Ginkgo biloba: Unterschied zwischen den Versionen

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Obwohl der im 17. Jahrhundert aus China bei uns eingeführte Ginkgobaum z.T. sehr groß werden kann, hat der in Plantagen angebaute Ginkgo durch den ständigen Schnitt die Form eines niedrigen Busches.
 
Obwohl der im 17. Jahrhundert aus China bei uns eingeführte Ginkgobaum z.T. sehr groß werden kann, hat der in Plantagen angebaute Ginkgo durch den ständigen Schnitt die Form eines niedrigen Busches.
  
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Extrakte aus den Blättern des Ginkgo enthalten vor allem Flavonole, Ginkgolide, Bioflavone und Bilobalid.
 
Extrakte aus den Blättern des Ginkgo enthalten vor allem Flavonole, Ginkgolide, Bioflavone und Bilobalid.
  

Version vom 17. Juli 2014, 12:14 Uhr

Zweig eines weiblichen Ginkgobaumes mit Früchten
Anbau

Ginkgo biloba ist ein Baum, aus dessen Früchten und Blättern in der Naturheilkunde und der Pseudomedizin Arzneimittel hergestellt werden, die zur Behandlung von Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, depressiven Verstimmungen, Schwindel, Ohrensausen (Tinnitus), Kopfschmerzen, vaskulär bedingter Demenz, Claudicatio intermittens (Schaufensterkrankheit) und ADHS beworben werden.

Ginkgo biloba ist der einzige rezente Vertreter einer ansonsten ausgestorbenen Gruppe von Samenpflanzen und wird daher auch als „Lebendes Fossil“ bezeichnet. Er ist enger mit Nadelbäumen verwandt ist als mit Laubbäumen. Natürliche Populationen sind nur aus den Provinzen Chongqing und Guizhou im Südwesten Chinas bekannt.

Anbau

Der zu medizinischen Zwecken verwendete Gingko wird in Plantagen kultiviert. Anbaugebiete in Deutschland finden sich beispielsweise im Rheintal. Blattware wird auch aus China, Japan, Korea und Frankreichimportiert.

Obwohl der im 17. Jahrhundert aus China bei uns eingeführte Ginkgobaum z.T. sehr groß werden kann, hat der in Plantagen angebaute Ginkgo durch den ständigen Schnitt die Form eines niedrigen Busches.

Inhaltsstoffe

Extrakte aus den Blättern des Ginkgo enthalten vor allem Flavonole, Ginkgolide, Bioflavone und Bilobalid.

Einsatz in der Traditionellen Chinesischen Medizin

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird Ginkgosamen (Baiguo) zu therapeutischen Zwecken verwendet. Es handelt sich um den getrockneten, reifen Samen von Ginkgo biloba L. Die Samen werden im Herbst geerntet, die äußere, fleischige Samenschale entfernt, der Samen gewaschen, kurz gedämpft oder überbrüht und anschließend mit Warmluft getrocknet.

Man kennt zwei verschiedene Zubereitungen in der TCM: Baiguoren (ren = Kern) ist eine Zubereitung aus dem zerstoßenen Samen, der aus der Schale gelöst und von Verunreinigungen befreit wurde.

Unter Chao baiguoren versteht man ein Produkt aus dem gerösteten, geschälten Kern ohne Beigabe von Hilfsstoffen. Dazu röstet man den Kern so lange, bis ein aromatischer Geruch entweicht. Vor Gebrauch wird auch dieses Produkt zerstoßen. Empfohlen wird die Einnahme von 4,5-9 Gramm dieser Zubereitungen pro Tag. Das unbehandelte Präparat ist giftig.

Anwendung außerhalb der TCM

In Europa werden, im Gegensatz zur TCM, nicht die Früchte, sondern die Blätter (Ginkgo folium) des Ginkgos benutzt. Als Indikationen werden Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmungen, Schwindel, Ohrensausen (Tinnitus), Kopfschmerzen, vaskuläre Demenz und Claudicatio intermittens (Schaufensterkrankheit) angegeben.[1]

Der Pflanzenextrakt wird in einer Menge von 120-240 mg in 2-3 Einzeldosen täglich eingenommen.

Studienlage zur Wirksamkeit

Die medizinische Fachwelt ist sich über die medizinische Wirksamkeit von Ginkgo-biloba-Blattextrakten uneins. Es gibt eine große Anzahl klinischer Studien, die zu unterschiedlichen Resultaten kamen. Diese im Einzelnen darzustellen, ist aus Platzgründen nicht möglich; es soll jedoch auf aktuelle Übersichtsarbeiten eingegangen werden.

Die für Literaturübersichtsstudien bekannte Cochrane Library veröffentlichte im Jahr 2002 eine positive Bewertung über Ginkgo biloba-Blattextrakte. Birks et al.[2] suchten 2002 nach Fachliteratur, die die Worte Ginkgo, Tanakan und die spezielle Inhaltsstoffkombination EGB 761 enthielten. Die kognitive Leistung konnte mittels Ginkgo (200 mg/Tag) im Vergleich zu Placebo verbessert werden. Auch die Activities of Daily Living, also die Aktivität der Patienten, wurden durch Ginkgo signifikant besser als unter Placebo. Stimmung und emotionale Funktion wurde durch Ginkgo ebenfalls besser als mit Placebo beeinflusst. Nebenwirkungen waren nicht häufiger als unter Placebo. Die Autoren waren der Auffassung, dass es ermutigende Hinweise für die positive Wirkung des Extrakte gebe und dass hochwertige Studien zum Wirksamkeitsnachweis durchgeführt werden sollten.

Zum gegenteiligen Schluss gelangten Canter und Ernst[3] ebenfalls im Jahr 2002. Sie untersuchten neun klinische Studien mit Ginkgo biloba Extrakt und waren der Meinung, dass die kognitive Funktion nicht verbessert worden sei. Sie sprachen sich dagegen aus, Ginkgo als 'Smart Drug' einzustufen. Allerdings forderten sie ebenfalls Langzeitstudien zur Klärung des Wirksamkeitsnachweises.

Von der Hand zu weisen ist die Kritik an Ginkgo nicht, da zumindest die Wirkung bei Ohrensausen (Tinnitus) in einer hochwertigen Untersuchung (Drew und Davies 2001[4]) geprüft wurde. Über 14 Wochen hinweg erhielten 354 Tinnitus-Patienten Ginkgo biloba (3 x 50 mg/Tag mit einem Anteil von 25% Bioflavonoiden, 3% Ginkgoliden und 5% Bilobalid) oder Placebo. Das Produkt des Ginkgo-Anbieters Lichtwer Pharma schnitt dabei letztendlich ebenso wie Placebo ab, konnte also keine eigenständige Wirkung nachweisen.

In der offiziellen Therapieempfehlung zu Demenz bzw. zur Hirnleistungsstörungen (u.a. Morbus Alzheimer) ist allerdings in Deutschland Ginkgo aufgelistet. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft veröffentlichte diese 'Therapieempfehlungen zur Demenz' im Dezember 2004.[5]

Allerdings zeigte eine kontrollierte Studie zur Frage nach möglichen Wirkungen von Ginkgo biloba, dass keine Beeinflussung einer Demenz oder der Alzheimer-Krankheit nachweisbar war.[6] In einer weiteren Studie, der „Ginkgo Evaluation of Memory Study“, berichteten Forscher der University of Pittsburgh, USA, dass die Pflanze keinen Effekt auf Demenz hat. In einem weiteren Teil der Studie bewerteten die Wissenschaftler nun die möglichen Wirkungen von Ginkgo in Bezug auf die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen.[7]

Bei ADHS scheint Ginkgo biloba jedoch dann eine Wirkung zu besitzen, wenn es mit Ginseng kombiniert wird.

Kinder im Alter von 3-17 Jahren, die am Aufmerksamkeits-Defizit-und-Hyperaktivititäts-Syndrom (ADHS) litten, wurden der Pilotstudie von Lyon et al.[8] zufolge nach vierwöchiger Medikation erfolgreich behandelt. Sie hatten amerikanischen Ginseng (Panax quinquefolium) in einer Dosierung von 200 mg pro Kapsel +50 mg Ginkgo biloba zweimal täglich auf nüchternen Magen eingenommen. Fünf der 36 Kinder zeigten leichte Nebenwirkungen, wobei zwei Fälle direkt auf die Ginsengmedikation zurückgeführt werden konnten.

Ein analoges Produkt war bereits ein Jahr zuvor von Wesnes et al.[9] in einem randomisierten Doppelblindversuch an 256 gesunden Freiwilligen ausprobiert worden. Anhand eines Beurteilungsschemas (Index of Memory Quality) stellte sich eine Verbesserung der Gedächtnisleistung nach 12-wöchiger Einnahme heraus.

Es werden gelegentlich Magenbeschwerden, Kopfschmerzen, Hautveränderungen und eine leichte Steigerung der Blutungsneigung beschrieben. Ginkgo verstärkt die Wirkung von Medikamenten, die die Thrombozytenaggregation hemmen.

Die Einnahme von Ginkgo-biloba-Extrakten kann den kognitiven Abbau im Alter nicht stoppen. Zu diesem Ergebnis kommt eine in JAMA im Jahre 2009 veröffentlichte, randomisierte placebokontrollierte Studie.[10] Wie Beth Snitz und Mitarbeiter von der Universität Pittsburgh berichten, konnten hier keine positiven Wirkungen des Extraktes gefunden werden – weder in den globalen Tests noch in spezifischen Untersuchungen zur Gedächtnisleistung, zu den visuellem räumlichen Fähigkeiten, zu Sprache, Aufmerksamkeit und zur psychomotorischen Geschwindigkeit oder in den “exekutiven Funktionen” (Verstandsleistung). Die Ergebnisse stimmen mit der bisherigen Einschätzung der Cochrane Collaboration überein, die Ginkgo-biloba-Extrakten keine gesicherte Antidemenzwirkung attestieren konnte.[11]

Weblinks

Quellennachweise

  1. Wichtl M: Teedrogen und Phytopharmaka. Wiss. Verlagsgesellschaft Stuttgart, 3. Aufl. 1997
  2. Birks J, Grimley EJ, Van Dongen M: Ginkgo biloba for cognitive impairment and dementia (Cochrane Review). http://www.cochrane.org/cochrane/revabstr/ab003120.htm, Issue 4, 2002
  3. Canter PH, Ernst E: Ginkgo biloba: a smart drug? A systemativ review of controlled trials of the cognitive effects of ginkgo biloba extracts in healthy people. Psychopharmacol Bull, 36, 108-123, 2002
  4. Drew S, Davies E: Effectiveness of Ginkgo biloba in treating tinnitus: double blind, placebo controlled trial. Br Med J, 322, 1-6, 2001
  5. Empfehlungen zur Therapie der Demenz - Kurzversion Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Arzneiverordnung in der Praxis, Band 31, Sonderheft 4, Dezember 2004
  6. DeKosky ST et al: Ginkgo biloba for Prevention of Dementia JAMA. 2008;300(19):2253-2262
  7. http://www.springermedizin.at/fachbereiche-a-z/i-o/innere-medizin/angiologie/?full=14451
  8. Lyon MR, Cline JC, Totosy de Zepetnek J, Shan JJ, Pang P, Benishin C: Effect of the herbal extract combination Panax quinquefolium and Ginkgo biloba on attention-deficit hyperactivity disorder: a pilot study. J Psychiatry Neurosci, 26, 221-228, 2001
  9. Wesnes KA, Ward T, McGinty A, Petrini: The memory enhancing effects of a Ginkgo biloba/Panax ginseng combination in healthy middle-aged volunteers. Psychopharmacology (Berl), 152, 353-361, 2000
  10. Snitz BE et al: Ginkgo biloba for preventing cognitive decline in older adults: a randomized trial.JAMA 2009;302(24):2663-2670
  11. Cochrane Database Syst Rev. 2009 Jan 21;(1):CD003120)