Kinesio-Taping
Kinesio-Taping (Kinesio-Taping nach Kenzo Kase, auch Physio-Taping, Aku-Taping, Medi-Taping oder MTC) ist eine Behandlungsmethode, bei der einzig buntfarbene Pflaster (so genannte tapes) bzw elastische Baumwollstreifen zur Anwendung kommen, die unter mechanischem Zug auf die Haut geklebt werden um gesundheitlich relevante Wunderwirkungen zu entfalten, oder sportliche Leistungen zu fördern. Eine wissenschaftliche Metastudie, die im April 2026 im British Medical Journal (BMJ) erschien, zeigte dass der therapeutische Nutzen von Kinesiotapes fraglich ist, von möglichen Placeboeffekten abgesehen.[1]
Kinesiotapes sollen Schmerzen lindern und die Beweglichkeit verbessern. Ihre Wirksamkeit ist aber umstritten. Eine neue Studie gibt den Skeptikern recht.
Wer über Nackenverspannungen, eine Muskelzerrung oder einen Tennisarm klagt, hört nicht selten den Rat: Lass dich doch tapen! Gemeint ist damit eine Behandlungsform, die ihre Ursprünge in Japan hat und seit einigen Jahren auch in Deutschland große Popularität genießt. Die bunten elastischen Klebestreifen, sogenannte Kinesiotapes, finden sowohl im Amateur- als auch im Leistungssport Anwendung. Sie sollen verschiedenste Muskel- und Gelenkbeschwerden lindern. In der Regel werden sie von Physiotherapeuten oder Sportmedizinern angebracht – zumindest von jenen, die der Methode einen Nutzen zuschreiben.
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es dazu kaum Anlass.
Wie sollen Kinesiotapes wirken? Die Idee hinter dem Tapen ist einfach: Durch die leichte Spannung der Klebestreifen soll die Haut leicht angehoben werden. Dadurch sollen Sinnesrezeptoren stimuliert, die Durchblutung verbessert und Schmerzen gelindert werden. Zugleich sollen Muskeln und Gelenke wieder beweglicher werden.
Die Methode wurde in den 1970er-Jahren vom Chiropraktiker Kenzo Kase entwickelt. Seither hat sie sich weltweit verbreitet. Auch die Forschung interessiert sich bereits seit Jahrzehnten für das Verfahren. Inzwischen liegen mehrere Hundert Untersuchungen und zahlreiche Übersichtsstudien zu dessen Nutzen bei verschiedenen Beschwerden des Bewegungsapparates vor.
Umfangreiche Analyse der Studienlage Für die aktuelle Metaanalyse wertete das Forschungsteam 128 Übersichtsarbeiten aus. Diese wiederum beruhen auf Daten von insgesamt 15.812 Testpersonen. Der Fokus lag auf den Effekten des Tapings bei 29 unterschiedlichen Erkrankungen des Bewegungsapparates, darunter:
Kniearthrose chronische Rückenschmerzen der sogenannte Tennisarm Entzündungen der Fußsohle (Plantarfasziitis) Die meisten Studien beschäftigten sich mit Beschwerden der unteren Extremitäten, also der Beine und Füße. Besonders ging es dabei um den Einfluss auf die Stärke der Schmerzen.
Unsichere Hinweise auf kurzfristige Effekte Bei einem Großteil (78 Prozent) der analysierten Übersichtsarbeiten stellten die Forscher methodische Schwächen fest. Die Auswertung lieferte zwar Hinweise darauf, dass das Taping kurzfristig gegen die Schmerzen helfen und die Funktionsfähigkeit des betroffenen Körperteils verbessern könnte. Die Aussagekraft der Evidenz dafür beurteilt das Team allerdings als "sehr niedrig".
Für einen mittelfristigen oder gar langfristigen Nutzen fanden die Wissenschaftler hingegen keine überzeugenden Belege. Weder bei Schmerzen noch bei Beweglichkeit, Muskelkraft oder funktionellen Einschränkungen ließen sich nennenswerte Verbesserungen nachweisen.
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Helfen bunte Pflaster gegen Schmerzen?
Warum helfen die Tapes manchen?
Manche Menschen schwören auf die Tapes, weil sie bei ihnen scheinbar zuverlässig wirken. Ein möglicher Grund dafür ist der sogenannte Placebo-Effekt. Zudem verlaufen die Beschwerden, die mit Erkrankungen des Bewegungsapparates einhergehen, häufig in Wellen oder Schwankungen. Verbessern sich die Symptome, führen Patientinnen und Patienten dies mitunter fälschlicherweise auf das Tape zurück, obwohl die Linderung auch ohne Behandlung vorübergehend eingetreten wäre.
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Allgemeines
Die beim Kinesio-Taping eingesetzten Pflaster sollen auf nicht genau erläuterte Weise ein "neurologisches und zirkulatorisches System" günstig beeinflussen können. Zudem sollen die Tapes zu einer "24-stündigen lymphatischen und zirkulatorischen Massage" führen. Teilweise wird seitens der Anwender und Verkäufer von Kinesio-Tapes die Wirkungsweise auch einfach als mit "einer Bindegewebsmassage gleichzusetzen" erklärt, wonach die feste Haftung des Tapes eine dauernde Verschiebung der Oberhaut gegen das Unterhautgewebe bewirke. Durch den Druck und die Reizung von Rezeptoren in der Haut sollen zudem körpereigene Endorphine erzeugt werden, welche das Schmerzempfinden reduzieren sollen. Die Anwendungsdauer erstreckt sich meist über 3-4 Wochen.
Die Methode wurde angeblich vor dreißig Jahren von dem japanischen Chiropraktiker und Kinesiologen Kenzo Kase erfunden. Trotz Namensähnlichkeit besteht keine direkte Beziehung zur Kinesiologie. Die Methode wird vor allem mit Fotos von Prominenten und bekannten Sportlern wie David Beckham beworben.
Aufgrund des fehlenden Nachweises für eine bessere Wirksamkeit als herkömmliche elastische Tapes werden die Kosten dieser Methode von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet.
In Deutschland ist eine private Ausbildung zum „Kineso-Taping-Therapeuten“ möglich.
Tapes
Nach Angaben von Befürwortern sollen die aus Baumwoll-Acryl bestehenden Kinesio-Tapes keinerlei zusätzliche Arzneimittel enthalten. Die einzelnen Pflaster besitzen wasser- und luftdurchlässige Schlitze und sollen wochenlang tragbar sein. Im Gegensatz zu herkömmlichen Pflastern sollen die Kinesio-Tapes dehnbarer sein und somit auch bei Bewegung an der Haut haften. Die Tapes sind in unterschiedlichen Ausführungen, beispielsweise als Y-Tape, Stern-Tape oder Gluteal-Tape, und mittlerweile in 17 verschiedenen Farben erhältlich, die sogar unterschiedlich wirken sollen. In Deutschland ist eine Rolle mit 5 m ab etwa 7 Euro erhältlich.
Beworbene Indikationen
Beworben wird diese Methode bei Verletzungen, Rückenschmerzen, Muskelverspannungen, Sehnenreizungen, Bänderdehnungen, Bandscheibenvorfällen oder Arthrosen, nach orthopädischen Operationen, Migräne, Tinnitus, Monatsbeschwerden, zur Funktionsverbesserung im Leistungssport sowie prophylaktisch zur Verhinderung von Sportverletzungen.
Wissenschaftliche Studienlage
Die Kinesio-Taping-Methode wurde in einigen wenigen Studien mit geringer Probandenzahl auf ihre Anwendbarkeit und Wirksamkeit hin untersucht. Nur in sehr wenigen Fällen wurden andere Pflaster- oder Tapematerialien zum Vergleich herangezogen. Eine tatsächliche Verblindung war dabei nicht möglich. Eine Erörterung möglicher Unterschiede zu herkömmlichem Tapematerial wurde 2004 im Journal of Sports Science and Medicine veröffentlicht.[2] Bei einer Untersuchung bei Patienten mit Schleudertrauma schnitt Kinesio-Taping geringfügig besser ab als eine Behandlung mit herkömmlichem Tapematerial, bei dem kein mechanischer Zug auf der Hautoberfläche ausgeübt wurde.[3] Kinesio-Tapes erhöhten bei einer Untersuchung aus Taiwan nicht die Muskelkraft bei gesunden Sportlern.[4]
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2012 zur Behandlung und Prävention von Sportverletzungen[5] stellt fest, dass die Resultate der betrachteten Publikationen uneinheitlich waren hinsichtlich Propriozeption, aber möglicherweise gering signifikant bezüglich Kraftverbesserung und Bewegungsausmaß bei einzelnen Sportverletzungen. Zusammenfassend fanden sich kaum Argumente, Kinesio-Tapes anderen Tapes vorzuziehen ("there was little quality evidence to support the use of KT over other types of elastic taping"). Eine weitere Meta-Analyse aus dem Jahr 2014 kommt zum Ergebnis, dass eine Behandlung des Bewegungsapparates mit Kinesiotapes nicht gerechtfertigt sei.[6] Daneben erscheinen aber weiterhin regelmäßig Untersuchungen, die bei bestimmten Erkrankungen eine positive Wirkung feststellen.
Literatur
- Mo Q, Deng Z, Zheng J, et alEffectiveness and clinical relevance of kinesio taping in musculoskeletal disorders: an overview of systematic reviews and evidence mappingBMJ Evidence-Based Medicine Published Online First: 31 March 2026. doi: 10.1136/bmjebm-2025-114067
- Michelle Dolphin, Gary Brooks, Blair Calancie, PhD, Adam Rufa: Does the Direction of Kinesiology Tape Application Influence Muscle Activation in Asymptomatic Individuals?, Int J Sports Phys Ther. 2021; 16(1): 135–144. 1. Februar 2021. PMCID: PMC7872456 PMID: 33604143. Results - Two-way, repeated measures analysis of variance resulted in no significant differences in baseline to taped condition for quadriceps electromyographic output, quadriceps isokinetic knee extension muscle torque at 60°s-1 and 120°s-1, single leg triple-hop distance or vertical jump height. Conclusion - The results of this pilot study do not support the hypothesis that kinesiology tape application direction influences muscle performance as measured in this study.. Volltext
- Williams S, Whatman C, Hume PA, Sheerin K. Kinesio taping in treatment and prevention of sports injuries: A meta-analysis of the evidence for its effectiveness. Sports Med. 2012;42(2):153-164. doi:10.2165/11594960-000000000-00000
- Csapo R, Alegre LM. Effects of Kinesio® taping on skeletal muscle strength-A meta-analysis of current evidence. J Sci Med Sport. 2015;18(4):450-456. doi:10.1016/j.jsams.2014.06.014
- Travis Halseth, John W. McChesney, Mark DeBeliso, Ross Vaughn, Jeff Lien. THE EFFECTS OF KINESIOTM TAPING ON PROPRIOCEPTION AT THE ANKLE. Journal of Sports Science and Medicine (2004) 3, 1-7
- González-Iglesias J, Fernández-de-Las-Peñas C, Cleland JA, Huijbregts P, Del Rosario Gutiérrez-Vega M. Short-Term Effects of Cervical Kinesio Taping on Pain and Cervical Range of Motion in Patients With Acute Whiplash Injury: A Randomized Clinical Trial. J Orthop Sports Phys Ther. 2009;39(7):515-521.
Weblinks
- https://gutepillen-schlechtepillen.de/kinesio-tape-knie-schulter-farben/
- Kinesiologische Tapes: Kleben und kleben lassen Öko-Test, 2. Mai 2014
Weblinks (englisch)
Quellennachweise
- ↑ Mo Q, Deng Z, Zheng J, et alEffectiveness and clinical relevance of kinesio taping in musculoskeletal disorders: an overview of systematic reviews and evidence mappingBMJ Evidence-Based Medicine Published Online First: 31 March 2026. doi: 10.1136/bmjebm-2025-114067
- ↑ Travis Halseth, John W. McChesney, Mark DeBeliso, Ross Vaughn, Jeff Lien. THE EFFECTS OF KINESIOTM TAPING ON PROPRIOCEPTION AT THE ANKLE. Journal of Sports Science and Medicine (2004) 3, 1-7
- ↑ González-Iglesias J, Fernández-de-Las-Peñas C, Cleland JA, Huijbregts P, Del Rosario Gutiérrez-Vega M. Short-Term Effects of Cervical Kinesio Taping on Pain and Cervical Range of Motion in Patients With Acute Whiplash Injury: A Randomized Clinical Trial. J Orthop Sports Phys Ther. 2009;39(7):515-521
- ↑ Fu TC, Wong AM, Pei YC, Wu KP, Chou SW, Lin YC. Effect of Kinesio taping on muscle strength in athletes-a pilot study.J Sci Med Sport. 2008 Apr;11(2):198-201. Epub 2007 Jun 27
- ↑ Williams, Sean et al: Kinesio Taping in Treatment and Prevention of Sports Injuries: A Meta-Analysis of the Evidence for its Effectiveness In: Sports Medicine 42(2) S.153-164 doi: 10.2165/11594960-000000000-00000
- ↑ Parreira Pdo, Costa Lda, Hespanhol LC Jr, Lopes AD, Costa LO: Current evidence does not support the use of Kinesio Taping in clinical practice: a systematic review In: J Physiotherapy 2014 Mar;60(1):31-9.
