben, wobei ein deutscher Anbieter explizit darauf hinweist, dass die Existenz des HIV bislang nicht bewiesen sei.

Ausserdem desinfiziere die Lösung Wasser und halte Milch länger trinkbar. Bei verdorbenen Lebensmitteln würden auch 60 Tropfen zu je 3 ml ausreichen um der Situation abzuhelfen.

Nebenwirkungen

Das Mittel wird zwar als nebenwirkungsfrei angegeben, dennoch sei nach einer Behandlung mit der Herxheimer-Reaktion zu rechnen: Durch massiven Untergang pathogener Keim würde der menschliche Körper von Überresten der Erreger überschwemmt und es könnten sich daher Übelkeit und Durchfälle einstellen.

Dioxychlor und das Miracle Mineral Supplement (MMS)

Alles spricht dafür, dass die Anbieter von Dioxychlor Trittbretterfahrer des im Internet ebenfalls mit Wundereigenschaften beworbenen Scharlataneriemittels Miracle Mineral Supplement (MMS) sind, die mit einer anderen Entstehungsgeschichte und anderem Handelsnamen dieselbe Zielkundschaft im alternativmedizinischen Bereich im Auge hat.

Die Firma "Bradford Research Institute" bestätigt dies: The formula although somewhat weaker than MMS is the exact same chemical.[8]

MMS enthält das toxische und umweltgefährdende Chlordioxid als Wirkstoff, bzw. Natriumchlorit, das zu Chlordioxid dissoziiert. Chlordioxid ist bei Zimmertemperatur ein gelb-rötliches explosives und stechend riechendes Gas. Dass das Desinfektionsmittel Chlordioxid tatsächlich Keime abtöten kann, ist unbestritten. Es wird deshalb in der Trinkwasserdesinfektion zur so genannten Chlorierung eingesetzt, kann dem Wasser in Schwimmbädern einen charakteristischen Geruch verleihen und wird auch in der Papierindustrie zur Bleichung von Papier eingesetzt. Chlordioxid ist auch ein Konservierungsstoff für Lebensmittel mit der E-Nummer E 926.

Neben Dioxychlor und MMS werden analoge Produkte auch als "NACLO2" oder "Stabilized Electrolytes of Oxygen" verkauft.

Literatur

  • Lin JL, Lim PS. Acute sodium chlorite poisoning associated with renal failure. Ren Fail. 1993;15(5):645-8.
  • Contu A, Bajorek M, Carlini M, Meloni P, Cocco P, Schintu M. G6PD phenotype and red blood cell sensitivity to the oxidising action of chlorites in drinking water. Ann Ig. 2005 Nov-Dec;17(6):509-18.
  • Moore GS, Calabrese EJ. G6PD-deficiency: a potential high-risk group to copper and chlorite ingestion. J Environ Pathol Toxicol. 1980 Sep;4(2-3):271-9.
  • Moore GS, Calabrese EJ, Ho SC. Groups at potentially high risk from chlorine dioxide treated water. J Environ Pathol Toxicol. 1980 Sep;4(2-3):465-70.
  • Lubbers JR, Chauan S, Bianchine JR. Controlled clinical evaluations of chlorine dioxide, chlorite and chlorate in man. Environ Health Perspect. 1982 Dec;46:57-62.

Weblinks

Quellenangaben