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In Deutschland wird die Frischzellentherapie an der Privatklinik Villa Medica in Edenkolben (Burkhard Aschhoff) eingesetzt.
 
In Deutschland wird die Frischzellentherapie an der Privatklinik Villa Medica in Edenkolben (Burkhard Aschhoff) eingesetzt.
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==Varianten==
 
==Varianten==
 
[[image:frischzellen2.jpg|thumb]]
 
[[image:frischzellen2.jpg|thumb]]
Die von Niehans eingeführte Methode umfasst drei Varianten. Die Frischzellmethode bedeutet die Übertragung von Zellmaterial vom Spendertier direkt auf den Menschen. Bei der Eiszellmethode gewinnt man Gewebe vom Spendertier, das der Applikation beim Menschen tiefgefroren wird. Die Trockenzellmethode wiederum ist eine kontrollierte Gefriertrocknung der aus dem Tier gewonnen Zellen mit Zellkonservierung (= Lyophilisation) mit nachfolgender Abfüllung unter Vakuum in eine Spritzampulle. Die letztere Methode ist die gebräuchlichste.<ref>Hoepke H: Frischzellentherapie. Med Klin, 69, 1764, 1974</ref>
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Die von Niehans eingeführte Methode umfasst drei Varianten. Die Frischzellmethode bedeutet die Übertragung von Zellmaterial vom Spendertier direkt auf den Menschen. Bei der Eiszellmethode gewinnt man Gewebe vom Spendertier, das vor der Applikation beim Menschen tiefgefroren wird. Die Trockenzellmethode wiederum ist eine kontrollierte Gefriertrocknung der aus dem Tier gewonnenen Zellen mit Zellkonservierung (= Lyophilisation) mit nachfolgender Abfüllung unter Vakuum in eine Spritzampulle. Die letztere Methode ist die gebräuchlichste.<ref>Hoepke H: Frischzellentherapie. Med Klin, 69, 1764, 1974</ref>
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Abweichend von dem oben beschriebenen Verfahren werden auch manchmal getrocknete oder eingefrorene Zellpräparate gegeben. Ebenfalls möglich ist die Einnahme der Zellen in Tablettenform.
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Abweichend von dem oben beschriebenen Verfahren werden manchmal auch getrocknete oder eingefrorene Zellpräparate verabreicht. Ebenfalls möglich ist die Einnahme der Zellen in Tablettenform.
    
Auch einige Kosmetika werden damit beworben, mit Frischzellen oder auch Placentagewebe hergestellt worden zu sein (Hormocenta).
 
Auch einige Kosmetika werden damit beworben, mit Frischzellen oder auch Placentagewebe hergestellt worden zu sein (Hormocenta).
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Im Handel waren verschiedene Präparate wie Organ-Seren der Firma Wiedemann, die durch Immunisierung von Kaninchen mit menschlichem Gewebsantigen von Organen junger Unfallopfer gewonnen wurden. Die Seren wurden entlang der Wirbelsäule tief injiziert, um gegen das Altern zu wirken.
 
Im Handel waren verschiedene Präparate wie Organ-Seren der Firma Wiedemann, die durch Immunisierung von Kaninchen mit menschlichem Gewebsantigen von Organen junger Unfallopfer gewonnen wurden. Die Seren wurden entlang der Wirbelsäule tief injiziert, um gegen das Altern zu wirken.
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Das Produkt AF 2 aus dem Extrakt von Milz und Leber von Schafembryonen wurde als 'immunmodulierende und immunrestorative Biomoleküle' zur Krebsbehandlung angepriesen.
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Das Produkt AF 2 aus dem Extrakt von Milz und Leber von Schafembryonen wurde als "immunmodulierende und immunrestorative Biomoleküle" zur Krebsbehandlung angepriesen.
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Chondroprotektiva, die aus tierischen Brustrippenknorpeln und rotem Knochenmark sowie aus Rinderlunge und Trachealknorpeln hergestellt wurden, kamen unter der Bezeichnung Arumalon und Arteparon in den Verkehr.
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Chondroprotektiva, die aus tierischen Brustrippenknorpeln und rotem Knochenmark sowie aus Rinderlunge und Trachealknorpeln hergestellt wurden, kamen unter der Bezeichnung ''Arumalon'' und ''Arteparon'' in den Verkehr.
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Das Bundesgesundheitsamt hob 1989 die Zulassung des aus Gangliosidgemischen von Rinderhirnen erzeugten und 1985 in den Verkehr gebrachten Cronassial auf, das zur 'unterstützenden Behandlung nach Bandscheibenoperationen' beworben wurde, da massive Nebenwirkungen beobachtet wurden. Bei 20 von 14.000 bis dato behandelten Personen war ein Guillan-Barré-Syndrom aufgetreten.
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Das Bundesgesundheitsamt hob 1989 die Zulassung des aus Gangliosidgemischen von Rinderhirnen erzeugten und 1985 in den Verkehr gebrachten Cronassial auf, das zur "unterstützenden Behandlung nach Bandscheibenoperationen" beworben wurde, da massive Nebenwirkungen beobachtet wurden. Bei 20 von 14.000 bis dato behandelten Personen war ein Guillan-Barré-Syndrom aufgetreten.
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Bei den biomolekularen Therapien der Firma vitOrgan handelte es sich um Präparate aus verschiedenen Organen von Rindern und Schweinen. Die Neygeront-Vitalkapseln sollten 'gezielt auf die Zellatmung und den Zellstoffwechsel der besonders beanspruchten Organe und Gewebe' einwirken. Für das Produkt NeyTumorin fehlten jegliche Wirksamkeitsnachweise, es gelangte aber trotzdem in den Arzneimittelverkehr.<ref>Oepen I: Organo-Biotherapie: Zelltherapie in neuem Gewand. Fortschr Med, 112, 255-256, 1994</ref>
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Bei den biomolekularen Therapien der Firma vitOrgan handelte es sich um Präparate aus verschiedenen Organen von Rindern und Schweinen. Die Neygeront-Vitalkapseln sollten "gezielt auf die Zellatmung und den Zellstoffwechsel der besonders beanspruchten Organe und Gewebe" einwirken. Für das Produkt NeyTumorin fehlten jegliche Wirksamkeitsnachweise, es gelangte aber trotzdem in den Arzneimittelverkehr.<ref>Oepen I: Organo-Biotherapie: Zelltherapie in neuem Gewand. Fortschr Med, 112, 255-256, 1994</ref>
    
Eine weitere Gruppe, die so genannten Organotherapeutika, stellten die [[Thymustherapie|Thymus-Peptid]]-Präparate dar. Sie wurden in der Onkologie und Rheumatologie eingesetzt.
 
Eine weitere Gruppe, die so genannten Organotherapeutika, stellten die [[Thymustherapie|Thymus-Peptid]]-Präparate dar. Sie wurden in der Onkologie und Rheumatologie eingesetzt.
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Kälberblut-Injektionen, die vom bekannten Münchner Sportarzt und Orthopäden Dr. H.W. Müller-Wohlfahrt als Fitmacher bei Skisportlern eingesetzt wurden, zeigten die enge Verknüpfung von Szene-Ärzten und der Quacksalberszene Anfang der 1990er Jahre.
 
Kälberblut-Injektionen, die vom bekannten Münchner Sportarzt und Orthopäden Dr. H.W. Müller-Wohlfahrt als Fitmacher bei Skisportlern eingesetzt wurden, zeigten die enge Verknüpfung von Szene-Ärzten und der Quacksalberszene Anfang der 1990er Jahre.
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Die Original Organ-Gewebe-Ultrafiltrate der Firma Cytobiopharm GmbH wurden als 'Lebensmittel aus juvenilen Organen und Geweben vom Lamm und vom Kalb' in den Verkehr gebracht. Dieser juristische Trick erlaubte es der Firma, das Arzneimittelgesetz zu umgehen, denn diese Produkte können als Nahrungsergänzung analog wie Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden. Dass dabei das Heilmittelwerberecht tangiert ist, das eine Bewerbung von Lebensmitteln mit medizinischen Attributen untersagt, ist dabei zunächst nebensächlich.
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Die Original Organ-Gewebe-Ultrafiltrate der Firma Cytobiopharm GmbH wurden als "Lebensmittel aus juvenilen Organen und Geweben vom Lamm und vom Kalb" in den Verkehr gebracht. Dieser juristische Trick erlaubte es der Firma, das Arzneimittelgesetz zu umgehen, denn diese Produkte können als [[Nahrungsergänzungsmittel|Nahrungsergänzung]] analog wie Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden. Dass dabei das Heilmittelwerberecht tangiert ist, das eine Bewerbung von Lebensmitteln mit medizinischen Attributen untersagt, ist dabei zunächst nebensächlich.
    
Die Augsburger Firma Med-Vita stellt Hirn- und Leberextrakte als Lebensmittel (Trinkampullen) her und bringt auf diesem Weg Frischzellenprodukte in den freien Handel. Sie liefert diese direkt an Ärzte aus, die sie u.a. bei Kindern anwenden.
 
Die Augsburger Firma Med-Vita stellt Hirn- und Leberextrakte als Lebensmittel (Trinkampullen) her und bringt auf diesem Weg Frischzellenprodukte in den freien Handel. Sie liefert diese direkt an Ärzte aus, die sie u.a. bei Kindern anwenden.
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==Wirksamkeit==
 
==Wirksamkeit==
 
Es existieren keine wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweise für die Frischzellentherapie.
 
Es existieren keine wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweise für die Frischzellentherapie.
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==Nebenwirkungen==
 
==Nebenwirkungen==
Frischzellenprodukte sind nicht harmlos. Vor allem jene, die in Form von intramuskulären Injektionen verabreicht werden, bergen viele Gefahren. Es werden auf diese Weise nichtmenschliche Fremdzellen in den Organismus verbracht, der auf diese Antigene auf unterschiedliche Weise reagieren kann. Besonders gefürchtet sind allergische Reaktionen vom Soforttyp, wie der lebensbedrohliche anaphylaktische Schock, es treten aber auch verzögert auftretende, allergische Reaktionen auf.
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Frischzellenprodukte sind nicht harmlos. Vor allem jene, die in Form von intramuskulären Injektionen verabreicht werden, bergen viele Gefahren. Es werden auf diese Weise nichtmenschliche Fremdzellen in den Organismus verbracht, der auf diese Antigene auf unterschiedliche Weise reagieren kann. Besonders gefürchtet sind allergische Reaktionen vom Soforttyp, wie der lebensbedrohliche anaphylaktische Schock, es treten aber auch verzögert auftretende allergische Reaktionen auf.
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Es kommt immer wieder zum Guillan-Barré-Syndrom, eine Erkrankung, die in Form einer Polyradikuloneuritis die Nerven der Rückenmarkswurzeln beschädigt und mit aufsteigendem Verlauf bis hin zur vollständigen motorischen Lähmung mit bestehenden, ziehenden Schmerzen führen kann.
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Es kommt immer wieder zum Guillan-Barré-Syndrom, eine Erkrankung, die in Form einer Polyradikuloneuritis die Nerven der Rückenmarkswurzeln schädigt und mit aufsteigendem Verlauf bis hin zur vollständigen Lähmung mit Schmerzen führen kann.
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Eine weitere Gefahr der Frischzellentherapie mit fetalen Zellen besteht darin, dass Krankheitserreger, vor allem Viren oder Prionen (z.B. BSE) vom Tier auf den Menschen übertragen werden können.
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Eine weitere Gefahr der Frischzellentherapie mit fetalen Zellen besteht darin, dass Krankheitserreger, vor allem Viren oder Prionen (z.B. BSE) vom Tier auf den Menschen übertragen werden können. 2014 waren mehrere Fälle von durch Frischzellenpräparaten übertragenes Q-Fieber bekannt geworden.<ref>K. Cussler, M.B. Funk, D. Schilling-Leiss: ''Verdacht auf Übertragung von Q-Fieber durch Frischzellentherapie.'' Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 4, Dezember 2014, S. 13f. [http://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/vigilanz/bulletin-zur-arzneimittelsicherheit/2014/4-2014.pdf?__blob=publicationFile&v=7#13 PDF; 3MB]</ref>
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Todesfälle nach Zelltherapie wurden schon vielfach beschrieben.<ref>H.H. Goebel et al: [http://link.springer.com/article/10.1007/BF00314028#page-1 Fresh cell therapy followed by fatal coma.] J Neurol. (1986)233:242-247</ref>
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Todesfälle nach Zelltherapie wurden schon vielfach beschrieben. Die ersten Fallbeschreibungen wurden in den 1950er Jahren publiziert.
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Die ersten Fallbeschreibungen wurden in den 1950er Jahren publiziert.
    
Rietschel (1955) berichtete als erster über die Ergebnisse einer Umfrage unter 179 Klinikleitern hinsichtlich der Nebenwirkungen der Zellulartherapie.<ref>Rietschel HG: Zwischenfälle bei der Zellulartherapie. Med Klin, Nr.43, 1823-1826, 1955</ref> Es antworteten 139 Ärzte, wobei 35 Klinikleiter Nebenwirkungen der Methode beobachtet hatten. Dabei hatten diese Ärzte einen Überblick über insgesamt 80 Behandlungszwischenfälle, von denen 30 tödlich ausgegangen waren, darunter bei 24 mit Frischzellen und 6 mit Trockenzellen behandelte Patienten. Am häufigsten kam es zu Glutealabzessen, die sich bis zur Sepsis ausweiteten. Es folgten Herzinfarkte als zweithäufigste Komplikation, massive allergische Schockreaktionen, Magenblutungen und Leberzirrhose. Aufgrund dieser Erfahrungen lehnte Rietschel (1955) die Frischzelltherapie strikt ab.
 
Rietschel (1955) berichtete als erster über die Ergebnisse einer Umfrage unter 179 Klinikleitern hinsichtlich der Nebenwirkungen der Zellulartherapie.<ref>Rietschel HG: Zwischenfälle bei der Zellulartherapie. Med Klin, Nr.43, 1823-1826, 1955</ref> Es antworteten 139 Ärzte, wobei 35 Klinikleiter Nebenwirkungen der Methode beobachtet hatten. Dabei hatten diese Ärzte einen Überblick über insgesamt 80 Behandlungszwischenfälle, von denen 30 tödlich ausgegangen waren, darunter bei 24 mit Frischzellen und 6 mit Trockenzellen behandelte Patienten. Am häufigsten kam es zu Glutealabzessen, die sich bis zur Sepsis ausweiteten. Es folgten Herzinfarkte als zweithäufigste Komplikation, massive allergische Schockreaktionen, Magenblutungen und Leberzirrhose. Aufgrund dieser Erfahrungen lehnte Rietschel (1955) die Frischzelltherapie strikt ab.
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Jellinger und Seitelberger (1958) beschrieben das Schicksal eines 51jährigen Mannes, der sich über 1,5 Jahre hinweg von einem Neurologen insgesamt sieben Injektionen lypophilisierter Hirntrockenzellen hatte spritzen lassen.<ref>Jellinger K, Seitelberger F: Akute tödliche Entmarkungs-Encephalitis nach wiederholten Hirntrockenzellen-Injektionen. Klin Wschr, 36, 437-441, 1958</ref> 22 Tage nach der letzten Injektion wurde er wegen Halbseitenschwäche und Lähmungserscheinungen in die Universitätsklinik Wien aufgenommen, wo er nach einem fulminant zunehmenden Krankheitsverlauf innerhalb von 10 Wochen nach der letzten Frischzelleninjektion starb.
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Jellinger und Seitelberger (1958) beschrieben das Schicksal eines 51jährigen Mannes, der sich über 1,5 Jahre hinweg von einem Neurologen insgesamt sieben Injektionen lyophilisierter Hirntrockenzellen hatte spritzen lassen.<ref>Jellinger K, Seitelberger F: Akute tödliche Entmarkungs-Encephalitis nach wiederholten Hirntrockenzellen-Injektionen. Klin Wschr, 36, 437-441, 1958</ref> 22 Tage nach der letzten Injektion wurde er wegen Halbseitenschwäche und Lähmungserscheinungen in die Universitätsklinik Wien aufgenommen, wo er nach einem fulminant zunehmenden Krankheitsverlauf innerhalb von 10 Wochen nach der letzten Frischzelleninjektion verstarb.
    
Schopper und Kössling vom Pathologisch-Bakteriologischen Institut der Städtischen Krankenanstalten in Darmstadt beschrieben den Fall eines 45jährigen männlichen Allergikers, der 12 Stunden nach Injektion eines Trockenzellpräparates Schüttelfrost, Fieber und Durchfälle entwickelte. Bereits bei der nachfolgenden Klinikaufnahme war er bewusstlos und verstarb 33 Stunden nach der Injektion an den Folgen eines Herz-Kreislaufversagens.<ref>Schopper W, Kössling FK: Anaphylaktischer Schock und hyperergische Allergie nach Penicillin-, Omnacillin- und Trockenzellinjektion. Nr.44, 2308-2314</ref>
 
Schopper und Kössling vom Pathologisch-Bakteriologischen Institut der Städtischen Krankenanstalten in Darmstadt beschrieben den Fall eines 45jährigen männlichen Allergikers, der 12 Stunden nach Injektion eines Trockenzellpräparates Schüttelfrost, Fieber und Durchfälle entwickelte. Bereits bei der nachfolgenden Klinikaufnahme war er bewusstlos und verstarb 33 Stunden nach der Injektion an den Folgen eines Herz-Kreislaufversagens.<ref>Schopper W, Kössling FK: Anaphylaktischer Schock und hyperergische Allergie nach Penicillin-, Omnacillin- und Trockenzellinjektion. Nr.44, 2308-2314</ref>
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Auch aus Frankreich kamen vereinzelt Fallbeschreibungen über Nebenwirkungen unter der Zelltherapie nach Niehans. So berichteten Marteau et al. (1982) vom Hopital de la Salpetriere (Paris) von einem 65jährigen Patienten, der nach Frischzellentherapie eine Gelenkentzündung entwickelte.<ref>Marteau R, Serdaru M, Mallecourt J, Giroux C: Polyradiculonevrite apres injections de cellules fraiches. La Nouvelle Presse Medicale, 11, 865-866, 1982</ref>
 
Auch aus Frankreich kamen vereinzelt Fallbeschreibungen über Nebenwirkungen unter der Zelltherapie nach Niehans. So berichteten Marteau et al. (1982) vom Hopital de la Salpetriere (Paris) von einem 65jährigen Patienten, der nach Frischzellentherapie eine Gelenkentzündung entwickelte.<ref>Marteau R, Serdaru M, Mallecourt J, Giroux C: Polyradiculonevrite apres injections de cellules fraiches. La Nouvelle Presse Medicale, 11, 865-866, 1982</ref>
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Seyfert et al. (1985) beschrieben den Fall einer 45jährigen Frau, die einen Tag nach einer tiefen, subkutanen Injektion mit Niehans-Sicca-Suspensionen (gefriergetrocknete, konservierte Organzellen von Schafsfeten) anlässlich von Rückenschmerzen eine über 10 Tage anhaltende ausgeprägte lokale Gewebsentzündung mit Schüttelfrost und drei Wochen später Nervenausfallserscheinungen in den Beinen bis zum Rippenbogen mit Blasen- und Mastdarminkontinenz, Gleichgewichtsstörungen und Sehminderung bis Erblindung auf einem Auge entwickelte. Noch 20 Monate nach dieser Frischzellenkur wies die Patientin schwere Visus- und Gesichtsfeldeinschränkungen auf und hatte weiterhin Gehschwierigkeiten.
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Seyfert et al. (1985) beschrieben den Fall einer 45jährigen Frau, die einen Tag nach einer tiefen Injektion mit Niehans-Sicca-Suspensionen (gefriergetrocknete, konservierte Organzellen von Schafsfeten) anlässlich von Rückenschmerzen eine über 10 Tage anhaltende ausgeprägte lokale Gewebsentzündung mit Schüttelfrost und drei Wochen später Nervenausfallserscheinungen in den Beinen bis zum Rippenbogen mit Blasen- und Mastdarminkontinenz, Gleichgewichtsstörungen und Sehminderung bis Erblindung auf einem Auge entwickelte. Noch 20 Monate nach dieser Frischzellenkur wies die Patientin schwere Visus- und Gesichtsfeldeinschränkungen auf und hatte weiterhin Gehschwierigkeiten.
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De Ridder et al. (1987) berichteten über zwei Patientinnen, die 30 bzw. 14 Tage nach einer Frischzellentherapie mit schockgefrorenen Zellen an den Folgen einer Immunkomplexvaskulitis bzw. einer perivenösen Leukoenzephalopathie verstarben.<ref>De Ridder M, Dienemann D, Dißmann W, Goebel HH, Merkel KH, Meuth M, Stein H: Zwei Todesfälle nach Zelltherapie. Dtsch Med Wschr, 112, 1006-1009, 1987</ref> Einige Jahre später beschrieben Bohl et al. (1989 und 1994) fünf Todesfälle, die nach Sicca-, Frischzell- bzw. Organlysattherapie aufgetreten waren. Die Patienten verstarben an Leukoenzephalopathie, Sepsis, Landry-Paralyse, Kammerflimmern und toxisch-allergischem Schock im Verlauf von 2-45 Tagen nach Therapie.<ref>Bohl JRE, Goebel HH, Pötsch L, Esinger W, Walther G, Mattern R, Merkel KH: Komplikationen nach Zelltherapie. Z Rechtsmed, 103, 1-20, 1989</ref><ref>Bohl JRE, Goebel HH, Pötsch L, Walther G, Mattern R: Zelltherapie und ihre Gefahren. Fortschr Med, 112, 261-265, 1994</ref>
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De Ridder et al. (1987) berichteten über zwei Patientinnen, die 30 bzw. 14 Tage nach einer Frischzellentherapie mit schockgefrorenen Zellen an den Folgen einer Immunkomplexvaskulitis bzw. einer perivenösen Leukoenzephalopathie verstarben.<ref>De Ridder M, Dienemann D, Dißmann W, Goebel HH, Merkel KH, Meuth M, Stein H: Zwei Todesfälle nach Zelltherapie. Dtsch Med Wschr, 112, 1006-1009, 1987</ref> Einige Jahre später beschrieben Bohl et al. (1989 und 1994) fünf Todesfälle, die nach Sicca-, Frischzell- bzw. Organlysat-Therapie aufgetreten waren. Die Patienten verstarben an Leukoenzephalopathie, Sepsis, Landry-Paralyse, Kammerflimmern und toxisch-allergischem Schock im Verlauf von 2-45 Tagen nach Therapie.<ref>Bohl JRE, Goebel HH, Pötsch L, Esinger W, Walther G, Mattern R, Merkel KH: Komplikationen nach Zelltherapie. Z Rechtsmed, 103, 1-20, 1989</ref><ref>Bohl JRE, Goebel HH, Pötsch L, Walther G, Mattern R: Zelltherapie und ihre Gefahren. Fortschr Med, 112, 261-265, 1994</ref>
    
Die Behauptung der Frischzellen-Anhänger wie auch von Dr. Niehans selbst, dass seine Methode absolut ungefährlich und gut verträglich sei, kann deshalb in den Bereich der Propaganda verwiesen werden. Die Frischzellentherapie ist eine gefährliche Rosskur, die bis heute keinem Wirksamkeitsnachweis besitzt, die den Patienten zum Teil tödlich verlaufenden Nebenwirkungen aussetzen kann.
 
Die Behauptung der Frischzellen-Anhänger wie auch von Dr. Niehans selbst, dass seine Methode absolut ungefährlich und gut verträglich sei, kann deshalb in den Bereich der Propaganda verwiesen werden. Die Frischzellentherapie ist eine gefährliche Rosskur, die bis heute keinem Wirksamkeitsnachweis besitzt, die den Patienten zum Teil tödlich verlaufenden Nebenwirkungen aussetzen kann.
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*[[ACE]]
 
*[[ACE]]
 
*[[Serumtherapie nach Bogomoletz]]
 
*[[Serumtherapie nach Bogomoletz]]
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==Literatur==
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*Misha P. Robyn et al.: [http://www.cdc.gov/mmwr/preview/mmwrhtml/mm6438a3.htm?s_cid=mm6438a3_x Q Fever Outbreak Among Travelers to Germany Who Received Live Cell Therapy — United States and Canada, 2014] Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR) 64(38);1071-1073, 2. Oktober 2015
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*Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz: [http://www.gesetze-im-internet.de/frischzv/BJNR043200997.html Verordnung über das Verbot der Verwendung bestimmter Stoffe zur Herstellung von Arzneimitteln (Frischzellen-Verordnung)] BGBl. I S. 432 vom 4. März 1997
    
==Weblinks==
 
==Weblinks==
*http://www.bag.admin.ch/themen/medizin/00709/04670/15308/index.html?lang=de
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*Christina Berndt: [http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/dubiose-therapie-in-deutschland-mekka-der-frischzellenkur-1.2710691 Dubiose Therapie in Deutschland: Mekka der Frischzellenkur] SZ, 27. Oktober 2015
*http://www.tagesschau.de/inland/frischzellen-101.html
+
*Christian Baars: [http://www.tagesschau.de/inland/frischzellen-101.html Mittel aus tierorganen: Gefährliche Frischzellen-Kuren boomen] tagesschau.de, 27.Oktober 2015
*http://www.swr.de/buffet/teledoktor/behandlung/-/id=257054/nid=257054/did=286086/14e8m1c/index.html
+
*Christian Baars: [http://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Hamburg-Hauptstadt-der-Organ-Therapeuten,frischzellen100.html Hamburg - Hauptstadt der Organ-Therapeuten] Norddeutscher Rundfunk NDR, 27.Oktober 2015
*http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,64656,00.html
+
*[http://www.arznei-telegramm.de/html/sonder/1510100_02.html Warnung vor Q-Fieber durch Frischzellen] arznei-telegramm 2015; 46: 100
*http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=8650058&top=SPIEGEL
+
*Schweizerisches Bundesamt für Gesundheit (BAG): [http://www.bag.admin.ch/themen/medizin/00709/04670/15308/index.html?lang=de Frischzellen-Therapie] aktualisiert am 26. März 2015
*http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=13524527&top=SPIEGEL
+
*[http://gutepillen-schlechtepillen.de/kurz-und-knapp-q-fieber-durch-frischzellen/ Q-Fieber durch Frischzellen] Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2015/02 S.15a, Ausgabe Nr. 2 März/April 2015
*http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=24113
+
*Günter Hopf: [https://www.aekno.de/downloads/archiv/2001.04.019.pdf Warnung vor Anwendung tierischer Ausgangsmaterialien in Praxis und Klinik.] Rheinisches Ärzteblatt 4/2001 S.19
*http://www.aerzteblatt.de/V4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=21276
+
*ARD-Buffet: [http://web.archive.org/web/20070929092717/http://www.swr.de/buffet/teledoktor/behandlung/-/id=257054/nid=257054/did=286086/14e8m1c/index.html Frischzellen-Therapie] ARD, 9. August 2000 (via Web-Archive)
*http://www.aerzteblatt.de/V4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=24787
+
*Harald Clade: [http://www.aerzteblatt.de/archiv/21276 Frischzellentherapie: Länder jetzt gefordert] Dtsch Arztebl 2000; 97(8), 25. Februar 2000
*http://www.aerzteblatt.de/V4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=25100
+
*Günter Hopf: [http://www.aerzteblatt.de/archiv/24113 Frischzellentherapie: Abgeschoben] Dtsch Arztebl 2000; 97(36), 8. September 2000
*http://www.aerzteblatt.de/V4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=5016
+
*Hans Hermann Marx: [http://www.aerzteblatt.de/archiv/25100 Frischzellentherapie: Jede Art von Zelltherapie ist abzulehnen.] Dtsch Arztebl 2000; 97(46), 17. November 2000
*http://www.aerzteblatt.de/V4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=25099
+
*Peter Stiefelhagen: [http://www.welt.de/print-welt/article640909/Injektion-von-Frischzellen-kann-zum-Tode-fuehren.html Injektion von Frischzellen kann zum Tode fuehren] Die Welt, 5. September 1997
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*[http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8650058.html Bis zur letzten Patrone] Der Spiegel, 20. Januar 1997
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*[http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13524527.html Frischzellen: Meist eine Freude erleben] Der Spiegel, 10. August 1987
    
==Quellennachweise==
 
==Quellennachweise==
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