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Übersäuerung

87 Byte entfernt, 17:27, 13. Dez. 2011
K
leichte Straffung
[[image:Uebersaeuerung.jpg|thumb]]
Der umgangssprachliche Begriff '''Übersäuerung''' meint eigentlich die medizinische '''Azidose''' und bezeichnet dann einen abnorm niedrigen pH-Wert (*) in Blut oder Gewebe (in diesem Falle Gewebsazidose). Dabei handelt es sich um einen behandlungsbedürftigen Zustand, der typischerweise auf Intensivstationen beobachtet und behandelt wird. Er ist Hinweis auf schwere Grundkrankeiten der Lunge und/oder des Stoffwechsels oder auf Herz-Kreislaufversagen.  Abweichend davon wird der Begriff der ''Übersäuerung'' im Umfeld der [[Pseudomedizin]] jedoch ganz anders verstanden und ist eine beliebte Pseudodiagnose oder schlichte Verdachtsdiagnose, die von Hypothesen ausgeht. Derartige Pseudodiagnosen einer angeblichen ''Übersäuerung'' sind dann Begründung für alle möglichen Therapievorschläge. Typischerweise handelt es sich dann auch um angeblich chronische oder ''"latente'' " (also versteckte) Formen einer Übersäuerung des Körpers. Zum Nachweis einer ''"Übersäuerung'' " wird dann eine Vielzahl von meist untauglichen (pseudo)diagnostischen Methoden eingesetzt. Eine chronische Übersäuerung (gern auch als ''"latente'' " Übersäuerung bezeichnet) als Krankheit bzw. Krankheitsfaktor ist in dieser Form wissenschaftlich nicht anerkannt, da in den genannten Fällen keine messbare pH-Absenkung im Blut nachweisbar ist. Dieses pseudomedizinische Konzept ist als eine Form der [[Krankheitserfindung]] anzusehen.
==Geschichtliches==
==Azidose in der wissenschaftlichen Medizin==
Eine Azidose liegt vor, wenn im Blut ein pH-Wert unter 7,35 vorliegt. Die Normalwerte liegen beim Menschen zwischen 7,35 und 7,45. Allerdings sind manchmal auch geringfügig abweichende Referenzwerte in der Fachliteratur zu finden. Prinzipiell gelten die Referenzwerte der beauftragten zugelassenen Labore, die das Blut befunden (z.B. krankenhausinterne Labore) und auch auf Fragen Auskunft geben. Der Blut-pH-Wert wird meist aus arteriellem Blut bestimmt. Die Punktion von arteriellen Blutgefäßen ist schwieriger als die übliche Venenpunktion. Sie wird fast nur im klinischen oder intensivmedizinischen Bereich durchgeführt und erfordert Fachkenntnisse. Unterschieden wird ursächlich zwischen einer metabolischen und respiratorischen Azidose (die nicht Gegenstand des Artikels ist). Der pH-Wert des Menschen wird durch mehrere physiologische Puffersysteme konstant gehalten. Werte über 7,45 werden als ebenfalls behandlungsbedürftige Alkalosen bezeichnet, wenn diese dauerhaft vorliegen. Eine kurzzeitige Alkalose kann aber schon bei einer völlig harmlosen kurzen übermäßigen Atemtätigkeit (Hyperventilation) auftreten. Zum Beispiel beim Aufblasen von Luftmatratzen oder bei Angstzuständen in Kriegszeiten oder bei Katastrophen. Dann reicht meist das Atmen in eine Plastiktüte oder ein aufmerksames Zuwarten. Folge einer kurzzeitigen Alkalose kann ein sogenannter ''so genannter Ohnmachtsanfall'', die Synkope, sein.
Patienten mit der Diagnose einer Azidose können sich problemlos in Bibliotheken über ihren Befund informieren. Die Azidose ist auch international eindeutig und unmissverständlich definiert; Behandlungsrichtlinien lassen sich ebenfalls finden.
Beim Sticksen (auch: Stixen) werden preiswerte Papierstreifen aus der Apotheke verwendet (analog zum so genannten Lackmuspapier), die in die zu prüfende Flüssigkeit getaucht werden und anhand eines so genannten Farbumschlages auf grobe Weise den pH-Wert anzeigen können. Sie wären lediglich bei ausgeprägten Azidosen in der Lage, den zu niedrigen pH-Wert anzuzeigen. Sie sind zur Diagnose einer Azidose ungeeignet. Überalterte Sticks können auch falsche Werte anzeigen.
==Pseudomedizinische ''Übersäuerung''==
Die Übersäuerung im pseudomedizinischen Gebrauch ist nicht an den oben genannten zu niedrigen Blut-pH-Wert gebunden, sondern wird eher inflationär gebraucht. Nicht jede pseudomedizinische Übersäuerung entspricht also einer medizinischen Azidose. Es handelt sich hier um einen typischen Fall eines [[Nocebo]] - ''disease mongering'', also einer [[Krankheitserfindung]]. Patienten und Kunden, denen eine Übersäuerung zugeordnet wurde, hilft es also i.d.R. nicht, sich über den Zustand der Azidose anderweitig zu informieren, sondern sie müssen sich vom Behandler erläutern lassen, was eigentlich gemeint ist. Jeder Anwender entsprechender Übersäuerungsdiagnostik kann hier eigene Kriterien kreieren und anwenden oder sich auf zahlreich vorhandene tradierte Konzepte stützen.
==''Übersäuerungs-'' und Pseudo-Diagnostik==Bei pseudomedizinisch diagnostizierten Übersäuerungen wird meist auf die Bestimmung des Blut-pH-Wertes durch ein anerkanntes Labor verzichtet. Dies zum einen, weil der Blut-pH-Wert frischen Blutes lediglich bei tatsächlichen Azidosen unter 7,35 liegt und zum anderen auch aus rechtlichen und abrechnungstechnischen Gründen. Die Punktion einer Arterie wird hier meist gescheut. Stattdessen findet man in diesem Umfeld häufig eine Übersäuerungsdiagnostik durch:
*Speichel-pH-Wertmessungen durch Sticksen
*Urin-pH-Wertmessungen durch Sticksen
Es sind auch pH-Werte unter 0 und über 14 möglich. Diese werden in üblichen Skaleneinteilungen allerdings nicht beachtet und sind nur vergleichsweise aufwändig zu bestimmen. Verwendet man die Definition über die Konzentration, so erreicht man einen pH-Wert von -1 mit einer 10-molaren Salzsäurelösung, die etwas über 31% Chlorwasserstoff enthält. Durch Verwendung der Aktivität erreicht man den selben pH-Wert bereits bei niedrigerer Konzentration.
==siehe Siehe auch==*[[basisches Basisches Wasser]]
==Literatur==
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