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Die '''Psychoanalyse''' ist ein historisch-obsoletes Erklärungsmodell der menschlichen Psyche und gleichzeitig auch eine Form der Psychotherapie, deren Wirksamkeit jedoch umstritten ist. Sie wurde von dem österreichischen Arzt [[Sigmund Freud]] begründet. Die Psychoanalyse spaltete sich seitdem in verschiedene Schulen auf. Die Psychoanalyse ist entgegen eines weit verbreiteten Irrtums nicht mit der wissenschaftlichen Psychologie gleichzusetzen und stellt auch keine ihrer Teildisziplinen dar. Sie hat sich vielmehr weitgehend unabhängig von ihr entwickelt und bis auf in einigen Fächern der Psychologie wie der Persönlichkeitspsychologie und der Entwicklungspsychologie keinerlei Relevanz.
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Die '''Psychoanalyse''' ist ein historisch-obsoletes Erklärungsmodell der menschlichen Psyche und gleichzeitig auch eine Form der Psychotherapie, deren Wirksamkeit jedoch umstritten ist. Sie wurde von dem österreichischen Arzt [[Sigmund Freud]] begründet. Die Psychoanalyse spaltete sich seitdem in verschiedene Schulen auf. Die Psychoanalyse ist entgegen eines weit verbreiteten Irrtums nicht mit der wissenschaftlichen Psychologie gleichzusetzen und stellt auch keine ihrer Teildisziplinen dar. Sie hat sich vielmehr weitgehend unabhängig von ihr entwickelt und hat keinerlei Relevanz in der empirischen/modernen Psychologie. Selbst fachfremde Personen können ohne nachweisliche Kenntnisse der Psychologie, der Psychopathologie, der Neurowissenschaften oder Medizin Analytiker werden. Eine wichtige Voraussetzung, um die Bezeichnung Psychoanalytiker führen zu dürfen, ist eine eigene "Lehranalyse", bei der sich der Ausbildungskandidat durch einen anderen Analytiker jahrelang zu eigenen kosen selber analysieren lassen muss.  
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Deutschland ist das einzige Land auf der Welt, in dem die Psychoanalyse eine Regelleistung der Krankenkassen ist, zudem sind noch immer von den über 40 Lehrstühlen für klinische Psychologie an staatlichen Universitäten zwei von Psychoanalytikern besetzt.<ref>https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article152795956/Warum-die-Psychoanalyse-ein-Comeback-feiert.html</ref> Viele Studierende hören in ihrem gesamten Psychologiestudium von der Psychoanalyse so gut wie nichts, wie selbt die "Interessengemeinschaft der Psychoanalyse an Universitäten e.V." beklagt.<ref>https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article152795956/Warum-die-Psychoanalyse-ein-Comeback-feiert.html</ref>
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Deutschland ist das einzige Land auf der Welt, in dem die Psychoanalyse eine Regelleistung der Krankenkassen ist, zudem sind noch immer von den über 40 Lehrstühlen für klinische Psychologie an staatlichen Universitäten zwei von Psychoanalytikern besetzt.<ref>https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article152795956/Warum-die-Psychoanalyse-ein-Comeback-feiert.html</ref> Viele Studierende hören in ihrem gesamten Psychologiestudium von der Psychoanalyse so gut wie nichts, wie selbt die "Interessengemeinschaft der Psychoanalyse an Universitäten e.V." und Analysten beklagen.<ref>https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article152795956/Warum-die-Psychoanalyse-ein-Comeback-feiert.html</ref><ref>https://web.archive.org/web/20210515160244/https://taz.de/Lehrstuhl-vor-dem-Aus/!5765960/</ref> Am 17. April 2021 reichte die „Studentische Interesseninitiative Psychoanalyse der Goethe Universität“ eine Petition ein, da der Fachbereich für Psychologie die Professur in Zukunft 'verfahrensoffen' ausschreiben wollte. Als Begründung der Petition wurde u.a. die historische Wichtigkeit genannt und dass es ohne diese Quotenregelung "voraussichtlich zu einer Abschaffung der Abteilung für Psychoanalyse führen würde".<ref>https://www.openpetition.de/petition/online/forderung-fuer-den-erhalt-des-psychoanalytischen-lehrstuhls-an-der-goethe-universitaet</ref> In einem Artikel der taz zum Thema erwähnte ein befürwortender Psychoanalyst: "Unter dem gegenwärtigen Lehrstuhlinhaber Tilmann Habermas [der Sohn des weltbekannten Philosophen Jürgen Habermas] wurde die Psychoanalyse in das Institut für Psychologie eingegliedert und führte dort dann ein Nischendasein. Umgeben war sie von Pro­fes­so­r*in­nen verfeindeter Theorietraditionen, die wegen angeblicher Antiquiertheit der Psychoanalyse deren wissenschaftliche Legitimität anzweifelten."<ref>https://web.archive.org/web/20210515160244/https://taz.de/Lehrstuhl-vor-dem-Aus/!5765960/</ref>
    
Von wissenschaftsphilosophischer und -theoretischer Seite wird gegen die Psychoanalyse eingewendet, daß sie keine Wissenschaft darstelle, sondern sich nur als Wissenschaft ausgebe. Für Sir Karl R. Popper, dem Vater des Wortes Pseudowissenschaft, sind Theorien nur dann wissenschaftlich, wenn sie grundsätzlich widerlegbar sind (falsifizierbar). Die Psychoanalyse ist somit den Pseudowissenschaften zuzuordnen, wie Popper bereits 1972 formulierte.<ref>http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychotherapie/Psychoanalyse/psychoanalyse.htm#Pseudowissenschaft</ref> Diese Auffassung wird von diversen weiteren Wissenschaftstheoretikern wie T.S. Kuhn, B.A. Farrell oder F. Cioffi geteilt.<ref>http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychotherapie/Psychoanalyse/psychoanalyse.htm#Pseudowissenschaft</ref> Weitere Kritiker der Psychoanalyse sind beispielsweise: Martin Seligman<ref>Seligman, Martin, Authentic Happiness (The Free Press, Simon & Schuster, 2002), p. 64.</ref>, Noam Chomsky<ref>The Professorial Provocateur, Noam Chomsky interviewed by Deborah Solomon".</ref>, Steven Pinker<ref>Pinker, Steven (1997). How The Mind Works. Steven Pinker</ref>, Stephen Jay Gould<ref>Gould, Stephen Jay (1977). Ontogeny and Phylogeny. Harvard University Press.</ref>, Richard Feynman<ref>Feynman, Richard (2007) [1998]. The Meaning of It All: Thoughts of a Citizen-Scientist. London: Penguin. pp. 114–5. Feynman was also speaking here of psychiatrists.</ref> oder Michel Foucault<ref>Weeks, Jeffrey (1989), Sexuality and its Discontents: Meanings, Myths, and Modern Sexualities, New York: Routledge, p. 176, ISBN 978-0-415-04503-2</ref>.
 
Von wissenschaftsphilosophischer und -theoretischer Seite wird gegen die Psychoanalyse eingewendet, daß sie keine Wissenschaft darstelle, sondern sich nur als Wissenschaft ausgebe. Für Sir Karl R. Popper, dem Vater des Wortes Pseudowissenschaft, sind Theorien nur dann wissenschaftlich, wenn sie grundsätzlich widerlegbar sind (falsifizierbar). Die Psychoanalyse ist somit den Pseudowissenschaften zuzuordnen, wie Popper bereits 1972 formulierte.<ref>http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychotherapie/Psychoanalyse/psychoanalyse.htm#Pseudowissenschaft</ref> Diese Auffassung wird von diversen weiteren Wissenschaftstheoretikern wie T.S. Kuhn, B.A. Farrell oder F. Cioffi geteilt.<ref>http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychotherapie/Psychoanalyse/psychoanalyse.htm#Pseudowissenschaft</ref> Weitere Kritiker der Psychoanalyse sind beispielsweise: Martin Seligman<ref>Seligman, Martin, Authentic Happiness (The Free Press, Simon & Schuster, 2002), p. 64.</ref>, Noam Chomsky<ref>The Professorial Provocateur, Noam Chomsky interviewed by Deborah Solomon".</ref>, Steven Pinker<ref>Pinker, Steven (1997). How The Mind Works. Steven Pinker</ref>, Stephen Jay Gould<ref>Gould, Stephen Jay (1977). Ontogeny and Phylogeny. Harvard University Press.</ref>, Richard Feynman<ref>Feynman, Richard (2007) [1998]. The Meaning of It All: Thoughts of a Citizen-Scientist. London: Penguin. pp. 114–5. Feynman was also speaking here of psychiatrists.</ref> oder Michel Foucault<ref>Weeks, Jeffrey (1989), Sexuality and its Discontents: Meanings, Myths, and Modern Sexualities, New York: Routledge, p. 176, ISBN 978-0-415-04503-2</ref>.
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Der Begriff "Psychoanalyse" selbst wurde von Freuds frühem Mitstreiter und Arzt Joseph Breuer geprägt. In einem Brief an Sigmund Freud schlägt Breuer vor, das von ihm bei der Behandlung von Bertha Pappenheim (in der Literatur bezeichnet als Anna&nbsp;O.) 1880/1881 entwickelte Verfahren "Psychoanalyse" zu nennen – in Anlehnung an das Theaterstück "König Ödipus" von Sophokles, das Schiller 1787 in einem Brief an Goethe als "tragische analysis" bezeichnet hatte: Der Ödipus des Sophokles versteht es, aufrichtig und selbstlos die lange zurück liegenden Umstände seiner familiären Verstrickung – aus der Rückschau – aufzulösen.<ref>http://www.oedipus-online.de/</ref>
 
Der Begriff "Psychoanalyse" selbst wurde von Freuds frühem Mitstreiter und Arzt Joseph Breuer geprägt. In einem Brief an Sigmund Freud schlägt Breuer vor, das von ihm bei der Behandlung von Bertha Pappenheim (in der Literatur bezeichnet als Anna&nbsp;O.) 1880/1881 entwickelte Verfahren "Psychoanalyse" zu nennen – in Anlehnung an das Theaterstück "König Ödipus" von Sophokles, das Schiller 1787 in einem Brief an Goethe als "tragische analysis" bezeichnet hatte: Der Ödipus des Sophokles versteht es, aufrichtig und selbstlos die lange zurück liegenden Umstände seiner familiären Verstrickung – aus der Rückschau – aufzulösen.<ref>http://www.oedipus-online.de/</ref>
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==Der Fall der „Anna&nbsp;O.“==
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==Annahmen der Psychoanalyse==
[[image:AnnaO.jpg|Anna&nbsp;O.|thumb]]
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Die erste bekannte Patientin, die psychoanalytisch behandelt wurde, war „Anna&nbsp;O.“, ein Pseudonym, hinter dem sich die Frauenrechtlerin, jüdische Sozialpionierin und Gründerin des Jüdischen Frauenbundes Bertha Pappenheim (27.&nbsp;Februar 1859, Wien - 28.&nbsp;Mai 1936, Neu-Isenburg) verbarg. Breuer stellte bei ihr eine „Hysterie“ fest, deren Ursache ein sexueller Missbrauch in der frühen Kindheit sein sollte.<ref>http://psychology.about.com/od/sigmundfreud/p/anna_o.htm</ref>
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Zentraler Ausgangspunkt für die Entwicklung der Psychoanalyse sind die mit Josef Breuer zusammen verfassten Studien über Hysterie (1895/1995). Bertha Pappenheim diente dabei als Studienobjekt. Sie wird als der erste Fall geschildert, in dem es gelang, die Hysterie „vollständig zu durchleuchten“ und die Symptome zum Verschwinden zu bringen. Ihre Aussage, dass ihr das Aussprechen helfe, ihre Seele zu entlasten, entspricht der später als „Katharsis-Theorie“ bezeichneten Behandlungstechnik der Psychoanalyse. Allerdings wurde Bertha Pappenheim nicht geheilt, sondern von Breuer in die Privatklinik Bellevue in Kreuzlingen am Bodensee überwiesen. Nach ihrer Behandlung in dieser Klinik wurde sie von Breuer nicht mehr persönlich betreut. Freud, der seine Zusammenarbeit mit Breuer beendete, stellte den Fall „Anna&nbsp;O.“ dem entgegen als erste gelungene Heilung durch die Psychoanalyse dar.
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Nach Ende der Behandlung durch Breuer war sowohl ihm als auch Freud weiterhin der Verlauf der Erkrankung Pappenheims bekannt. Unter Freuds Schülern wurde die Anfechtbarkeit der Darstellung des „Behandlungserfolgs“ geäußert. In einem Privatseminar sagte Carl Gustav Jung 1925:
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"''So war auch der berühmte erste Fall, den er gemeinsam mit Breuer behandelte und der so sehr als das Beispiel eines herausragenden therapeutischen Erfolgs gepriesen wird, in Wahrheit nichts dergleichen''."
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Und Charles Aldrich berichtet:
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"''Aber die Patientin dieses berühmten Falles war nicht geheilt. Freud erzählte Jung, dass alle ihre alten Symptome zurückgekehrt seien, nachdem er den Fall aufgegeben habe''."
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Wie Pappenheim selbst den Erfolg der Behandlung bewertete, ist nicht belegt. Sie sprach niemals über diesen Abschnitt ihres Lebens und widersetzte sich mit Vehemenz jedem Vorschlag einer psychoanalytischen Behandlung von Personen, für die sie die Verantwortung trug.<ref>http://de.wikipedia.org/wiki/Bertha_Pappenheim#Behandlungserfolg</ref>
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==Theorie der Psychoanalyse==
   
===Instanzenmodell===
 
===Instanzenmodell===
 
Die Psychoanalyse postuliert, dass die menschliche Psyche aus drei Instanzen aufgebaut ist. Diese werden mit "Es", "Ich" und "Über-Ich" bezeichnet. Dabei verkörpert das "Es" die Triebe (s.&nbsp;Triebtheorie), das "Ich" den bewussten Teil der Psyche und das "Über-Ich" die moralischen Werte und Normen. Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften können dieses Modell nicht bestätigen, da der Aufbau des menschlichen Gehirns nicht dieser Unterteilung entspricht. Zwar sind moralische Verhaltensmuster wie z.B. gesellschaftliche Normen eng mit den Stirnlappen korreliert, "Triebe" (z.B. Sexualität, Nahrungsaufnahme) eher mit phylogenetisch ursprünglicheren Hirnabschnitten, jedoch lässt sich daraus kein Gesamtkonstrukt für die menschliche Psyche ableiten.
 
Die Psychoanalyse postuliert, dass die menschliche Psyche aus drei Instanzen aufgebaut ist. Diese werden mit "Es", "Ich" und "Über-Ich" bezeichnet. Dabei verkörpert das "Es" die Triebe (s.&nbsp;Triebtheorie), das "Ich" den bewussten Teil der Psyche und das "Über-Ich" die moralischen Werte und Normen. Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften können dieses Modell nicht bestätigen, da der Aufbau des menschlichen Gehirns nicht dieser Unterteilung entspricht. Zwar sind moralische Verhaltensmuster wie z.B. gesellschaftliche Normen eng mit den Stirnlappen korreliert, "Triebe" (z.B. Sexualität, Nahrungsaufnahme) eher mit phylogenetisch ursprünglicheren Hirnabschnitten, jedoch lässt sich daraus kein Gesamtkonstrukt für die menschliche Psyche ableiten.
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==Psychoanalytische Therapie==
 
==Psychoanalytische Therapie==
Die Ausbildung zum Psychoanalytiker setzt nicht notwendigerweise ein Medizin- oder Psychologiestudium voraus. Viele Analytiker sind Sozialwissenschaftler, Pädagogen oder Philosophen. Auch völlig fachfremde Personen können ganz ohne Kenntnisse der Neurowissenschaften, der Psychologie, der Psychopathologie und Pharmakologie Analytiker werden. Eine wichtige Voraussetzung, um die Bezeichnung Psychoanalytiker führen zu dürfen, ist eine Lehranalyse, bei der sich der Ausbildungskandidat durch einen anderen Analytiker selber analysieren lassen muss. Dabei soll er einerseits die Analysetechniken erlernen, andererseits soll er von eigenen psychischen Problemen geheilt werden. Die Lehranalyse muss selber bezahlt werden und dauert oftmals Jahre.
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Die klassische Psychoanalyse findet über einige Jahre hinweg drei- bis fünfmal wöchentlich statt. Der Patient bzw. Analysand liegt auf einer Couch und sagt möglichst unzensiert alles, was ihn gerade bewegt bzw. ihm durch den Sinn geht (Freies Assoziieren). Der hinter ihm sitzende Analytiker hört mit einer Haltung "freischwebender Aufmerksamkeit" zu und teilt dem Analysanden die während des psychoanalytischen Prozesses gewonnenen Erkenntnisse mit ("Deutung"), wann immer er dies für günstig hält. Dabei ist ausdrücklich erwünscht, dass der Klient eine Beziehung zum Analytiker entwickelt, deren Emotionen, Motive, Wünsche u.a. thematisiert und vom Analytiker interpretiert werden (Übertragung - Gegenübertragung). Auch die Traumdeutung kommt während der analytischen Behandlung zur Anwendung.
 
Die klassische Psychoanalyse findet über einige Jahre hinweg drei- bis fünfmal wöchentlich statt. Der Patient bzw. Analysand liegt auf einer Couch und sagt möglichst unzensiert alles, was ihn gerade bewegt bzw. ihm durch den Sinn geht (Freies Assoziieren). Der hinter ihm sitzende Analytiker hört mit einer Haltung "freischwebender Aufmerksamkeit" zu und teilt dem Analysanden die während des psychoanalytischen Prozesses gewonnenen Erkenntnisse mit ("Deutung"), wann immer er dies für günstig hält. Dabei ist ausdrücklich erwünscht, dass der Klient eine Beziehung zum Analytiker entwickelt, deren Emotionen, Motive, Wünsche u.a. thematisiert und vom Analytiker interpretiert werden (Übertragung - Gegenübertragung). Auch die Traumdeutung kommt während der analytischen Behandlung zur Anwendung.
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==Kritik==
 
==Kritik==
===Generell===
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===Historisch===
Hans-Jürgen Eysenck veröffentlichte bereits 1952 eine Übersichtsarbeit über 24 Psychotherapiestudien, wobei er "eklektischer Psychotherapie" mit Psychoanalyse und spontanen Remissionsraten unbehandelter Patienten verglich. Er kam zu dem Schluss, dass Psychoanalyse der Spontanremission sogar unterlegen sei, obwohl seine Methodik aus heutiger Sicht nicht mehr hinlänglich ist, demonstriert diese Arbeit jedoch, die schon sehr früh eintretende Forschung, die die Wirksamkeit der Psychoanalyse in Frage stellte.<ref>Hans Jürgen Eysenck: The Effects of Psychotherapy: An Evaluation. In: Journal of Consulting Psychology. 16, 1952, S. 319–324.</ref>
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Freud sah die Psychoanalyse anfangs als eine Naturwissenschaft. Je mehr empirische Fakten im Laufe der Zeit gegen die Annahmen der Psychoanalyse sprachen, desto stärker wandelte sich diese zu einer Art "Verstehenskunst".
Anfang der 1990er Jahre veröffentlichte dann die Arbeitsgruppe um Klaus Grawe die bisher umfangreichste Metaanalyse von Psychotherapie-Vergleichsstudie und folgerte dass kognitive Verhaltenstherapie im Durchschnitt hochsignifikant wirksamer sei als psychoanalytische Therapie.<ref>Klaus Grawe: Psychotherapieforschung zu Beginn der neunziger Jahre. In: Psychologische Rundschau. 43, 1992, S. 132–162.</ref><ref>Klaus Grawe, Ruth Donati, Friederike Bernauer: Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Hogrefe, Göttingen 1994, ISBN 3-8017-0481-5.</ref> Diese Ergebnisse wurden im deutschsprachigen Raum zum Teil sehr kontrovers diskutiert und von psychoanalytischer Seite in Frage gestellt.<ref>Wolfgang Mertens: Psychoanalyse auf dem Prüfstand? Eine Erwiderung auf die Meta-Analyse von Klaus Grawe. Berlin, München: Quintessenz, 1994.</ref> Grawe warf allerdings auch die Frage auf, in welchen Fällen, welche Therapie am wirksamsten sein könnte, diese Frage wird weiterhin kontrovers diskutiert.
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Hans-Jürgen Eysenck veröffentlichte bereits 1952 eine Übersichtsarbeit über 24 Psychotherapiestudien, wobei er "eklektischer Psychotherapie" mit Psychoanalyse und spontanen Remissionsraten unbehandelter Patienten verglich. Er kam zu dem Schluss, dass Psychoanalyse der Spontanremission sogar unterlegen sei. Obwohl seine Methodik aus heutiger Sicht nicht mehr hinlänglich ist, demonstriert diese Arbeit jedoch, die schon sehr früh eintretende Forschung, die die Wirksamkeit der Psychoanalyse in Frage stellte.<ref>Hans Jürgen Eysenck: The Effects of Psychotherapy: An Evaluation. In: Journal of Consulting Psychology. 16, 1952, S. 319–324.</ref>
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Anfang der 1990er Jahre veröffentlichte dann die Arbeitsgruppe um Klaus Grawe die bisher umfangreichste Metaanalyse von Psychotherapie-Vergleichsstudie und folgerte, dass kognitive Verhaltenstherapie im Durchschnitt hochsignifikant wirksamer sei als psychoanalytische Therapie.<ref>Klaus Grawe: Psychotherapieforschung zu Beginn der neunziger Jahre. In: Psychologische Rundschau. 43, 1992, S. 132–162.</ref><ref>Klaus Grawe, Ruth Donati, Friederike Bernauer: Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Hogrefe, Göttingen 1994, ISBN 3-8017-0481-5.</ref> Diese Ergebnisse wurden im deutschsprachigen Raum zum Teil sehr kontrovers diskutiert und von psychoanalytischer Seite in Frage gestellt.<ref>Wolfgang Mertens: Psychoanalyse auf dem Prüfstand? Eine Erwiderung auf die Meta-Analyse von Klaus Grawe. Berlin, München: Quintessenz, 1994.</ref>
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Gemäss neueren Untersuchungen erweisst sich ein Vergleich von Psychoanalytischen Therapien mit anderen als schwierig. Insbesondere die Einbeziehung von Prä- / Post-Studien anstelle von randomisierten kontrollierten Studien und das Fehlen adäquater Vergleiche mit Kontrollbehandlungen ist eine schwerwiegende Einschränkung bei der Interpretation der Ergebnisse von Studien, die den Psychoanalytischen Therapien Evidenz zusprechen.<ref>De Maat, S; De Jonghe, F; De Kraker, R; Leichsenring, F; Abbass, A; Luyten, P; Barber, J. P; Rien, Van; Dekker, J (2013). "The current state of the empirical evidence for psychoanalysis: A meta-analytic approach". Harvard Review of Psychiatry. 21 (3): 107–37. doi:10.1097/HRP.0b013e318294f5fd (inactive 2019-12-03). PMID 23660968.</ref>
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In der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1993 veröffentlichten Studie zur Wirksamkeit der Behandlung psychischer Störungen<ref>Andrews, G. (1993). The benefits of psychotherapy. In N.Sartorius; G. de Girolamo; G. Andrews; G.A. German; L. Eisenberg (Hrsg.), Treatment of mental disorders: a review of effectiveness. Washington: World Health Organization / American Psychiatric Press, 235-247.</ref> wird festgestellt, dass die dynamischen Psychotherapien (Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Therapie u.a.) im Gegensatz zu ihrer derzeit noch bestehenden Popularität bei Patienten und Behandlern zumeist nicht wirksamer sind als ein Placebo.<ref>http://www.psychotherapie.de/psychotherapie/akademie/98010401.html</ref>
Eine Metaanalyse der Langzeitpsychodynamischen Psychotherapie aus dem Jahr 2012 ergab eine bescheidene Gesamtwirkungsgröße. Diese Studie kam zu dem Schluss, dass die Recovery Rate den Kontrollbehandlungen, einschließlich den treatment as usual, gleich war. Die Autoren stellten fest, dass die Wirksamkeit der Langzeitpsychodynamischen Psychotherapie somit begrenzt und bestenfalls widersprüchlich sei.<ref>Smit, Y.; Huibers, J.; Ioannidis, J.; van Dyck, R.; van Tilburg, W.; Arntz, A. (2012). "The effectiveness of long-term psychoanalytic psychotherapy — A meta-analysis of randomized controlled trials". Clinical Psychology Review. 32 (2): 81–92. doi:10.1016/j.cpr.2011.11.003. PMID 22227111.</ref>
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Es gibt keine kontrollierten Studien zum Langzeiteffekt einer psychoanalytischen Therapie bei der Behandlung von Depressionen von Erwachsenen.<ref>American Psychiatric Association. Practice Guideline for major depressive disorder in adults. Am J Psychiatry. 1993;150(suppl4):1-26)</ref>
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Siehe auch [http://www.sgipt.org/th_schul/pa/ptf/rudolf91.htm hier]
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===Wirksamkeit===
 
Eine systematische Überprüfung der medizinischen Literatur durch die angesehene Cochrane Collaboration aus dem Jahr 2001 ergab, dass keine Daten vorliegen, die belegen, dass die psychodynamische Psychotherapie bei der Behandlung von Schizophrenie und schweren psychischen Erkrankungen wirksam ist.<ref>Malmberg, Lena; Fenton, Mark; Rathbone, John (2001). "Individual psychodynamic psychotherapy and psychoanalysis for schizophrenia and severe mental illness". Cochrane Database of Systematic Reviews (3): CD001360. doi:10.1002/14651858.CD001360. PMC 4171459. PMID 11686988.</ref> Ein französisches Review kam zum selben Ergebnis.<ref>National Institute for health and medical research (2004), Psychotherapy: Three approaches evaluated, PMID 21348158</ref> Auch das "Institut national de la santé et de la recherche médicale" kurz INSERM kam anhand von Metaanalysen zu dem Schluss, dass die psychoanalytische Therapie weniger wirksam ist als andere Psychotherapien für bestimmte Krankheiten.<ref>National Institute for health and medical research (2004), Psychotherapy: Three approaches evaluated, PMID 21348158</ref>
 
Eine systematische Überprüfung der medizinischen Literatur durch die angesehene Cochrane Collaboration aus dem Jahr 2001 ergab, dass keine Daten vorliegen, die belegen, dass die psychodynamische Psychotherapie bei der Behandlung von Schizophrenie und schweren psychischen Erkrankungen wirksam ist.<ref>Malmberg, Lena; Fenton, Mark; Rathbone, John (2001). "Individual psychodynamic psychotherapy and psychoanalysis for schizophrenia and severe mental illness". Cochrane Database of Systematic Reviews (3): CD001360. doi:10.1002/14651858.CD001360. PMC 4171459. PMID 11686988.</ref> Ein französisches Review kam zum selben Ergebnis.<ref>National Institute for health and medical research (2004), Psychotherapy: Three approaches evaluated, PMID 21348158</ref> Auch das "Institut national de la santé et de la recherche médicale" kurz INSERM kam anhand von Metaanalysen zu dem Schluss, dass die psychoanalytische Therapie weniger wirksam ist als andere Psychotherapien für bestimmte Krankheiten.<ref>National Institute for health and medical research (2004), Psychotherapy: Three approaches evaluated, PMID 21348158</ref>
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Gemäss neueren Untersuchungen erweisst sich ein Vergleich von Psychoanalytischen Therapien mit den Standardtherapien als schwierig. Insbesondere die Einbeziehung von Prä- / Post-Studien (anstelle von randomisierten kontrollierten Studien wie das normalerweise der Fall ist) und das Fehlen adäquater Vergleiche mit Kontrollbehandlungen ist eine schwerwiegende Einschränkung bei der Interpretation von Studien, die den Psychoanalytischen Therapien Evidenz zusprechen.<ref>De Maat, S; De Jonghe, F; De Kraker, R; Leichsenring, F; Abbass, A; Luyten, P; Barber, J. P; Rien, Van; Dekker, J (2013). "The current state of the empirical evidence for psychoanalysis: A meta-analytic approach". Harvard Review of Psychiatry. 21 (3): 107–37. doi:10.1097/HRP.0b013e318294f5fd (inactive 2019-12-03). PMID 23660968.</ref>
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Eine Metaanalyse der Langzeitpsychodynamischen Psychotherapie aus dem Jahr 2012 ergab eine bescheidene Gesamtwirkungsgröße. Diese Studie kam zu dem Schluss, dass die Recovery Rate den Kontrollbehandlungen - einschließlich den treatment as usual - gleich war. Die Autoren stellten fest, dass die Wirksamkeit der Langzeitpsychodynamischen Psychotherapie somit begrenzt und bestenfalls widersprüchlich sei.<ref>Smit, Y.; Huibers, J.; Ioannidis, J.; van Dyck, R.; van Tilburg, W.; Arntz, A. (2012). "The effectiveness of long-term psychoanalytic psychotherapy — A meta-analysis of randomized controlled trials". Clinical Psychology Review. 32 (2): 81–92. doi:10.1016/j.cpr.2011.11.003. PMID 22227111.</ref>
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===Professionalität===
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Die Ausbildung zum Psychoanalytiker setzt nicht notwendigerweise ein Medizin- oder Psychologiestudium voraus. Viele Analytiker sind Sozialwissenschaftler, Pädagogen oder Philosophen. Auch völlig fachfremde Personen können ohne nachweisliche Kenntnisse der der Psychologie, der Psychopathologie, der Neurowissenschaften oder Medizin Analytiker werden. Eine wichtige Voraussetzung, um die Bezeichnung Psychoanalytiker führen zu dürfen, ist eine Lehranalyse, bei der sich der Ausbildungskandidat durch einen anderen Analytiker selber analysieren lassen muss. Dabei soll er einerseits die Analysetechniken erlernen, andererseits soll er von eigenen psychischen Problemen geheilt werden. Die Lehranalyse muss selber bezahlt werden und dauert oftmals Jahre.
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Die bedeutendsten Vertreter der Psychoanalyse sind auch keine Psychologen oder Ärzte, sondern Philosophen (Beispiel: Jürgen Habermas), denen die empirische Prüfung der Aussagen der Psychoanalyse nicht relevant erschien.
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Freud sah die Psychoanalyse anfangs als eine Naturwissenschaft. Je mehr empirische Fakten im Laufe der Zeit gegen die Annahmen der Psychoanalyse sprachen, desto stärker wandelte sich diese zu einer Art "Verstehenskunst". Die bedeutendsten Vertreter der Psychoanalyse sind keine Psychologen oder Ärzte, sondern Philosophen (Beispiel: Jürgen Habermas), denen die empirische Prüfung der Aussagen der Psychoanalyse nicht relevant erschien.
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Da es, anders als bei Arzneimitteln, in der Psychoanalyse und in anderen Psychotherapieschulen kein fundiertes Qualitätssicherungs- oder Nebenwirkungsmeldesystem gibt, bleiben Psychotherapieschäden fast immer im Verborgenen oder obliegen, mangels einer unabhängigen Behörde, nur der Einschätzung der Therapeuten oder des Therapeutenverbandes, dem die Therapeuten angehören. In der Praxis werden sie oft heruntergespielt, unkonventionellen Behandlungsmethoden oder dem Patienten selbst zur Last gelegt. Dies hat wiederum zur Folge, dass es für Betroffene oft sehr schwierig ist, einen Therapieschaden nachzuweisen. Diesbezügliche Klagen gegen Therapeuten bleiben mangels objektiver und unabhängiger Qualitätskontrolle daher meist erfolglos.
    
Inzwischen ist wohl jeder relevante Aspekt der Psychoanalyse zum Thema heftiger Debatten geworden. Eine zentrale Kritik besagt, dass die klassische Psychoanalyse aus methodischen Gründen nicht als empirische Wissenschaft akzeptiert werden kann, da ihre suggestive Wirkung in der Therapiesituation selbsterfüllende Prophezeiungen produziere. Akzeptiert der Patient die Deutung, wertet der Therapeut dies als Bestätigung. Widerspricht er ihr, sucht der Therapeut nach unbewussten Widerständen gegen die Interpretation und fühlt sich gleichfalls bestätigt. Dies führt zu dem Vorwurf der theoretischen und methodischen Immunisierung gegen Kritik. Kritik erfolgte auch an der therapeutischen Praxis der Psychoanalyse, die zu langwierig und teuer sei, während der Nutzen nicht überzeugend belegt sei.<ref>http://www.gwup.org/infos/themen-nach-gebiet/66-gesundheit/71-psychoanalyse</ref>
 
Inzwischen ist wohl jeder relevante Aspekt der Psychoanalyse zum Thema heftiger Debatten geworden. Eine zentrale Kritik besagt, dass die klassische Psychoanalyse aus methodischen Gründen nicht als empirische Wissenschaft akzeptiert werden kann, da ihre suggestive Wirkung in der Therapiesituation selbsterfüllende Prophezeiungen produziere. Akzeptiert der Patient die Deutung, wertet der Therapeut dies als Bestätigung. Widerspricht er ihr, sucht der Therapeut nach unbewussten Widerständen gegen die Interpretation und fühlt sich gleichfalls bestätigt. Dies führt zu dem Vorwurf der theoretischen und methodischen Immunisierung gegen Kritik. Kritik erfolgte auch an der therapeutischen Praxis der Psychoanalyse, die zu langwierig und teuer sei, während der Nutzen nicht überzeugend belegt sei.<ref>http://www.gwup.org/infos/themen-nach-gebiet/66-gesundheit/71-psychoanalyse</ref>
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Viele Psychoanalytiker haben eine ablehnende Einstellung zur medikamentösen Behandlung psychischer Krankheiten und/oder sind [[Ritalinkritik]]er.
 
Viele Psychoanalytiker haben eine ablehnende Einstellung zur medikamentösen Behandlung psychischer Krankheiten und/oder sind [[Ritalinkritik]]er.
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Eine Gefahr insbesondere bei medizinisch nicht ausgebildeten Analytikern besteht darin, dass organische Krankheiten als psychische fehldiagnostiziert werden und in Folge dessen eine angemessene medizinische Behandlung unterbleibt. Insbesondere das Konzept der Hysterie, heute als Konversionsstörung bezeichnet, birgt die Gefahr in sich, dass Krankheiten wie Epilepsie oder Hirntumoren übersehen werden.<ref>http://www.richardwebster.net/freudandhysteria.html</ref>
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Der britische Psychiater Eliot Slater untersuchte in einer Studie 85&nbsp;Patienten, die in den Jahren 1951, 1953 und 1955 die Diagnose „Hysterie“ am National Hospital for Nervous Diseases in London erhielten. Dabei stellte er fest, dass es eine große Anzahl an falschen Diagnosen gab: Während eines Zeitraumes von neun Jahren nach der Diagnose starben zwölf der 85&nbsp;Patienten, 14&nbsp;wurden behindert und 16&nbsp;teilweise behindert. Die meisten dieser Fälle beruhten auf einer organischen Krankheit, die als „Hysterie“ falsch diagnostiziert wurde. Darunter waren drei Fälle einer vaskulären Erkrankung, drei Tumore und einige Fälle von Epilepsie. Ein Mann klagte über diverse Symptome, darunter auch Schmerzen in Bein, später wurde in einem anderen Krankenhaus multiple Sklerose festgestellt. In einem anderen Fall starb eine Frau, der man Hysterie und Drogensucht unterstellte, zwei Jahre danach an einem Hirntumor.<ref>Eliot Slater, ‘Diagnosis of “Hysteria”’, British Medical Journal, 29 May 1965, p. 1399</ref>
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===Dauer===
 
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Ablauf der Behandlung. In der Regel treffen Therapeut und Patient mindestens 3-mal wöchentlich zu einer Therapiestunde zusammen. Die Realität wird dabei immer mehr ausgeklammert, die Bindung zum Therapeuten immer stärker, teilweise so stark, dass es in der realen Welt des Klienten nicht selten zu Beziehungsabbrüchen und zu einer totalen Isolation kommt. Durch solche teils sehr engen Beziehungen zwischen Analytiker und Klient und die Besprechung teils sehr intimer Informationen aus dem Leben des Klienten, ist die Gefahr des sexuellen Missbrauchs während der Therapie sehr groß.<ref>http://www.sgipt.org/th_schul/pa/misbr/smeinf.htm</ref>
 
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Ablauf der Behandlung. In der Regel treffen Therapeut und Patient mindestens 3-mal wöchentlich zu einer Therapiestunde zusammen. Die Realität wird dabei immer mehr ausgeklammert, die Bindung zum Therapeuten immer stärker, teilweise so stark, dass es in der realen Welt des Klienten nicht selten zu Beziehungsabbrüchen und zu einer totalen Isolation kommt. Durch solche teils sehr engen Beziehungen zwischen Analytiker und Klient und die Besprechung teils sehr intimer Informationen aus dem Leben des Klienten, ist die Gefahr des sexuellen Missbrauchs während der Therapie sehr groß.<ref>http://www.sgipt.org/th_schul/pa/misbr/smeinf.htm</ref>
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Da es, anders als bei Arzneimitteln, in der Psychoanalyse und in anderen Psychotherapieschulen kein fundiertes Qualitätssicherungs- oder Nebenwirkungsmeldesystem gibt, bleiben Psychotherapieschäden fast immer im Verborgenen oder obliegen, mangels einer unabhängigen Behörde, nur der Einschätzung der Therapeuten oder des Therapeutenverbandes, dem die Therapeuten angehören. In der Praxis werden sie oft heruntergespielt, unkonventionellen Behandlungsmethoden oder dem Patienten selbst zur Last gelegt. Dies hat wiederum zur Folge, dass es für Betroffene oft sehr schwierig ist, einen Therapieschaden nachzuweisen. Diesbezügliche Klagen gegen Therapeuten bleiben mangels objektiver und unabhängiger Qualitätskontrolle daher meist erfolglos.
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==Spezifische Kritik==
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===Sigmund-Freud-Archiv===
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Viele Originalquellen, wie Briefe von und an Freud, werden bis in das Jahr 2113 unter Verschluss gehalten, sind öffentlich nicht zugänglich und dürfen nicht veröffentlicht werden. Dies erschwert eine kritische Auswertung der Daten und lässt vermuten, dass diese nicht zur Verifizierung der Psychoanalyse geeignet sind.
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===False-Memory-Syndrom===
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Durch die Konzentration der Psychoanalyse auf frühkindliche Konflikte werden in den Klienten falsche Erinnerungen erzeugt. Mit "false memory" ("falscher Erinnerung") bezeichnet man die Verzerrung eines tatsächlichen Erlebnisses oder gar das Erfinden eines vermeintlichen Erlebnisses. Durch Anstacheln, Suggestion und gezielte Andeutungen wird den Klienten eine falsche Erinnerung regelrecht "eingeimpft". Scheinerinnerungen können dramatische Folgen haben. Vom aktuellen Stand der Wissenschaft aus betrachtet ist es fast unmöglich, wahrheitsgetreue Erinnerungen von verzerrten oder nur scheinbaren Erinnerungen zu trennen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass gewisse Vorgänge im Gehirn einfach notwendig sind, damit Erinnerungen überhaupt erst stattfinden können. Deshalb sind Erinnerungen an einen Säuglingsmissbrauch oder an einen Missbrauch, der stattfand, während man bewusstlos war, mit größter Wahrscheinlichkeit falsch.
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Ebenso notorisch unzuverlässig sind Erinnerungen, die durch Träume oder Hypnose hervorgerufen wurden - und dies allein schon deshalb, weil Informationen in Träumen sehr oft zweideutigen Charakter haben.<ref>http://skepdic.com/German/falsche_erinnerungen.html</ref>
    
===Kritik des Phasenmodells===
 
===Kritik des Phasenmodells===
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Wenn man sie wörtlich nimmt, können solche Interpretationen auch Familien zerstören, ohne dass überhaupt eine reale Grundlage dagewesen sein muss. Reaktionen von Eltern auf Kinder mit Schwierigkeiten können leicht mit der Ursache der Schwierigkeiten verwechselt werden. Mit allen daraus resultierenden Folgen (Vorwürfe, zerstörte Familien, Chronifizierung der Erkrankung).<ref>http://www.neuro24.de/analytische_therapie.htm</ref>
 
Wenn man sie wörtlich nimmt, können solche Interpretationen auch Familien zerstören, ohne dass überhaupt eine reale Grundlage dagewesen sein muss. Reaktionen von Eltern auf Kinder mit Schwierigkeiten können leicht mit der Ursache der Schwierigkeiten verwechselt werden. Mit allen daraus resultierenden Folgen (Vorwürfe, zerstörte Familien, Chronifizierung der Erkrankung).<ref>http://www.neuro24.de/analytische_therapie.htm</ref>
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===False-Memory-Syndrom===
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===Der Fall der „Anna&nbsp;O.“===
Durch die Konzentration der Psychoanalyse auf frühkindliche Konflikte werden in den Klienten falsche Erinnerungen erzeugt. Mit "false memory" ("falscher Erinnerung") bezeichnet man die Verzerrung eines tatsächlichen Erlebnisses oder gar das Erfinden eines vermeintlichen Erlebnisses. Durch Anstacheln, Suggestion und gezielte Andeutungen wird den Klienten eine falsche Erinnerung regelrecht "eingeimpft". Scheinerinnerungen können dramatische Folgen haben. Vom aktuellen Stand der Wissenschaft aus betrachtet ist es fast unmöglich, wahrheitsgetreue Erinnerungen von verzerrten oder nur scheinbaren Erinnerungen zu trennen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass gewisse Vorgänge im Gehirn einfach notwendig sind, damit Erinnerungen überhaupt erst stattfinden können. Deshalb sind Erinnerungen an einen Säuglingsmissbrauch oder an einen Missbrauch, der stattfand, während man bewusstlos war, mit größter Wahrscheinlichkeit falsch.
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[[image:AnnaO.jpg|Anna&nbsp;O.|thumb]]
Ebenso notorisch unzuverlässig sind Erinnerungen, die durch Träume oder Hypnose hervorgerufen wurden - und dies allein schon deshalb, weil Informationen in Träumen sehr oft zweideutigen Charakter haben.<ref>http://skepdic.com/German/falsche_erinnerungen.html</ref>
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Die erste bekannte Patientin, die psychoanalytisch behandelt wurde, war „Anna&nbsp;O., ein Pseudonym, hinter dem sich die Frauenrechtlerin, jüdische Sozialpionierin und Gründerin des Jüdischen Frauenbundes Bertha Pappenheim (27.&nbsp;Februar 1859, Wien - 28.&nbsp;Mai 1936, Neu-Isenburg) verbarg. Breuer stellte bei ihr eine „Hysterie“ fest, deren Ursache ein sexueller Missbrauch in der frühen Kindheit sein sollte.<ref>http://psychology.about.com/od/sigmundfreud/p/anna_o.htm</ref>
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Zentraler Ausgangspunkt für die Entwicklung der Psychoanalyse sind die mit Josef Breuer zusammen verfassten Studien über Hysterie (1895/1995). Bertha Pappenheim diente dabei als Studienobjekt. Sie wird als der erste Fall geschildert, in dem es gelang, die Hysterie „vollständig zu durchleuchten“ und die Symptome zum Verschwinden zu bringen. Ihre Aussage, dass ihr das Aussprechen helfe, ihre Seele zu entlasten, entspricht der später als „Katharsis-Theorie“ bezeichneten Behandlungstechnik der Psychoanalyse. Allerdings wurde Bertha Pappenheim nicht geheilt, sondern von Breuer in die Privatklinik Bellevue in Kreuzlingen am Bodensee überwiesen. Nach ihrer Behandlung in dieser Klinik wurde sie von Breuer nicht mehr persönlich betreut. Freud, der seine Zusammenarbeit mit Breuer beendete, stellte den Fall „Anna&nbsp;O.“ dem entgegen als erste gelungene Heilung durch die Psychoanalyse dar.
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===Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie===
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Nach Ende der Behandlung durch Breuer war sowohl ihm als auch Freud weiterhin der Verlauf der Erkrankung Pappenheims bekannt. Unter Freuds Schülern wurde die Anfechtbarkeit der Darstellung des „Behandlungserfolgs“ geäußert. In einem Privatseminar sagte Carl Gustav Jung 1925:
In der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1993 veröffentlichten Studie zur Wirksamkeit der Behandlung psychischer Störungen<ref>Andrews, G. (1993). The benefits of psychotherapy. In N.Sartorius; G. de Girolamo; G. Andrews; G.A. German; L. Eisenberg (Hrsg.), Treatment of mental disorders: a review of effectiveness. Washington: World Health Organization / American Psychiatric Press, 235-247.</ref> wird festgestellt, dass die dynamischen Psychotherapien (Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Therapie u.a.) im Gegensatz zu ihrer derzeit noch bestehenden Popularität bei Patienten und Behandlern zumeist nicht wirksamer sind als ein Placebo.<ref>http://www.psychotherapie.de/psychotherapie/akademie/98010401.html</ref>
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Es gibt keine kontrollierten Studien zum Langzeiteffekt einer psychoanalytischen Therapie bei der Behandlung von Depressionen von Erwachsenen.<ref>American Psychiatric Association. Practice Guideline for major depressive disorder in adults. Am J Psychiatry. 1993;150(suppl4):1-26)</ref>
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"''So war auch der berühmte erste Fall, den er gemeinsam mit Breuer behandelte und der so sehr als das Beispiel eines herausragenden therapeutischen Erfolgs gepriesen wird, in Wahrheit nichts dergleichen''."
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Siehe auch [http://www.sgipt.org/th_schul/pa/ptf/rudolf91.htm hier]
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Und Charles Aldrich berichtet:
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===Fehlinterpretation organischer Erkrankungen===
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"''Aber die Patientin dieses berühmten Falles war nicht geheilt. Freud erzählte Jung, dass alle ihre alten Symptome zurückgekehrt seien, nachdem er den Fall aufgegeben habe''."
Eine Gefahr insbesondere bei medizinisch nicht ausgebildeten Analytikern besteht darin, dass organische Krankheiten als psychische fehldiagnostiziert werden und in Folge dessen eine angemessene medizinische Behandlung unterbleibt. Insbesondere das Konzept der Hysterie, heute als Konversionsstörung bezeichnet, birgt die Gefahr in sich, dass Krankheiten wie Epilepsie oder Hirntumoren übersehen werden.<ref>http://www.richardwebster.net/freudandhysteria.html</ref>
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Der britische Psychiater Eliot Slater untersuchte in einer Studie 85&nbsp;Patienten, die in den Jahren 1951, 1953 und 1955 die Diagnose „Hysterie“ am National Hospital for Nervous Diseases in London erhielten. Dabei stellte er fest, dass es eine große Anzahl an falschen Diagnosen gab: Während eines Zeitraumes von neun Jahren nach der Diagnose starben zwölf der 85&nbsp;Patienten, 14&nbsp;wurden behindert und 16&nbsp;teilweise behindert. Die meisten dieser Fälle beruhten auf einer organischen Krankheit, die als „Hysterie“ falsch diagnostiziert wurde. Darunter waren drei Fälle einer vaskulären Erkrankung, drei Tumore und einige Fälle von Epilepsie. Ein Mann klagte über diverse Symptome, darunter auch Schmerzen in Bein, später wurde in einem anderen Krankenhaus multiple Sklerose festgestellt. In einem anderen Fall starb eine Frau, der man Hysterie und Drogensucht unterstellte, zwei Jahre danach an einem Hirntumor.<ref>Eliot Slater, ‘Diagnosis of “Hysteria”’, British Medical Journal, 29 May 1965, p. 1399</ref>
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Wie Pappenheim selbst den Erfolg der Behandlung bewertete, ist nicht belegt. Sie sprach niemals über diesen Abschnitt ihres Lebens und widersetzte sich mit Vehemenz jedem Vorschlag einer psychoanalytischen Behandlung von Personen, für die sie die Verantwortung trug.<ref>http://de.wikipedia.org/wiki/Bertha_Pappenheim#Behandlungserfolg</ref>
    
===Kritik und Veröffentlichungen von Psychoanalyse-Geschädigten===
 
===Kritik und Veröffentlichungen von Psychoanalyse-Geschädigten===
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''"Schlussendlich habe ich die Entscheidung getroffen, dass der Kampf zwar wichtig und notwendig ist, aber nicht um den Preis, dass ich bei draufgehe. Ich habe dann dieses Forum geschlossen und jetzt auch unter anderen Aktivitäten einen Schlussstrich gezogen".''<ref>http://www.induzierte-erinnerungen.com/viewtopic.php?t=1604</ref>
 
''"Schlussendlich habe ich die Entscheidung getroffen, dass der Kampf zwar wichtig und notwendig ist, aber nicht um den Preis, dass ich bei draufgehe. Ich habe dann dieses Forum geschlossen und jetzt auch unter anderen Aktivitäten einen Schlussstrich gezogen".''<ref>http://www.induzierte-erinnerungen.com/viewtopic.php?t=1604</ref>
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==Sigmund-Freud-Archiv==
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Viele Originalquellen, wie Briefe von und an Freud, werden bis in das Jahr 2113 unter Verschluss gehalten, sind öffentlich nicht zugänglich und dürfen nicht veröffentlicht werden. Dies erschwert eine kritische Auswertung der Daten und lässt vermuten, dass diese nicht zur Verifizierung der Psychoanalyse geeignet sind.
      
==Literatur==
 
==Literatur==
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