Änderungen

Zur Navigation springen Zur Suche springen
14 Bytes entfernt ,  21:33, 9. Apr. 2012
K
keine Bearbeitungszusammenfassung
Zeile 1: Zeile 1: −
Ein '''Probiotikum''' (von gr. "pro" = für und "bios" = das Leben) sind Produkte, die entweder lebende oder lebensfähige Mikroorganismen enthalten, die oral (über den Mund) aufgenommen werden sollen um gesundheitliche Wirkungen zu entfalten.
+
Ein '''Probiotikum''' (von gr. "pro" = für und "bios" = das Leben) sind Produkte, die entweder lebende oder lebensfähige Mikroorganismen enthalten, die oral (über den Mund) aufgenommen werden sollen, um gesundheitliche Wirkungen zu entfalten.
    
Probiotika werden entweder als Lebensmittel ([[Functional Food]]), [[Nahrungsergänzungsmittel]] oder als zugelassene Arzneimittel angeboten.
 
Probiotika werden entweder als Lebensmittel ([[Functional Food]]), [[Nahrungsergänzungsmittel]] oder als zugelassene Arzneimittel angeboten.
   −
Ein '''Präbiotikum''' ist hingegen ein Präparat, das das Wachstum von bereits sich im Darm befindenden Mikroorganismen fördern soll.  
+
Ein '''Präbiotikum''' ist hingegen ein Präparat, das das Wachstum von sich bereits im Darm befindenden Mikroorganismen fördern soll.  
'''Symbiotika''' sind Mittel die sowohl als Probiotikum und als Präbiotikum angesehen werden sollen.  
+
'''Symbiotika''' sind Mittel, die sowohl als Probiotikum und als Präbiotikum angesehen werden sollen.  
 
Der Begriff Multi-probiotic bezieht sich auf Mischungen von Bakterien mit probiotischen Eigenschaften.
 
Der Begriff Multi-probiotic bezieht sich auf Mischungen von Bakterien mit probiotischen Eigenschaften.
   Zeile 10: Zeile 10:  
Insgesamt ergeben sich für Probiotika-Anwendungen schwerwiegende Probleme:
 
Insgesamt ergeben sich für Probiotika-Anwendungen schwerwiegende Probleme:
   −
* Die Menge der in Probiotika enthaltenen Erreger ist verschwindend gering im Vergleich zu den Bakterien und Pilzen, die sich bereits im Darm des Essenden befinden. Daher ist, wenn überhaupt, nur eine geringe Wirkung zu erwarten. Im Darm des erwachsenen Menschen leben schätzungsweise rund 100 Billionen Mikroorganismen, die in ihrer Gesamtheit als Darmflora bezeichnet werden. Die Gesamtzahl der Bakterien des Menschen liegt etwa zehnmal höher als die Zahl der Zellen des menschlichen Körpers. Die Gesamtmasse aller Bakterien eines Erwachsenen beträgt dabei etwa 2 Kilogramm. Dies ist ein Vielfaches des Gewichts der mit Probiotika zugeführten Keime. In einem Gramm Stuhl finden sich etwa 1 Billion Keime. Studien aus den Niederlanden und Großbritannien zeigen, dass in Proben aus Probiotika überhaupt keine oder nur sehr wenige lebende Bakterien enthalten waren, und dies auf dem Etikett falsch angegeben war. Die Zeitschrift "Ökotest" stellte 1999 viel niedrigere Konzentrationen in Joghurts fest, als auf dem Etikett vermerkt war. Zudem überlebten nur 10% bis maximal 40% der Keime den Weg durch Magen und Galle, der größere Teil kam also gar nicht im Darm an.
+
* Die Menge der in Probiotika enthaltenen Erreger ist verschwindend gering im Vergleich zu den Bakterien und Pilzen, die sich bereits im Darm des Essenden befinden. Daher ist, wenn überhaupt, nur eine geringe Wirkung zu erwarten. Im Darm des erwachsenen Menschen leben schätzungsweise rund 100 Billionen Mikroorganismen, die in ihrer Gesamtheit als Darmflora bezeichnet werden. Die Gesamtzahl der Bakterien des Menschen liegt etwa zehnmal höher als die Zahl der Zellen des menschlichen Körpers. Die Gesamtmasse aller Bakterien eines Erwachsenen beträgt dabei etwa 2 Kilogramm. Dies ist ein Vielfaches des Gewichts der mit Probiotika zugeführten Keime. In einem Gramm Stuhl finden sich etwa 1 Billion Keime. Studien aus den Niederlanden und Großbritannien zeigen, dass in Proben aus Probiotika überhaupt keine oder nur sehr wenige lebende Bakterien enthalten waren und dies auf dem Etikett falsch angegeben war. Die Zeitschrift "Ökotest" stellte 1999 viel niedrigere Konzentrationen in Joghurts fest, als auf dem Etikett vermerkt war. Zudem überlebten nur 10% bis maximal 40% der Keime den Weg durch Magen und Galle, der größere Teil kam also gar nicht im Darm an.
 
* Die über den Mund aufgenommenen Bakterien müssen den Magen passieren. Im Magen herrscht ein niedriger pH-Wert vor, der einen schädlichen Einfluss auf einen Großteil der zugeführten Bakterien hat.
 
* Die über den Mund aufgenommenen Bakterien müssen den Magen passieren. Im Magen herrscht ein niedriger pH-Wert vor, der einen schädlichen Einfluss auf einen Großteil der zugeführten Bakterien hat.
 
* Vermehrungsfähige Probiotika-Bakterien (etwa "Milchsäurebakterien") müssen im Darm eine Überlebensmöglichkeit haben. Im Darm müssen diese zugeführten Bakterien zusammen mit anderen Keimen und Pilzen koexistieren können. Um ein Absterben der Bakterien zu verhindern, werden diese auch verkapselt in Lebensmittel verbracht. Im baden-württembergischen Ellwangen steht beim Chemieunternehmen Rettenmaier & Söhne bereits eine Produktionsanlage, die das Verfahren zur Herstellung von mikroverkapselten "Lactobacillus reuteri"-Bakterien nutzt.
 
* Vermehrungsfähige Probiotika-Bakterien (etwa "Milchsäurebakterien") müssen im Darm eine Überlebensmöglichkeit haben. Im Darm müssen diese zugeführten Bakterien zusammen mit anderen Keimen und Pilzen koexistieren können. Um ein Absterben der Bakterien zu verhindern, werden diese auch verkapselt in Lebensmittel verbracht. Im baden-württembergischen Ellwangen steht beim Chemieunternehmen Rettenmaier & Söhne bereits eine Produktionsanlage, die das Verfahren zur Herstellung von mikroverkapselten "Lactobacillus reuteri"-Bakterien nutzt.
* Die Vermehrungsfähigkeit eines bestimmten Bakterienstammes muss zumindest bei einer großen Zahl von Anwendern nachweisbar sein. Studien die sich auf eine bestimmte Person beziehen, sind nicht generell auf die Gesamtbevölkerung beziehbar.
+
* Die Vermehrungsfähigkeit eines bestimmten Bakterienstammes muss zumindest bei einer großen Zahl von Anwendern nachweisbar sein. Studien, die sich auf eine bestimmte Person beziehen, sind nicht generell auf die Gesamtbevölkerung beziehbar.
 
* Auch viele konventionelle Lebensmittel, die nicht als Probiotikum beworben werden und seit Menschengedenken zur Ernährung des Menschen beitragen, können regelmäßig Bakterien oder Pilze in hoher Konzentration enthalten (etwa Gemüse oder Obst). Ein Probiotikum müsste daher, um seinem gesundheitsfördernden Ruf gerecht zu werden, eine bestimmte Wirkung erzielen, die über die allgemeinen Einflüsse auf die Gesundheit durch Obst oder Gemüse hinausgeht.
 
* Auch viele konventionelle Lebensmittel, die nicht als Probiotikum beworben werden und seit Menschengedenken zur Ernährung des Menschen beitragen, können regelmäßig Bakterien oder Pilze in hoher Konzentration enthalten (etwa Gemüse oder Obst). Ein Probiotikum müsste daher, um seinem gesundheitsfördernden Ruf gerecht zu werden, eine bestimmte Wirkung erzielen, die über die allgemeinen Einflüsse auf die Gesundheit durch Obst oder Gemüse hinausgeht.
* Bestimmte, mit Probiotika zugeführte, Keime können bei bestimmten Menschen zu Infektionen führen.
+
* Bestimmte, mit Probiotika zugeführte Keime können bei bestimmten Menschen zu Infektionen führen.
 
* Bei der Auszeichnung werden häufig falsche Angaben zum verwendeten Bakterienstamm gemacht. Es werden veraltete Bezeichnungen verwendet und sogar Fantasienamen für Bakterienstämme erfunden.
 
* Bei der Auszeichnung werden häufig falsche Angaben zum verwendeten Bakterienstamm gemacht. Es werden veraltete Bezeichnungen verwendet und sogar Fantasienamen für Bakterienstämme erfunden.
   Zeile 32: Zeile 32:  
In Großbritannien hatte die Werbeaufsicht im Oktober 2009 mehrere Werbespots für Actimel im Fernsehen gestoppt, weil die Behauptungen des Lebensmittelkonzerns zur gesundheitsfördernden Wirkung nicht erwiesen seien. In den USA führte die Vermartungsstrategie von Activia (durch die Inc.) im Jahre 2010 zu einer Reaktion der Regulierungsbehörde FTC.<ref>http://www.ftc.gov/opa/2010/12/dannon.shtm</ref>
 
In Großbritannien hatte die Werbeaufsicht im Oktober 2009 mehrere Werbespots für Actimel im Fernsehen gestoppt, weil die Behauptungen des Lebensmittelkonzerns zur gesundheitsfördernden Wirkung nicht erwiesen seien. In den USA führte die Vermartungsstrategie von Activia (durch die Inc.) im Jahre 2010 zu einer Reaktion der Regulierungsbehörde FTC.<ref>http://www.ftc.gov/opa/2010/12/dannon.shtm</ref>
   −
Die europäische Lebensmittelagentur EFSA überprüfte seit 2006 gesundheitsbezogene Werbeaussagen. Der Ausschuss für Verbraucherschutz im Europaparlament verbot am 21. März 2012 über 1500 Werbeslogans, darunter die Behauptung, so genannter probiotischer Joghurt stärke das Immunsystem.<ref>http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/49589</ref> Viele weitere Werbeaussagen über Probiotika dürfen nicht mehr verbreitet werden (siehe [http://ec.europa.eu/nuhclaims/?event=search&status_ref_id=5 EU Register on nutrition and health claims]). Insbesondere Actimel darf u.a. nicht mehr mit der Aussage beworben werden, das Durchfallrisiko durch Clostridium difficile-Toxin nach einer Antibiotikumtherapie zu reduzieren.<ref>http://www.efsa.europa.eu/en/efsajournal/doc/1903.pdf</ref>
+
Die europäische Lebensmittelagentur EFSA überprüfte seit 2006 gesundheitsbezogene Werbeaussagen. Der Ausschuss für Verbraucherschutz im Europaparlament verbot am 21. März 2012 über 1.500 Werbeslogans, darunter die Behauptung, so genannter probiotischer Joghurt stärke das Immunsystem.<ref>http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/49589</ref> Viele weitere Werbeaussagen über Probiotika dürfen nicht mehr verbreitet werden (siehe [http://ec.europa.eu/nuhclaims/?event=search&status_ref_id=5 EU Register on nutrition and health claims]). Insbesondere Actimel darf u.a. nicht mehr mit der Aussage beworben werden, das Durchfallrisiko durch Clostridium difficile-Toxin nach einer Antibiotikumtherapie zu reduzieren.<ref>http://www.efsa.europa.eu/en/efsajournal/doc/1903.pdf</ref>
   −
===Produkt Kijimea===
+
===Produkt Kijima===
Kijima ist ein Nahrungsergänzungsmittel der Münchner Firma "Dr. Fischer Gesundheitsprodukte GmbH".<ref>Dr. Fischer Gesundheitsprodukte GmbH, Bauerstr. 22, 80796 München</ref> Die Firma behauptet eine Wirkung im Sinne eines Probiotikums. Nach Herstellerangaben sei Kijima als ein "hochdosiertes Immunpräparat", das auf die afrikanische Volksgruppe der Massai zurückginge. Andererseits ist jedoch von einer nicht traditionellen, sondern "innovativen Mikrokulturen-Kombination" die Rede, die zur "Stärkung der Immunabwehr" führen soll und ein "afrikanischer Bodyguard für die Abwehr" sei.
+
Kijima ist ein Nahrungsergänzungsmittel der Münchner Firma "Dr. Fischer Gesundheitsprodukte GmbH".<ref>Dr. Fischer Gesundheitsprodukte GmbH, Bauerstr. 22, 80796 München</ref> Die Firma behauptet eine Wirkung im Sinne eines Probiotikums. Nach Herstellerangaben sei Kijima ein "hochdosiertes Immunpräparat", das auf die afrikanische Volksgruppe der Massai zurückginge. Andererseits ist jedoch von einer nicht traditionellen, sondern "innovativen Mikrokulturen-Kombination" die Rede, die zur "Stärkung der Immunabwehr" führen soll und ein "afrikanischer Bodyguard für die Abwehr" sei.
    
==Probiotische Arzneimittel==
 
==Probiotische Arzneimittel==
Zeile 44: Zeile 44:     
==Eingesetzte Keime, veraltete Namen und Fantasienamen==
 
==Eingesetzte Keime, veraltete Namen und Fantasienamen==
Die in Probiotika eingesetzten Bakterien müssen bestimmte Kriterien erfüllen, um überhaupt lebend in den Darm zu gelangen und um dort weiter leben zu können. Die Keime müssen weitgehend resistent gegen die Magensäure sein und müssen unter anaeroben Bedingungen (ohne Sauerstoff) wachsen können. Außerdem dürfen sie keine Toxine (Gifte) bilden und zur GRAS-Gruppe (Generally Recognized As Safe) gehören. Diese Kriterien treffen nur auf einige Bakterienarten zu:
+
Die in Probiotika eingesetzten Bakterien müssen bestimmte Kriterien erfüllen, um überhaupt lebend in den Darm zu gelangen und dort weiter leben zu können. Die Keime müssen weitgehend resistent gegen die Magensäure sein und unter anaeroben Bedingungen (ohne Sauerstoff) wachsen können. Außerdem dürfen sie keine Toxine (Gifte) bilden und zur GRAS-Gruppe (Generally Recognized As Safe) gehören. Diese Kriterien treffen nur auf einige Bakterienarten zu:
    
*Lactobacillus. Lactobacilli gehören zu den Milchsäurebakterien und tragen zur Fermentierung bei.
 
*Lactobacillus. Lactobacilli gehören zu den Milchsäurebakterien und tragen zur Fermentierung bei.
Zeile 50: Zeile 50:  
*Bifidobacterium Spezies (lat. bifidus = zweigeteilt). Die Bifidobakterien gehören zu den Milchsäurebakterien, die unter Bildung von Milch- und Essigsäure Kohlenhydrate spalten. Ihren Namen verdanken sie ihrer Y-Form.
 
*Bifidobacterium Spezies (lat. bifidus = zweigeteilt). Die Bifidobakterien gehören zu den Milchsäurebakterien, die unter Bildung von Milch- und Essigsäure Kohlenhydrate spalten. Ihren Namen verdanken sie ihrer Y-Form.
   −
Die Joghurtbakterien Lactobacillus delbrueckii ssp bulgaricus und Streptococcus salivarius ssp thermophilus, Lactobacillus helveticus können den Magen nicht unbeschadet passieren.
+
Die Joghurtbakterien Lactobacillus delbrueckii ssp bulgaricus, Streptococcus salivarius ssp thermophilus und Lactobacillus helveticus können den Magen nicht unbeschadet passieren.
    
Auf Etiketten von Probiotika können veraltete Bezeichnungen gefunden werden:
 
Auf Etiketten von Probiotika können veraltete Bezeichnungen gefunden werden:
8.396

Bearbeitungen

Navigationsmenü