Zitronensaft

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Citrus limonum

Zitronensaft-Anwendungen und Zitronensaft-Therapien sind seltene Anwendungen von Zitronenpresssäften (des Zitronenbaums Citrus limonum) in der Alternativmedizin und können als traditionelles, so genanntes Hausmittel angesehen werden.

Medizinhistorisch hatte Zitronensaft eine Bedeutung zur Vorbeugung und kausalen Therapie der in der Seefahrt anzutreffenden Skorbut-Krankheit. Der englische Schiffsarzt James Lind wandte als erster im 18. Jahrhundert Zitronensaft zur Therapie von Skorbut an.[1]

Zitronenpresssaft ("Zitronensaft")

Zitronensaft besteht zu etwa 5% (0,3 Mol/Liter) aus Citronensäure, die dem sauren Saft einen pH von 2 bis 3 verleiht. Die Citronensäure ist in der EU als Lebensmittelzusatzstoff der Nummer E 330 zugelassen. Citronensäure und ihre Salze (Citrate) werden in der Medizin zur Verhinderung der Blutgerinnung in Blutspendebeuteln eingesetzt. Zitronensaft kann (wie andere Fruchtsäfte auch) durch Pilze (z.B. Candida-Arten) kontaminiert sein.[2][3]

Verwendungen

Empfehlung zur Wundbehandlung und zur "Desinfektion" auf einer "Sanfte Therapien"-Webseite[4]

Zitronensaft wird in Afrika (z.B. Nigeria) von Prostituierten für die Körperreinigung im Genitalbereich eingesetzt. Dieser Praktik liegt der Glaube an eine empfängnishemmende sowie eine Wirkung gegen Infektionskrankheiten (insbesondere HIV) zugrunde.[5] Aufgrund eines nicht nachweisbaren Effekts wird von derartigen Anwendungen abgeraten.[6]

Zitronensaft wird auch von Drogenabhängigen zur Verdünnung von Kokain-Crack und Heroin verwendet.[7] Über den Zitronensaft kam es in der Vergangenheit häufig zu Pilzerkrankungen durch Candida (ein Hefepilz).

Im Homöopathie-Umfeld ist Zitronensaft immer wieder als Mittel zur Behandlung von Wunden im Gespräch und wurde beispielsweise von der Impfgegnerin Anita Petek-Dimmer befürwortet.

Ebenfalls in der Alternativmedizin existiert die Methode Natron-Zitronen Therapie. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Zitronensaft und Natriumbicarbonat, die angeblich einen krebshemmenden Effekt hätte.

Vorfälle an der Sankt-Antonius-Klinik in Wegberg

Zitronensaft4.jpg
Verurteilter Arnold Pier[8]

Der Einsatz von Zitronensaft zur Wundbehandlung und Wundspülung an der Sankt-Antonius-Klinik in Wegberg soll nach Urteil des Landgerichts Mönchengladbach die Todesursache bei chirurgischen Patienten der Klinik gewesen sein. Unter der Leitung des mittlerweile verurteilten Chefarztes Arnold Pier wurden dazu in der Küche der Klinik Zitronen mit einem nicht sterilen Messer aufgeschnitten und mit einer nicht sterilen Presse ausgepresst, um den Saft sodann in Blasenspritzen aufzuziehen. Laut einem Artikel im Spiegel sollen auch Zitronensaftkonzentrate, wie sie im Lebensmittelhandel in kleinen gelben Plastikflaschen verkauft werden, in der Chirurgie der Klinik zum Einsatz gekommen sein. Es handelt sich dabei um Lebensmittel und nicht um Arzneimittel oder zugelassene Medizinprodukte.

Der nicht sterile Presssaft wurde zur oberflächlichen Wunddesinfektion, zur Tränkung von Wundverbänden und zur Spülung von Operationswunden sowie der offenen Bauchhöhle eingesetzt. Der anordnende Pier war in Personalunion Klinikeigentümer, ärztlicher Leiter und Chefarzt der Chirurgie der Sankt-Antonius-Klinik Wegberg.[9] Dies führte dazu, dass ärztliche Kollegen keinen anderen Weg sahen, auf Missstände durch die Zitronensaftanwendungen sowie mögliche andere Fehlbehandlungen aufmerksam zu machen, als 2006 anonym Anzeige bei der Staatsanwaltschaft zu erstatten. Auch das Pflegepersonal wunderte sich über die ungewöhnliche experimentelle Therapie, die den Patienten als "Ascorbinsäure-Anwendung" erläutert wurde.

Die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach klagte Pier und Kollegen unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung mit Todesfolge an. Der Ex-Chefarzt soll Patienten im Wegberger Krankenhaus unnötig Organe entnommen und frisch gepressten Zitronensaft statt steriler Lösung in den Bauchraum gespritzt haben. Dem einst renommierten Mediziner werden 69 Vergehen an 17 Patienten im Alter zwischen 50 und 92 Jahren vorgeworfen. Sieben Patienten überlebten die Tortur nicht. Sie sollen durch Ärztehand gestorben sein.[10] In vier Fällen durch handwerkliche Fehler, in drei Fällen durch Körperverletzung mit Todesfolge. Pier bestritt die Vorwürfe. Im Januar 2010 wurde Pier vom andgericht Mönchengladbach zu einem Jahr und drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.[11] Diese Entscheidung bezieht sich nur auf einen von vielen Fällen, für die Arnold Pier angeklagt war. Bei diesem ersten Fall ging es um den Tod einer 80-jährigen Patientin. Ihre Operationswunden sollen mit Zitronensaft desinfiziert worden sein. Zwei weitere Ärzte wurden freigesprochen. Chefarzt Pier verlor seine Approbation (ruhend), verbrachte ein halbes Jahr in Untersuchungshaft und verkaufte zwangsweise die 100 Betten-Klinik, die er zuvor von der Gemeinde für 25.000 Euro gekauft und durchrationalisiert hatte. Der Kaufpreis soll bei 2 Millionen Euro gelegen haben.[12]

Gutachter im Prozess gegen Pier und weitere fünf Angeklagte sagten aus, dass die Anwendung von Zitronensaft einen rein "experimentellen Charakter" hätten und Literatur zur Anwendung fehle.[13]

Im Februar 2011 legte Pier ein Geständnis ab. Er gab mehrere Körperverletzungen mit Todesfolge sowie eine Reihe weiterer Körperverletzungen zu. Der Angeklagte räumte ein, dass er fehlerhaft gehandelt, unnötig und ohne Einwilligung operiert, Patienten nicht aufgeklärt, Zitronensaft zur Behandlung benutzt und die Bedeutung einer Patientenverfügung verkannt habe. Das Gericht hatte ihm im Gegenzug für das Geständnis eine Freiheitsstrafe zwischen dreieinhalb und viereinhalb Jahren in Aussicht gestellt. Aufgrund der langen Verfahrensdauer sollten 9 bis 13 Monate als bereits vollstreckt angerechnet werden.[14] Arnold Pier wurde im März 2011 aufgrund seines Geständnisses zu einer Haftstrafe von 4 Jahren, einer Zahlung in Höhe von 30.000 Euro an die Hinterbliebenen und einem vierjährigen Berufsverbot verurteilt.[15][16]

Weblinks

Quellennachweise

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/James_Lind
  2. Uhitil S, Hadina S, Granić K, Jaksić S. Prevalence of Candida species in fresh fruit juices. Arh Hig Rada Toksikol. 2009 Dec;60(4):443-7.
  3. Tournas VH, Heeres J, Burgess L. Moulds and yeasts in fruit salads and fruit juices. Food Microbiol. 2006 Oct;23(7):684-8. Epub 2006 Mar 20
  4. http://www.sanfte-therapien.de/Zitrone.htm
  5. Imade GE, Sagay AS, Onwuliri VA, Egah DZ, Potts M: Use of lemon or lime juice douches in women in Jos, Nigeria.Short RV.Sex Health. 2005;2(4):237-9
  6. Anukam KC, Reid G: In vitro evaluation of the viability of vaginal cells (VK2/E6E7) and probiotic Lactobacillus species in lemon juice. Sex Health. 2009 Mar;6(1):67-74
  7. Bisbe J, Miro JM, Latorre X, Moreno A, Mallolas J, Gatell JM, de la Bellacasa JP, Soriano E: Disseminated candidiasis in addicts who use brown heroin: report of 83 cases and review. Clin Infect Dis. 1992 Dec;15(6):910-23
  8. Quelle: RP-Online
  9. Zitronensaft zur Desinfektion von Wunden: Anklage gegen Klinik-Chefarzt erhoben. Ärzte Zeitung online, 21. April 2008
  10. "Niemand durfte mehr mit uns sprechen." Aachener Zeitung, 4. September 2007
  11. Klinikskandal: Richter verurteilen Zitronensaft-Arzt zu Bewährungsstrafe. Spiegel Online, 15. Januar 2010
  12. http://krankenhaus-wegberg.blog.de/
  13. Pier-Prozess: "Zitronensaft fast wie Salzsäure". RP Online, 17. Dezember 2009
  14. http://www.apotheke-adhoc.de/Nachrichten/Panorama/14130.html
  15. http://www.1a-krankenversicherung.de/nachrichten/chefarzt-aus-wegberg-zu-vier-jahren-haft-verurteilt-11233
  16. Urteil im Wegberg-Prozess. FAZ.NET, 28. März 2011