Krebspersönlichkeit

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Michael Roscher: "Die Krebs-Persönlichkeit: Charakter, Schicksal und Chancen. Mit Mondpositionen und Aszendentenbestimmung" (Taschenbuch, Goldmann Verlag) als typisches an Laien gerichtetes gebrauchsesoterisch-astrologisches Werk zum Thema

Der Begriff der Krebspersönlichkeit beschreibt einen hypothetisch gebliebenen Menschentypus, der nach verschiedenen, mittlerweile überholten Hypothesen vermehrt dazu neige, an Krebs zu erkranken. Dieser Typus weise bestimmte intersubjektiv erkennbare Persönlichkeitsmerkmale auf. Ein wissenschaftlicher Nachweis für die Existenz dieses Menschentypus existiert nicht.

Des Weiteren widersprechen sich einzelne Konzepte: ein Faktor, der innerhalb einer der Hypothesen krebsfördernd sein soll, kann innerhalb einer anderen Hypothese die umgekehrte unterstellte Wirkung haben. Die These von der postulierten „Krebspersönlichkeit“, einhergehend mit einem „Typ-C-Verhalten“, lässt sich heute nicht mehr aufrechterhalten. Es findet sich nach Berücksichtigung der bis heute vorgenommenen Untersuchungen kein Anhaltspunkt für ein persönlichkeitsgebundenes erhöhtes Krebsrisiko.[1][2]

Dennoch ist der Glaube an die Krebspersönlichkeit bei vielen Menschen verwurzelt und fand, trotz Fehlens von Belegen, Eingang in eine Vielzahl von alternativmedizinischen und Außenseiter-Konzepten.

Nach Reinhold Schwarz (Leiter der Abteilung Sozialmedizin Uni Leipzig) existiere eine Krebspersönlichkeit, aber eben erst nach einer Krebs-Diagnose, wobei sich deutliche Unterschiede zwischen Patienten mit bösartigen und gutartigen Krebsarten unterscheiden lassen. Die postulierte Krebspersönlichkeit trage nach Schwarz laut Studienlage auch allenfalls weibliche Züge und zeigte paradoxerweise bei den überwiegend männlichen Lungenkrebspatienten das umgekehrte Bild.

Prinzipiell muss zwischen möglichen direkten und indirekten Einflüssen unterschieden werden. Einerseits kann die Interaktion zwischen Psyche und dem Immunsystem die Krebsentstehung prinzipiell beeinflussen. Andererseits ist jedoch bekannt, dass unsere Psyche die Lebensgewohnheiten beeinflusst und daher auch unsere Bereitschaft zu krebsförderndem oder -hemmendem Verhalten. Wer sich viel "aufregt", raucht vielleicht auch mehr oder bewegt sich weniger, trinkt mehr Alkohol (bekannter krebsfördernder Faktor) oder geht seltener zum Arzt. Des Weiteren muss klar zwischen dem individuellen psychischen Profil eines Menschen und den psychischen Folgen einer schweren Erkrankung unterschieden werden.

Eine allgemein akzeptierte Theorie einer psychosomatischen Ursache von Krebs gibt es nicht. Die Krebsentstehung wird heute multifaktoriell gesehen, mit psychosozialen Faktoren, die aufgrund der gemachten Beobachtungen nur von sekundärer Bedeutung sind.

Das Thema einer identifizierbaren Krebspersönlichkeit des typus carcinomatosus, des cancer-prone Typus C nach Lydia Temoshok bzw. Typ I nach Ronald Grossarth-Maticek ist aufgrund der Studienlage ad acta, genau wie neurotische Modelle (Krebs als Geburtserlebnis, Libidostau bei Wilhelm Reich) der dynamischen Psychologie.

In der Folge wurde in vielen Studien (mehrere Hundert) untersucht, ob es kausale Zusammenhänge zwischen der Depression, Stress (chronisch oder akut), traumatisch erlebten Ereignissen (life-event 11. September 2001, Tod eines Angehörigen) und Krebs gäbe. Viele Untersuchungen beschäftigten sich in diesem Zusammenhang mit dem häufigen Brustkrebs der Frau. Zu dieser Fragestellung publizierte die dänische Krebsgesellschaft 2005 eine groß angelegte Studie mit 8.527 Teilnehmern. Typische Merkmale von Lebenskrisen und vitaler Erschöpfung, dauerhafte Übermüdung, Energieverlust, Reizbarkeit und allgemeine Demoralisierung wurden dabei erfasst. Innerhalb von 8,6 Jahren nach der Befragung waren 976 Studienteilnehmer an Krebs erkrankt (12%). Die vital erschöpften und unglücklichen Menschen waren aber in dieser Gruppe keineswegs in der Überzahl. Im Gegenteil: Die "Pessimisten" wiesen sogar eine um 20% niedrigere Krebsrate auf.[3][1]

Krebspersönlichkeit, Schuldzuweisungen und Positiv Denken

Mit dem Konzept der Krebspersönlichkeit sind häufig auch Schuldzuweisungen in Richtung Patient verbunden. Der starke Glaube an einen Einfluss der Psyche auf Krebs kann dazu führen, dass Betroffene zwanghaft versuchen, negative Gefühle aller Art auszublenden, um einen künstlichen Zustand des dauerhaften Positiv Denkens anzustreben. Die Psychoonkologin Susanne Singer von der Universität Leipzig berichtete beispielsweise von einer jungen Brustkrebspatientin, die nicht weinen wollte, weil die Tränen angeblich Nahrung für die Krebszellen seien, wie man ihr einredete. Als Tyrannei des positiven Denkens hat die amerikanische Begründerin der Psychoonkologie Jimmie Holland dieses Phänomen scharf kritisiert. Denn das zwanghafte Unterdrücken negativer Gefühle kann zur seelischen Dauerbelastung werden und die Lebensqualität beeinträchtigen.

Historische Hypothesen und Ansichten zur Krebspersönlichkeit

Bereits im Altertum gab es Vorstellungen um bestimmte menschliche Merkmale, deren Anwesenheit Krebs bedingen sollte. Die Schwermut oder Melancholie (bzw. Depression) wird seit dem griechischen Arzt Galenus mit Krebs in Verbindung gebracht. Galenus zufolge erkrankten melancholische Frauen an Brustkrebs. Im 19. Jahrhundert ging man vielerorts noch davon aus, dass so genannte Nervenzusammenbrüche dem Krebs vorangingen und generell Stress Krebs auslöse. Der Glaube an eine psychische Ursache von Krebs ist bei einem Teil der Bevölkerung tief verwurzelt. 40% der Australier glauben, dass Stress Krebs auslöse, und 38% der Kanadierinnen glauben, dass Stress die Ursache von Brustkrebs sei. Auch viele Artikel in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen, der Boulevardpresse oder Fernsehsendungen fördern diesen Glauben. Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien stellt dies jedoch in Abrede und belegt nur sehr schwache oder nicht vorhandene Einflüsse der Psyche auf Krebsentstehung und Krankheitsverlauf. Gerade neuere, methodisch bessere (gerade prospektive) Studienergebnisse zeigen, dass die Psychogenese des Krebs nicht bewiesen werden konnte. Ein für den Patienten günstige und optimale psychologische Unterstützung kann jedoch den Krankheitsverlauf geringfügig günstig beeinflussen.

Wilhelm Reich

Wilhelm Reich

Reich äußerte als Psychiater ebenfalls Vermutungen zur Entstehung von Krebs (Biopathie des Krebses) und erfand dazu im Jahre 1938 verschiedene Bluttests (Zerfallprobe, Kulturprobe, biologische Resistenzprobe). Eine Störung der natürlichen Pulsationsfunktion des Organismus und die übermäßige Abfuhr biosexueller Energie führten ihm zufolge zu einer so genannten Biopathie. Reich kommt zu dem Schluss, dass es zwei biologische Grundreaktionen auf eine chronische Sexualstauung oder allgemeine affektive Blockierungen anderer Art gebe:

  • entweder man blockiert äußerlich Abreaktion starker Emotionen, erlebt sie aber nach wie vor im Inneren in Form von Angstanfällen oder innerer Erregung
  • oder der Organismus reagiert mit einem Prozess des inneren Rückzugs, der Resignation, der den Affekten die Energie entzieht.

Krebs wird von ihm als eine Form der Biopathie verstanden, Krebs-Biopathie oder Schrumpfungsbiopathie, bei der eine langanhaltende bioenergetische Schrumpfung des Organismus beobachtbar sei. Letztendlich macht Reich Krebs zu einer psychosomatischen Erkrankung: Krebspatienten litten an Störungen der Sexualität, seien emotional blockiert.

Die Krebspersönlichkeit nach Ronald Grossarth-Maticek

Grossarth-Maticek

Nach Grossart-Maticek disponieren bestimmte psychologische Merkmale des Menschen zur Entstehung von Krebserkrankungen und er entwickelte dazu ein entsprechendes System. Derartige Hypothesen wurden bereits vor über 2.000 Jahren formuliert und spielten bis hinein ins 20. Jahrhundert eine begrenzte Rolle.

1985 veröffentlichte Grossarth-Maticek von der Universität Heidelberg eine aufgrund der Methodik und Statistik umstrittene Untersuchung von 1.300 Menschen, die er über zehn Jahre beobachtet hatte. Er kam aufgrund dieser Arbeit zum Schluss, dass eine Psychotherapie in der Lage sei, zur Verhütung von Krebs beizutragen[4]. Mittels einer Kohortenstudie (Fragebogen zum Konzept der Selbstregulation) unterschieden die Autoren Grossarth-Maticek und Helm Stierlin 6 Typen, von denen Typ I die höchste Krebs- und Typ II die höchste Herzinfarkterkrankungsrate aufwiesen. Der Typ IV hatte dagegen die höchste Überlebensrate. Die 6 Typen sollen dabei sechs unterschiedliche Formen mehr oder weniger gelingender oder misslingender Selbstregulation beschreiben. Die spezifische Krebspersönlichkeit nach Grossarth-Maticek (Typ I) sei im Grunde genommen der Versagertyp: depressiv, harmoniebestrebt und unterdrücke seine Gefühle. Die individuelle Biographie und die Unfähigkeit zur Autonomie seien in diesem Zusammenhang von entscheidender Bedeutung und als wesentliche Ursachen anzusehen. Ähnlichkeiten ergeben sich zum Typus C nach Temoshok (cancer-prone typus).

Empirische Studien widerlegten jedoch seine Angaben[5], sodass das vermutete Konzept der Krebspersönlichkeit als eine medizinhistorische Kuriosität anzusehen wäre, würde es nicht fortlaufend in alternativmedizinischen Konzepten neu als wissenschaftliche Erkenntnis auftauchen. Dagegen lassen sich bestimmte Verhaltensweisen identifizieren, die sowohl mit der psychischen Verfassung als auch mit einem erhöhten Krebsrisiko einhergehen, z.B. Tabak- und Alkoholabusus. Die Inanspruchnahme präventiver Angebote ist sehr wohl abhängig von psychosozialen Faktoren. In der Folge von Krebserkrankungen lassen sich typische Persönlichkeitsmerkmale feststellen. Diese sind jedoch nicht die Ursache, sondern die Folge schwerer, oft lebensbedrohlicher Erkrankungen.[6]

Einige Ansichten decken sich mit denen von Max Otto Bruker.

Typus C (cancer-prone) nach Lydia Temoshok

Lydia Temoshok

Auf der Suche nach möglichen krebsdisponierenden psychologischen Persönlichkeitsmerkmalen entwickelte die amerikanische Virologin Lydia Temoshok in den achtziger Jahren ein mögliches Modell: den Typus C (cancer-prone). Temoshok bezieht sich ausdrücklich auf Hans Eysenck, der Ende der 1980er Jahre Krebspatienten beobachtet hatte. Der von Temoshok beschriebene Typ C hatte folgende Eigenschaften:

  • emotional eingeschlossener Typus
  • Tendenz zu Hilf- und Hoffnungslosigkeit
  • kooperativ, geduldig, rational
  • Alexitymie und Unfähigkeit, Ärger auszudrücken

Viele Parameter drücken die Art und Weise aus, wie mit Stress umgegangen wird. Typ C soll damit Probleme haben. Die Auswirkungen seien dann neuro-endokrine Faktoren (spezifische Hormonlage und damit beeinflusste Immunabwehr), die die Krebsabwehr erschwerten.

Problematisch ist die Datenlage zum Typ C. Es konnte festgestellt werden, dass der Typ C von Temoshok im wesentlichen die Reaktion auf eine fortschreitende, bereits erfolgte Krebserkrankung ist. Er konnte nicht als möglicher Faktor zu einer Initialzündung von Krebs erkannt werden.

Krebspersönlichkeit nach Hürny und Adler 1991

Hürny und Adler beschrieben 1991 elf Verhaltenseigentümlichkeiten einer "zu Krebs neigenden Persönlichkeit", die sich teilweise mit anderen Beschreibungen einer derartigen hypothetischen Persönlichkeitsstruktur decken. Kennzeichen seien Verleugnung und Unterdrückung wichtiger eigener Wünsche, reduzierte Selbstwahrnehmung, reduzierte Emotionalität, blockierter Ärgerausdruck, Schuldvorwürfe und Selbstanklagen, zwanghafter Lebensstil mit hoher Anpassung an andere, Glaube an Autoritäten und Religiosität, starke Anerkennung der Realität, oberflächliche zwischenmenschliche Beziehungen, gehemmte Sexualität und hohe moralische Anforderungen an sich selbst. Die Autoren kamen zu dieser Auffassung aus retrospektiver Betrachtung bereits erkrankter Patienten, nicht durch prospektive Studien. Spätere Untersuchungen konnten die Annahmen nicht bestätigen[7][8][9].

Literatur

Weblinks

Quellennachweise

  1. Schwarz Die Krebspersönlichkeit 2001
  2. Bleiker EM, Hendriks JH, Otten JD, Verbeek AL, van der Ploeg HM: Personality factors and breast cancer risk: a 13-year follow-up, J Natl Cancer Inst. 2008 Feb 6;100(3):213-8. Epub 2008 Jan 29
  3. Bergelt C: Vital exhaustion and risk for cancer: a prospective cohort study on the association between depressive feelings, fatigue, and risk of cancer. Cancer. 2005 Sep 15;104(6):1288-95.
  4. Interview mit Grossarth-Maticek in "Psychologie Heute" 5/1998
  5. Claudia Schmidt Rathjens: Persönlichkeit und Krebs: Studien zur subjektiven und objektiven Relevanz von psychologischen Faktoren bei der Krebsentstehung. Verlag: Pabst Science Publishers (1997), ISBN-10: 3931660974
  6. http://www.medizinfo.de/krebs/allgemein/psyche.shtml
  7. Meerwein, Fritz (Hrsg.) (1991): Einführung in die Psycho-Onkologie. 4. Auflage Bern Göttingen Toronto 1991
  8. Hürny, C.: Psychische und soziale Faktoren in Entstehung und Verlauf maligner Erkrankungen. In: Uexküll Th. v., Lehrbuch der Psychosomatischen Medizin. 5. Auflage. 953-969, Urban und Schwarzenberg, München (1996)
  9. Amelang, Manfred (1997): Using Personality Variables to Predict Cancer and Heart Disease. In: European Journal of Personality, Heft 11, 1997, 319-342