Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung

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Die Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung ist eine braunesoterisch-völkische, deutschgläubig-neuheidnische, [1][2] rechtsextreme,[3] allnordische und nordreligiöse,[4] neonazistische[5] Organisation in Deutschland. Nach eigenen Aussagen ist die Gemeinschaft die größte heidnische Gemeinschaft Deutschlands.

Bundesweit hat die Artgemeinschaft etwa 150 Mitglieder. Ihre Rechtsform ist die eines eingetragenen Vereins mit Sitz in Berlin-Charlottenburg,[6] entfaltet ihre Aktivitäten aber von Hamburg aus. Sie wurde 1951 von Wilhelm Kusserow gegründet. Von 1989 bis 2009 wurde sie von Jürgen Rieger geleitet.[7]

Die "Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung" ist nicht mit der Germanischen Glaubensgemeinschaft (GGG) identisch.

Laut einem Bericht der TAZ wurden die Eltern eines 4-jährigen Mädchens, dass an Diabetes starb, im Umfeld der Artgemeinschaft gesichtet. Die Eltern gelten als Anhänger der Germanischen neuen Medizin. Sie verweigerten ihrer Tochter das lebensnotwendige Insulin.[8]

Geschichte

Die Artgemeinschaft wurde 1951 von Wilhelm Kusserow in der Tradition der deutsch- und germanischgläubigen, neugermanischen[9][10] Nordischen Glaubensgemeinschaft, deren Leiter Kusserow zuvor war,[11] unter dem Namen Vertrauenskreis freigläubiger Gefährten gegründet. Seit 1957 ist sie als eingetragener Verein unter dem Namen Artgemeinschaft tätig.[12]

Zu den Vorläufern der Artgemeinschaft gehört vor allem die Nordische Glaubensgemeinschaft, die im Mai 1928 gegründet wurde, nachdem bereits 1927 eine Gemeinschaft unter diesem Namen aus der Deutsch-religiösen Gemeinschaft ausgeschieden war[13] und den Versuch unternommen hatte, verschiedene nordische Gruppen zu vereinigen, zu denen neben den Nordungen auch die Germanische Glaubens-Gemeinschaft Ludwig Fahrenkrogs sowie Teile der Deutschgläubigen Gemeinschaft Otto Sigfried Reuters mit Norbert Seibertz gehörten. Die Nordungen, die neben Norbert Seibertz wesentlich an der Gründung beteiligt waren, traten 1932 aus.

Organisation

Die Artgemeinschaft wurde von 1989 bis zu seinem Tod im Oktober 2009 von dem Hamburger Rechtsanwalt Jürgen Rieger geführt, der auch Landesvorsitzender der Hamburger NPD und stellvertretender Bundesvorsitzender der NPD war und in der Neonazi-Szene rechtsextreme Netzwerk-Aktivitäten entfaltete. Auf regionaler Ebene ist sie in sogenannte Gefährtschaften gegliedert.[14] Es bestehen organisatorische und personelle Verflechtungen in das gesamte rechtsextreme Spektrum.[15]

Die Mitgliedschaft ist nach rassistischen Gesichtspunkten geregelt. Nur „nordentstammte“ Menschen können Mitglied werden. Die Mitglieder gehören verschiedenen Strömungen der rechten Szene an, von militanten Neofaschisten bis zu Vertretern der Neuen Rechten.[16]

Publizistisches Organ der Gruppe ist die Nordische Zeitung, die in kleiner Auflage für Mitglieder erscheint.[14] Sie gibt eine Buchreihe und zwei Schriftenreihen heraus. Außerdem wurden einige Einzelschriften herausgegeben.[10]

Kleidungstypische Merkmale der rechtsextremen Skinheads sind zumindest bei öffentlichen Veranstaltungen verpönt. Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz warnt davor, wegen der geringen Mitgliederzahl und der marginalen Außenwirkung die Bedeutung der Artgemeinschaft in der rechtsextremen Szene zu unterschätzen, da personelle Verflechtungen und Verbindungen zum rechtsextremen Spektrum, insbesondere zu den Freien Kameradschaften, bestehen.[14]

Glaubenslehren und Ideologie

Völkisches „Artbekenntnis“ und Rassismus

Die Ideologie der Artgemeinschaft ist rassistisch, rechtsextrem und sozialdarwinistisch ausgerichtet. Sie versteht sich als Glaubensgemeinschaft von Menschen, die von sogenannter nordisch-germanischer Art („überwiegend nordisch-fälischer Menschenart“)[17] sind und sich zu der in den Publikationen der Gemeinschaft postulierten „Art“ (Rasse) religiös bekennen wollen. Sie orientiert sich nicht am germanischen Polytheismus, sondern pflegt wie andere Deutschgläubige eher einen arteigenen Monotheismus[18] und bezeichnet ihr „nordisch-germanisches Heidentum“ als Artbekenntnis.[10]

Die Vereinigung beruft sich auf „germanische Sittengesetze“. So forderte Jürgen Rieger ein „Sittengesetz unserer Art“, das die „gleichgeartete Gattenwahl, die Gewähr für gleichgeartete Kinder“ sowie „Härte und Hass gegen Feinde“ vorschreibt.[19]

Glaubenslehre und Rezeption völkischer Ideologeme

Die Glaubenslehren der Artgemeinschaft vertreten ein Leben im Einklang mit den Naturgesetzen und die Auffassung, dass das Leben ständigen Kampf bedeute.[16] Es wird gelehrt, dass jeder Mensch in den Erbanlagen seiner Nachkommen weiterlebe.[16] Daher kommt der Ahnenverehrung wesentliche Bedeutung zu. Die Weitergabe des genetischen Erbes der Art bzw. Rasse an die Nachkommen lasse sich sicherstellen, wenn die Ehepartner weitgehend identisch aussähen, d.h. von „nordisch-fälischer“ Rasse seien.[16]

Als schwerer Verstoß gegen das postulierte Sittengesetz gelten sogenannte Rassenschande, Verrat und Meineid.[16] Das Leben im Einklang mit den Naturgesetzen wird auch als Erhaltung der Rassereinheit verstanden.[20]

Im „Artbekenntnis“ heißt es u.a.:

"1. Alles Leben wirkt nach Naturgesetzen. Uns offenbart sich das Göttliche in diesen ewigen, ehernen Gesetzen, gegen die zu verstoßen widersinnig ist. Wir bekennen uns zu einem Leben im Einklang mit den Naturgesetzen.
2. Kampf ist Teil des Lebens; er ist naturnotwendig für alles Werden, Sein und Vergehen. Jeder einzelne von uns wie unsere gesamte Art stehen in diesem Ringen. Wir bekennen uns zu diesem nie endenden Lebenskampf.
3. Die Menschenarten sind verschieden in Gestalt und Wesen. Diese Verschiedenheit ist sinnvolle Anpassung an die unterschiedlichen Naturräume. Wir bekennen uns zur Erhaltung und Förderung unserer Menschenart als höchstem Lebensziel, denn auch sie ist eine Offenbarung des Göttlichen. […]
12. Der Mensch ist unsterblich in den Nachkommen und Verwandten, die sein Erbe teilen. Nur sie können unsere von den Ahnen erhaltenen Anlagen verkörpern. Wir bekennen, dass der höchste Sinn unseres Daseins die reine Weitergabe unseres Lebens ist."[10]

Laut Rainer Fromm ist „ein Glaube an Götter“ „kein entscheidendes religiöses Kriterium“ der Artgemeinschaft und werde von den Mitgliedern unterschiedlich gelebt; bindend sei jedoch die kompromisslose Achtung der Naturgesetze.[21]

Aufgrund der Forderung nach „Wehrhaftigkeit bis zur Todesverachtung gegen jeden Feind von Familie, Sippe, Land, Volk, germanischer Art und germanischem Glauben“ und der „Härte und Hass gegen Feinde“ sieht Fromm die „Artgemeinschaft“ „als eine Art esoterischer Wagenburg gegen eine feindlich gesehene Lebenswelt“. Weil die Artgemeinschaft schreibe: „In einer ‚multikulturellen Gesellschaft‘ mit einer Vielzahl von Rassen und Völkern, die die Politiker anstreben, können wir unsere eigene Lebensart und unser genetisches Erbe nur im Rahmen einer eigenen Religionsgemeinschaft bewahren“ (Quelle: Jürgen Rieger, Flugblatt Nr. 2), sei „die Artgemeinschaft nicht nur eine esoterische, sondern auch eine sehr politische Organisation.“[22]

Die Rezeption der Hexe und der Hexenverfolgung orientiere sich laut Felix Wiedemann „eindeutig am altvölkischen Schrifttum: Die Hexe verkörperte hier jeweils eine spezifisch arteigene, germanisch-heidnische Tradition, die die Kirche habe zerstören wollen.“[20] Die ermordeten Hexen und Ketzer seien Opfer der Zwangschristianisierung.[20]

Ablehnung der Ariosophie

Rainer Fromm schreibt in der von der Hamburger Behörde für Inneres herausgegebenen Publikation Brennpunkt Esoterik zum Verhältnis zur Ariosophie „Im Gegensatz zu anderen Organisationen aus dem neuheidnischen Spektrum bezieht sich die Artgemeinschaft nicht auf Guido von List und Jörg Lanz von Liebenfels. Wichtige theoretische Vorbilder seien hingegen Schopenhauer, Nietzsche, Eduard v. Hartmann und Feuerbach, mit deren Hilfe man der „christlichen Moral“ eine „von heidnischen Vorstellungen ausgehende Ethik“ entgegensetzen möchte.“ Jürgen Rieger berief sich zudem auf die Religionskritik von William Stewart Ross und auf Kritiker des geschichtlichen Christentums wie Otto von Corvin und Karlheinz Deschner. Charles Darwin wird als „Zertrümmerer der biblischen Schöpfungsgeschichte“ gelobt.[23]

Trotz dieser Differenzen bestehen Verbindungen zum ebenfalls braunesoterischen Armanen-Orden [24] und der Thule-Gesellschaft.

Verschwörungstheorien

Von der Artgemeinschaft werden auch populäre Verschwörungstheorien einer Verknüpfung von Zionismus, Plutokratie und Weltherrschaftsstreben aufgegriffen.[14]

Sie bekämpft jüdisch- und christlich-humanistische Moralvorstellungen zugunsten eines der Natur und der Tierwelt entlehnten angeblichen „Rechtes des Stärkeren“ (Sozialdarwinismus).[25]

Feiern und Symbole

Die Artgemeinschaft beschäftigt sich vorrangig mit Brauchtum. Es werden vor allem germanisch-heidnische Festtage wie Wintersonnenwende, Ostern, Sommersonnenwende und Erntedank, Tagundnachtgleichen im Frühjahr und Herbst sowie einige weitere Feiertage begangen.[16] An den jährlichen Sonnwendfeiern nehmen zahlreiche Personen und Aktivisten aus der rechtsextremen Szene teil.[14]

Zu der verbreiteten heidnischen Symbolik gehört die Irminsul, das Symbol für den Weltenbaum oder die Weltenesche, die das Dach der Welt trägt. Sie gilt als Gegensymbol zum christlichen Kreuz und war im Nationalsozialismus Symbol des Ahnenerbes, einer pseudowissenschaftlichen Forschungseinrichtung unter Leitung der SS. Heute ist sie das Symbol der heidnisch-germanischen Artgemeinschaft.

Ein weiteres von der Artgemeinschaft verwendetes Symbol ist das des Adlers, der mit seinen Klauen den „christlichen Fisch“ (ICHTHYS) greift. Das Symbol wurde als Marke „Adler greift Ichthys“ 2002 durch Rieger für die Artgemeinschaft beim Deutschen Patent- und Markenamt]] angemeldet und unter der DPMA-Registernummer 302381058 in das Markenregister eingetragen.[26]

Das Symbol gilt in der völkischen Rechten als Wehrsymbol eines vorgeblich deutschen Heidentums gegen eine behauptete, seit über tausend Jahren währende Gewaltausübung der Christenheit.

Siehe auch

Literatur

  • Ingolf Christiansen, Rainer Fromm, Hartmut Zinser: Brennpunkt Esoterik: Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus. Hg. von der Behörde für Inneres – Landesjugendbehörde, Hamburg 2006, S. 180–182.
  • Stefan von Hoyningen-Huene: Religiosität bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen. LIT Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-8258-6327-1.
  • Franziska Hundseder: Neugermanisches Heidentum zwischen Esoterik und Rechtsextremismus. In: Matthias Pöhlmann (Hrsg.): Odins Erben. Neugermanisches Heidentum: Analysen und Kritik. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, EZW-Texte 184, 2006, ISSN 0085-0357, S. 26–36.
  • Stefanie von Schnurbein: Göttertrost in Wendezeiten. Neugermanisches Heidentum zwischen New Age und Rechtsradikalismus. Claudius, München 1993, ISBN 3-532-64003-1.

Quellenverzeichnis

  1. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung: Artgemeinschaft
  2. Stefanie von Schnurbein: Göttertrost in Wendezeiten. Neugermanisches Heidentum zwischen New Age und Rechtsradikalismus. München 1993, S. 46ff.
  3. Bundesministerium des Inneren (NRW): Verfassungsschutzbericht 2005.
  4. Kurt Nowak: Deutschgläubige Bewegungen. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 8. Walter de Gruyter, Berlin 1981, S. 556 ff.
  5. Gasper, Müller, Valentin: Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen. Verlag Herder, Freiburg 1990.
  6. http://www.firmendb.de/firmen/252367.php
  7. Stefan von Hoyningen-Huene: Religiosität bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen. LIT Verlag, 2003, S. 62
  8. Rohkost statt Insulin TAZ online
  9. Hans Buchheim: Glaubenskrise im Dritten Reich. Drei Kapitel nationalsozialistischer Religionspolitik. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1953, S. 169.
  10. 10,0 10,1 10,2 10,3 Die Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft (AG GGG): Kurzinformation
  11. Felix Wiedemann: Rassenmutter und Rebellin: Hexenbilder in Romantik, völkischer Bewegung, Neuheidentum und Feminismus. Verlag Königshausen & Neumann, 2007, ISBN 3-8260-3679-4, ISBN 978-3-8260-3679-8, S. 201f
  12. Eintrag ins Vereinsregister in Berlin-Charlottenburg, vgl. Sylvia Siewert: Germanische Religion und neugermanisches Heidentum. Frankfurt a.M. 2002, S. 181.
  13. Ekkehard Hieronimus: Von der Germanen-Forschung zum Germanen-Glauben. Zur Religionsgeschichte des Präfaschismus. In: Richard Faber, Renate Schlesier (Hrsg.): Die Restauration der Götter. Antike Religion und Neo-Paganismus. Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 1986, S. 253.
  14. 14,0 14,1 14,2 14,3 14,4 Artikel vom Verfassungsschutzes NRW auf der Seite des Innenministeriums von NRW
  15. Netz gegen Nazis: [tttp://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/einschaetzung-des-verfassungsschutz-zur-artgemeinschft Einschätzung des Verfassungsschutz zur Artgemeinschaft]
  16. 16,0 16,1 16,2 16,3 16,4 16,5 Annette Rollmann: FAP, Freie Kameradschaft, Artgemeinschaft. In: Das Parlament. Nr. 45 / 7. November 2005.
  17. Felix Wiedemann: Rassenmutter und Rebellin: Hexenbilder in Romantik, völkischer Bewegung, Neuheidentum und Feminismus. Verlag Königshausen & Neumann, 2007, ISBN 3-8260-3679-4, ISBN 978-3-8260-3679-8, S. 252
  18. Stefanie von Schnurbein: Göttertrost in Wendezeiten. Neugermanisches Heidentum zwischen New Age und Rechtsradikalismus. München 1993, S. 46ff.
  19. Johannes Jäger: Die rechtsextreme Versuchung. LIT-Verlag, 2002, S. 119.
  20. 20,0 20,1 20,2 Felix Wiedemann: Rassenmutter und Rebellin: Hexenbilder in Romantik, völkischer Bewegung, Neuheidentum und Feminismus. Verlag Königshausen & Neumann, 2007, ISBN 3-8260-3679-4, ISBN 978-3-8260-3679-8, S. 202
  21. Rainer Fromm: Rechtsradikalismus in der Esoterik. In: I. Christiansen, R. Fromm, H. Zinser: Brennpunkt Esoterik: Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus. Hamburg 2004, S. 151
  22. Rainer Fromm: Rechtsradikalismus in der Esoterik. In: I. Christiansen, R. Fromm, H. Zinser: Brennpunkt Esoterik: Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus. Hamburg 2004, S. 152
  23. Jürgen Rieger: Vorwort zur 2. Auflage. In: Wilhelm Kusserow: Heimkehr zum Artglauben, Band 3 Von der Romantik bis zur Gegenwart. 2. Auflage.
  24. Wagner, Bernd:(Hsg.): Handbuch Rechtsextremismus. Netzwerke, Parteien, Organisationen, Ideologiezentren, Medien. Rohwolt, Reinbeck 1994, S. 151
  25. Fabian Virchow: Gegen den Zivilismus. Internationale Beziehungen und Militär in den politischen Konzeptionen der extremen Rechten. VS-Verlag, 2006, S. 75.
  26. Registerauskunft des Deutschen Patent- und Markenamtes: Registernummer: 30238105