Der Bund für (Deutsche) Gotterkenntnis nach Erich Ludendorff (9. April 1865-20. Dezember 1937[1] und seiner Frau Mathilde (4. Dezember 1877-12. Mai 1966[2]) auch Ludendorffer oder Ludendorffianer genannt, ist eine rechtsesoterische-völkische Weltanschauungsgemeinschaft mit Sitz in Tutzing am Starnberger See, die von den Verfassungsschutzbehörden als rechtsextrem eingestuft wird.[3][4][5] Der Bund für Gotterkenntnis hat die Rechtsform eines eingetragenen Vereins.

Die Anzahl der Mitglieder liegt eigenen Angaben zufolge bei 12.000, die Behörden gehen von nur 240 Mitgliedern aus.[6] Laut Verfassungsschutz Schleswig-Holstein hat der Bund in Norddeutschland einen Schwerpunkt.

Nach einem Bericht der TAZ sollen die Eltern eines an insulinpflichtiger Diabetes verstorbenen 4-jährigen Mädchens im Umfeld des Bundes für Gotterkenntnis gesehen worden sein. Die Eltern gelten als Anhänger der Germanischen Neuen Medizin. Sie hatten dem Kind das Insulin verweigert, das daraufhin starb.[7]

Weltanschauung

Der Bund für Gotterkenntnis wird der neugermanischen Szene zugeordnet, wobei die Religion auf das Volkstum reduziert wird. Es wird behauptet, dass die Religiosität eines Menschen eine biologisch vererbbare Eigenschaft und die jeweilige Gotterkenntnis rasseabhängig sei.[8]

Die Anhänger lehnen einen personalisierten Gott ab und suchen die Erkenntnis Gottes in dem sie umgebenden Weltall, das nach Überzeugung der Gemeinschaft von „göttlichen Wesen durchseelt“ ist. Diese Vorstellung ist laut Selbsteinschätzung pantheistisch, der Bund kenne keinen Kult und propagiert die Übereinstimmung der Naturwissenschaften mit der Religionsphilosophie Mathilde Ludendorffs.[9][10]

Die Weltanschauung des Bundes für Gotterkenntnis ist rassistisch und antisemitisch. Ein wichtiges Element der Ideologie ist die Trennung der Ethnien und Kulturen und die Vermeidung von Vermischungen, weil jedes Volk besondere Aspekte des Göttlichen repräsentiere und diese durch eine Vermischung von Volksgruppen und Kulturen angeblich verloren gingen. Das Wesen aller Erscheinungen wird als Gott angesehen.

Darüber hinaus ist die Gedankenwelt der Ludendorffer durch Verschwörungstheorien geprägt, wonach angebliche „überstaatliche Mächte“ wie Juden, Freimaurer, Jesuiten und die römisch-katholische Kirche die Weltherrschaft anstrebten.[3][11]

Geschichte

Der Bund für Gotterkenntnis hat seine Ursprung in der kirchenkritischen Bewegung im Nationalsozialismus. Diese diente als Sammelbecken für jene, die in dieser Zeit aus der Kirche ausgetreten waren, und fungierte als religiöser Ersatz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ludendorff-Bewegung eine der wenigen völkischen Bewegungen, die nach der nationalsozialistische Herrschaft weiter existierten.[12]

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges verschickte Mathilde Ludendorff Rundschreiben an die verbliebenen Anhänger und sprach diese als "Mitglieder unserer religiösen Vereinigung" an.[13] Geschützt durch die Religionsfreiheit aus dem Potsdamer Abkommen bekam Mathilde Ludendorff bereits 1947 die Genehmigung der amerikanischen Militärregierung, den Bund auf rein "religiöser Grundlage" neu zu gründen.

1951 wurde der Bund Bund für Gotterkenntnis offiziell neu gegründet und ins Vereinsregister eingetragen. 1961 wurde er durch die Innenminister der Länder als verfassungsfeindliche Organisation und „Keimgebiet antisemitischer Gruppengesinnung“ (Verfassungsschutzbericht 1963) verboten. Im Jahre 1976 erfolgte die Aufhebung des Verbots wegen Verfahrensfehlern, jedoch wird der Bund für Gotterkenntnis bis heute vom Verfassungsschutz beobachtet.

Seit 1952 wurde für eine Neuanmeldung für den Bund für Gotterkenntnis eine Kirchenaustrittsbescheinigung verlangt.[14] Die bereits vor 1933 formulierte Ideologie wird unverändert bis in die Gegenwart weitervertreten:

"Wir sind es gewohnt, in der Familie die heilige Kraftquelle eines wurzelfesten, rassebewußten Volkes zu sehen, und zu wissen, wie sehr sie auch noch den in ihrem Artbewußtsein entwurzelten Völkern Lebenskraft sichern kann." (Mathilde Ludendorff, 1930; veröffentlicht in: „Mensch und Maß“ Nr.18, 9/1989, S.863)

Einrichtungen und Veranstaltungen

 
Titelblatt der Zeitschrift "Mensch und Maß, Ausgabe Januar 2015

Verlage

Der Bund für Gotterkenntnis unterhält mit dem Verlag Hohe Warte einen eigenständigen unternehmerischen Zweig, der die Weltanschauung der Ludendorffer publizistisch verbreitet. Er ist Herausgeber der monatlich erscheinenden Zeitschrift „Mensch und Maß“, die u.a. fremdenfeindliche und geschichtsrevisionistische Inhalte verbreitet.[15]

Der antisemitische und geschichtsrevisionistische „Verlag für Ganzheitliche Forschung und Kultur“ (VGFK) mit wechselnden Unternehmenssitzen im Kreis Nordfriesland (Wobbenbüll, Struckum, Viöl) gehörte seit den 1970er Jahren zum ideologischen Umfeld der Ludendorffer. Er fertigte Reprints von bekannten völkischen und nationalsozialistischen Werken, z.B. "Die Geheimnisse der Weisen von Zion",[16] zum Berner Prozess,[17] aus der NS-Zeitschrift Welt-Dienst[18] sowie Veröffentlichungen von Autoren wie Wilhelm Kammeier und Helmut Schröcke. Zur Verschleierung der Herausgeberschaft des Verlags wurden auf dem Einband bzw. Titelblatt auch andere Namen verwendet, z.B. „Archiv-Edition“ oder „Faksimile-Verlag Bremen“. Als namentlicher Herausgeber wurde ein Roland Bohlinger genannt.[19]

Einrichtungen

Die „Ludendorffer" betrieben mehrere Privatfriedhöfe, die sie als Ahnenstätten bezeichnen und deren Nutzung den Angehörigen des Bundes vorbehalten ist bzw. war. Sie befinden sich im Eigentum von Gruppen, die mit dem Bund für Gotterkenntnis verbunden sind. Zum Beispiel fühlen sich die Vereinsmitglieder des Trägervereins "Ahnenstätte Hilligenloh e.V." gemäß ihrer Satzung "der Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs" verbunden.[20]

Im Jahr 1999 erwarb der Bund für Gotterkenntnis in Kirchmöser (Brandenburg) einen sanierungsbedürftigen Hof. Es wurde ein großer Saal, eine Mensa und zahlreiche Gästezimmer geschaffen.[21]

Veranstaltungen

Die weltanschaulichen Vorstellungen des BfG werden auf regelmäßigen Tagungen und Seminaren vermittelt. Daneben hat der Bund für Gotterkenntnis eine eigene Feierkultur, meist in Form von Sonnenwendfeiern, Trachten- und Tanzfesten.

1994 schätzte das schleswig-holsteinische Innenministerium die Aktivitäten wie folgt ein:

»Diese (Veranstaltungen) ziehen - über kleine und durchweg überalterte Kreise der BfG-Mitglieder hinaus - auch Angehörige anderer rechtsextremer Organisationen in nicht unbeträchtlicher Zahl an.«[22]

In der niedersächsischen Ortschaft Dorfmark im Landkreis Heidekreis (Lüneburger Heide) veranstaltet der Bund seit 1971, also schon zu Verbotszeiten, jedes Frühjahr zu Ostern ein Treffen. Immer wieder sind dabei auch bekannte Neonazis Gäste und Referenten.[23]

Allerdings gibt es Anhaltspunkte, dass derzeit vermehrt Wert auf die Teilnahme junger Leute gelegt wird. Ostern 2015 waren bei einem der Treffen mit ca. 100 Teilnehmern über zwei Dutzend Kinder und Jugendliche anwesend.[24]

Der „Arbeitskreis für Lebenskunde“ (AfL), der sich an der Philosophie Mathilde Ludendorffs orientiert, ist für Jugendveranstaltungen zuständig. Regelmäßig werden Ferienlager, Wanderungen und „philosophische“ Schulungen veranstaltet sowie „Lebenskunde“-Unterricht erteilt.[25]

Literatur

  • Bettina Amm: Die Ludendorff-Bewegung. Zwischen nationalistischem Kampfbund und völkischer Weltanschauungssekte, Diss., Hamburg 2006, ISBN 3-932681-47-9
  • Frank Schnoor: Mathilde Ludendorff und das Christentum. Eine radikale völkische Position in der Zeit der Weimarer Republik und des NS-Staates. Verl. Hänsel-Hohenhausen, Egelsbach u. a. 2001 (= Deutsche Hochschulschriften; 1192), ISBN 3-8267-1192-0. (zugl. Diss.; Universität Kiel 1998)
  • Gideon Thalmann, Felix Reiter: „Im Kampf gegen “überstaatliche Mächte” Die völkische Ludendorff-Bewegung – von “Jugenderziehung” bis “Ahnenpflege” Bildungsvereinigung ARBEIT UND LEBEN Braunschweig, April 2011, ISBN 978-3-932082-46-7

Weblinks

Quellenverzeichnis

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Ludendorff
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Mathilde_Ludendorff
  3. 3,0 3,1 Verfassungsschutzbericht Schleswig-Holstein 2000
  4. Verfassungsschutz Brandenburg: Antisemitischer Weltanschauungsverein lässt sich in Brandenburg nieder, 2008
  5. taz vom 12. Juni 2007: Mein deutscher Sommer
  6. Bundeszentrale für politische Bildung: Glossar Rechtsextremismus: Bund für Gotterkenntnis
  7. Rohkost statt Insulin TAZ
  8. Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen, S. 878, Harald Baer u. a. Freiburg u. a., ISBN 3-451-28256-9.
  9. www.ludendorff.info
  10. Stefanie von Schnurbein: Göttertrost in Wendezeiten. München 1993, S. 48
  11. Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus
  12. Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland. Kaiserreich und Weimarer Republik. Darmstadt 2008, S. 258f. ISBN 978-3-534-21354-2.
  13. Spruchkammerakten, Akte III, Blat 38 - 42, Eingang vom 16. Januar 1947
  14. Der Quell, 9. Oktober 1952
  15. www.hohewarte.de
  16. 2005, Reprint aus dem Verlag "Auf Vorposten" von 1919
  17. Darin u.a. ein Reprint aus dem Bodung-Verlag von 1935: Stephan Vász, Das Berner Fehlurteil...
  18. z. B. Der Beitrag des Judentums zur Entwicklung eines plutokratischen Staates in England. Welt-Dienst-Sonderausgabe vom 25. Mai 1940. Reprint 2006.
  19. Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.: Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur (VGFK)
  20. Karsten Krogmann: Wo alte Nazis friedlich ruhen dürfen Nordwest-Zeitung vom 27. September 2014
  21. Verfassungsschutz Brandenburg: Rassebedingte Gotterkenntnis - antisemitischer Weltanschauungsverein lässt sich in Brandenburg nieder
  22. Der Rechte Rand Nr. 37, Nov./Dez. 1995, S. 17.
  23. Webseite Norddeutscher Rundfunk: Bericht des NDR zur Tagung 2013
  24. Julian Feldmann: Völkische Ostern
  25. Publikative.org: [http.publikative.org/2011/12/06/holocaust-relativierung-und-kindererziehung/ Holocaustrelativierung und Kinderziehung]