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Als Nahrungsergänzungs- bzw. Lebensmittel werden seit vielen Jahren mehr oder weniger hoch dosierte Vitamincocktails als Monosubstanzen oder Kombinationsgemische angepriesen. Ihren Ursprung haben die 'Lifestyle-Vitamine' in den USA, jedoch sollte man nicht übersehen, dass vielen Lebensmitteln bereits Vitamine zugesetzt werden. Man findet sie in Cornflakes, Hamburgern oder Limonaden. Der Umsatz in diesem Sektor ist erheblich. Schon im Jahre 1994 betrug der Anteil von E- und B-Kombinations-Vitamin-Präparaten etwa 70 Mio. Euro (Daten des Gesundheitswesens, Nomos Verlag, Baden-Baden, 1995, S.187). Im Medizinsektor allein wird gar nicht so viel Geld mit Vitaminen verdient; der Umsatz läuft in anderen Sektoren. Der BASF-Konzern in Ludwigshafen, der erst kürzlich sein Vitamingeschäft mit dem japanischen Pharmariesen Takeda zusammenlegte, setzte im Sektor Pharma, Nahrungsmittel und Tiernahrung durch den Zusatz von Vitaminen jährlich 500 Mio. Euro um. Takeda steuerte weitere 240 Mio. Euro bei. Der gemeinsame Umsatz entspricht etwa 30% des Weltmarkts für Vitamine, so dass man derzeit von einem weltweiten Umsatz von etwa 2,5 Mrd. Euro jährlich sprechen kann.
 
Als Nahrungsergänzungs- bzw. Lebensmittel werden seit vielen Jahren mehr oder weniger hoch dosierte Vitamincocktails als Monosubstanzen oder Kombinationsgemische angepriesen. Ihren Ursprung haben die 'Lifestyle-Vitamine' in den USA, jedoch sollte man nicht übersehen, dass vielen Lebensmitteln bereits Vitamine zugesetzt werden. Man findet sie in Cornflakes, Hamburgern oder Limonaden. Der Umsatz in diesem Sektor ist erheblich. Schon im Jahre 1994 betrug der Anteil von E- und B-Kombinations-Vitamin-Präparaten etwa 70 Mio. Euro (Daten des Gesundheitswesens, Nomos Verlag, Baden-Baden, 1995, S.187). Im Medizinsektor allein wird gar nicht so viel Geld mit Vitaminen verdient; der Umsatz läuft in anderen Sektoren. Der BASF-Konzern in Ludwigshafen, der erst kürzlich sein Vitamingeschäft mit dem japanischen Pharmariesen Takeda zusammenlegte, setzte im Sektor Pharma, Nahrungsmittel und Tiernahrung durch den Zusatz von Vitaminen jährlich 500 Mio. Euro um. Takeda steuerte weitere 240 Mio. Euro bei. Der gemeinsame Umsatz entspricht etwa 30% des Weltmarkts für Vitamine, so dass man derzeit von einem weltweiten Umsatz von etwa 2,5 Mrd. Euro jährlich sprechen kann.
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In den USA sind Vitaminpillen weit verbreitet. Sie haben dort den Stellenwert, den in Deutschland die Homöopathie einnimmt. Einer Publikation des US Center for Disease Control (1999) ist zu entnehmen, dass erwachsene US-Amerikaner, die ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut einschätzten, häufiger Vitamine einnehmen (45%) als jene Erwachsenen, die ihren Gesundheitszustand selbst eher als mäßig bis schlecht einstufen (39%). Männer nehmen mit 70% häufiger Vitamine als Frauen (65%), wohingegen Frauen häufiger (35%) mehr als ein Vitamin gleichzeitig einnehmen als Männer (30%). Der Anteil von Vitaminkonsumenten ist im Kindesalter mit 90% viel höher als bei Jugendlichen (76%), jungen Erwachsenen (67%) oder älteren Erwachsenen (56%).
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In den USA sind Vitaminpillen weit verbreitet. Sie haben dort einen Stellenwert, der in Deutschland mit dem der Homöopathie vergleichbar ist. Einer Publikation des US Center for Disease Control (1999) ist zu entnehmen, dass erwachsene US-Amerikaner, die ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut einschätzten, häufiger Vitamine einnehmen (45%) als jene Erwachsenen, die ihren Gesundheitszustand selbst eher als mäßig bis schlecht einstufen (39%). Männer nehmen mit 70% häufiger Vitamine als Frauen (65%), wohingegen Frauen häufiger (35%) mehr als ein Vitamin gleichzeitig einnehmen als Männer (30%). Der Anteil von Vitaminkonsumenten ist im Kindesalter mit 90% viel höher als bei Jugendlichen (76%), jungen Erwachsenen (67%) oder älteren Erwachsenen (56%).
    
==Linus Pauling==
 
==Linus Pauling==
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==Matthias Rath==
 
==Matthias Rath==
Der deutsche Arzt [[Matthias Rath]] versteht sich als Erbe der Lehren von Linus Pauling. Nach internen Auseinandersetzungen mit den Pauling'schen Erben, die Raths Führungsanspruch nicht anerkennen wollten, zog sich Rath nach Europa zurück, um ein eigenes Therapiesystem - die sog. [[Zellularmedizin]] - zu propagieren. Nach seiner Ansicht heilen Vitamine nicht nur Erkältungen und Krebs, sondern wirken auch gegen Arteriosklerose und den sich daraus entwickelnden Herzinfarkt.
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Der deutsche Arzt [[Matthias Rath]] versteht sich als Erbe der Lehren von Linus Pauling. Nach internen Auseinandersetzungen mit den Pauling'schen Erben, die Raths Führungsanspruch nicht anerkennen wollten, zog sich Rath nach Europa zurück, um ein eigenes Therapiesystem - die sogenannte [[Zellularmedizin]] - zu propagieren. Nach seiner Ansicht heilen Vitamine nicht nur Erkältungen und Krebs, sondern wirken auch gegen Arteriosklerose und den sich daraus entwickelnden Herzinfarkt.
    
Rath sicherte dies, wie in der [[MLM|Multi-Level-Marketing-Szene]] üblich, mit Laienpublikationen ab. Mit dem Buch 'Warum kennen Tiere keinen Herzinfarkt - aber wir Menschen' (und einer massiven Marketingkampagne durch Anzeigenschaltungen und im Internet) etablierte er seine Lehren von den Niederlanden aus. Da dort hochdosierte Vitamincocktails noch als Lebensmittel gelten, kann Rath auf legalem Wege die Einstufung als Arzneimittel, die für seine Präparate in Deutschland erforderlich wäre, unterlaufen.
 
Rath sicherte dies, wie in der [[MLM|Multi-Level-Marketing-Szene]] üblich, mit Laienpublikationen ab. Mit dem Buch 'Warum kennen Tiere keinen Herzinfarkt - aber wir Menschen' (und einer massiven Marketingkampagne durch Anzeigenschaltungen und im Internet) etablierte er seine Lehren von den Niederlanden aus. Da dort hochdosierte Vitamincocktails noch als Lebensmittel gelten, kann Rath auf legalem Wege die Einstufung als Arzneimittel, die für seine Präparate in Deutschland erforderlich wäre, unterlaufen.
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Raths Buch ist auch sachlich zu kritisieren, da er den Lesern z.B. mitteilt, dass z.B. der amerikanische Grizzly-Bär nicht an Herzinfarkt sterbe, weil er u.a. viele Vitamine zu sich nehme. Dies entspricht nicht den Fakten, da mit Ausnahme des Hausschweins und des Menschen alle anderen Säugetiere einen wesentlichen anatomischen Vorteil haben - ihre das Herzgewebe versorgenden Arterien haben untereinander Verbindungen (sog. Kollateralen). Der Mensch hingegen hat diese nicht, sondern so genannte Endarterien. Verstopft ein Blutgerinnsel bei einem Grizzly ein Herzkranzgefäß, wird das versorgte Gebiet einfach durch eine Querverbindung einer anderen Arterie versorgt. Beim Menschen führt der Gefäßverschluss jedoch zum Absterben des Versorgungsgebietes, was im schlimmsten Fall zum Herzversagen führen kann. Die Veröffentlichung von Rath weist noch weitere Fehlinformationen auf.
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Raths Buch ist auch sachlich zu kritisieren, da er den Lesern u.a. mitteilt, dass z.B. der amerikanische Grizzly-Bär nicht an Herzinfarkt sterbe, weil er u.a. viele Vitamine zu sich nehme. Dies entspricht nicht den Fakten, da mit Ausnahme des Hausschweins und des Menschen alle anderen Säugetiere einen wesentlichen anatomischen Vorteil haben - ihre das Herzgewebe versorgenden Arterien haben untereinander Verbindungen (sogenannte Kollateralen). Der Mensch hingegen hat diese nicht, sondern sogenannte Endarterien. Verstopft ein Blutgerinnsel bei einem Grizzly ein Herzkranzgefäß, wird das versorgte Gebiet einfach durch eine Querverbindung einer anderen Arterie versorgt. Beim Menschen führt der Gefäßverschluss jedoch zum Absterben des Versorgungsgebietes, was im schlimmsten Fall zum Herzversagen führen kann. Die Veröffentlichung von Rath weist noch weitere Fehlinformationen auf.
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So propagierte Rath eine Kampagne mit dem Slogan "Tod dem Herztod". Vermutlich war ihm entgangen, dass die standardisierte Sterbeziffer für akute Myokardinfarkte in Deutschland von 114,3 pro 100.000 Einwohner im Jahre 1967 auf 102 pro 100.000 im Jahr 1993 gesunken war. Dies gilt auch für die Sterblichkeit an Arteriosklerose (von 50,6 auf 20,3), für Krankheiten der Arterien, Arteriolen und Kapillaren (von 58,9 auf 31,8) und sogar für die Sterblichkeit an Hypertonie bzw. Bluthochdruckkrankheiten (von 35,6 auf 14,6). Da Europäer nach Meinung Raths viel zu wenig Vitamine konsumierten, hätten diese dem statistischen Jahrbuch entnommenen Zahlen ganz anders ausfallen müssen. Schon diese Zahlen deuten an, dass die Behauptung, Vitamine beugten Herzerkrankungen vor, auf wackeligen Beinen steht.
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So propagierte Rath eine Kampagne mit dem Slogan "Tod dem Herztod". Vermutlich war ihm entgangen, dass die standardisierte Sterbeziffer für akute Myokardinfarkte in Deutschland von 114,3 pro 100.000 Einwohner im Jahre 1967 auf 102 pro 100.000 im Jahr 1993 gesunken war. Dies gilt auch für die Sterblichkeit an Arteriosklerose (von 50,6 auf 20,3), für Krankheiten der Arterien, Arteriolen und Kapillaren (von 58,9 auf 31,8) und sogar für die Sterblichkeit an Hypertonie bzw. Bluthochdruckkrankheiten (von 35,6 auf 14,6). Da Europäer nach Meinung Raths viel zu wenig Vitamine konsumierten, hätten diese dem statistischen Jahrbuch entnommenen Zahlen ganz anders ausfallen müssen. Schon diese Zahlen deuten an, dass die Behauptung, Vitamine beugten Herzerkrankungen vor, nicht mit Fakten zu belegen ist.
    
==Vitamine schützen nicht vor Arteriosklerose oder Herzinfarkt==
 
==Vitamine schützen nicht vor Arteriosklerose oder Herzinfarkt==
Obgleich Rath immer wieder behauptet, seine Vitamincocktails könnten dem Herzinfarkt vorbeugen, kann dies schon im Tierversuch nicht bestätigt werden. Bellows et al. (1995) demonstrierten im placebokontrollierten Versuch an 14 Kaninchen, dass eine 150 mg/kg-Dosis von Vitamin C die Größe des abgestorbenen Herzgewebegebietes nicht verkleinerte. Unter Placebo (NaCl, pH 7,4) betrug die Läsion 21% des durch Gefäßverschluss infarzierten Gebietes. Bei den mit Vitamin C behandelten Kaninchen lag sie sogar bei 29%.
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Obgleich Rath immer wieder behauptet, seine Vitamincocktails könnten dem Herzinfarkt vorbeugen, kann dies schon im Tierversuch nicht bestätigt werden. Bellows et al. (1995) demonstrierten im placebokontrollierten Versuch an 14 Kaninchen, dass eine 150 mg/kg-Dosis von Vitamin C die Größe des abgestorbenen Herzgewebegebietes nicht verkleinerte. Unter Placebo (NaCl, pH 7,4) betrug die Läsion 21% des durch Gefäßverschluss infarzierten Gebietes, bei den mit Vitamin C behandelten Kaninchen lag sie sogar bei 29%.
    
Zwar stellten Singh et al. (1995) bei 505 Myokard-Patienten fest, dass eine fett- und kohlenhydratreduzierte, Vitamin C- und E-, ß-carotin-angereicherte Diät den Plasmaspiegel von Vitamin C eine Woche nach Infarkt ansteigen lässt, jedoch sagt dies nichts über eine etwaige kardioprotektive Wirkung aus. Klinische Studien auf der Basis von 34.486 postmenopausalen Frauen zeigen beispielsweise, dass selbst eine tägliche Vitamin C-Einnahme von 400 mg keinerlei signifikanten Einfluß auf die Sterblichkeit an koronaren Herzkrankheiten hat (Kushi et al. 1996).
 
Zwar stellten Singh et al. (1995) bei 505 Myokard-Patienten fest, dass eine fett- und kohlenhydratreduzierte, Vitamin C- und E-, ß-carotin-angereicherte Diät den Plasmaspiegel von Vitamin C eine Woche nach Infarkt ansteigen lässt, jedoch sagt dies nichts über eine etwaige kardioprotektive Wirkung aus. Klinische Studien auf der Basis von 34.486 postmenopausalen Frauen zeigen beispielsweise, dass selbst eine tägliche Vitamin C-Einnahme von 400 mg keinerlei signifikanten Einfluß auf die Sterblichkeit an koronaren Herzkrankheiten hat (Kushi et al. 1996).
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Hinsichtlich Vitamin E (a-Tocopherol) gibt es diverse Studien, die keinen Vorteil der Vitamin-Ergänzung zeigen konnten. Die Alpha-Tocopherol Beta Carotene Cancer Prevention Study (ATBC) untersuchte männliche Raucher im Alter von 50-69 Jahren und fand 20,2% Infarktereignisse bei einer Vitamin E-Tagesdosis von 50 mg, die sich nicht signifikant von der Ereignisrate unter Placebo (21,5%) unterschied. Die Studiendauer der ATBC-Studie betrug 5,3 Jahre. Die Cambridge Heart Antioxydant Study (CHAOS) hatte 2.002 Patienten mit angiographisch bestätigter koronarer Arteriosklerose zum Untersuchungsgegenstand, die 1,4 Jahre mit 400-800 mg Vitamin E täglich behandelt wurden. In der Studie war die koronare Ereignisrate unter Vitamin E-Gabe mit 4,0% niedriger als unter Placebo (6,6%), dafür war die Gesamtsterblichkeit unter Placebo (2,7%) deutlich niedriger als unter Vitaminsupplementation (3,5%). Die Gruppo Italiano per lo Studio della Sopravvivenza nell‘Infarto miocardico (GISSI) untersuchte 11.334 Patienten, die in den letzten 3 Monaten vor Studienbeginn einen Herzinfarkt erlitten hatten und verfolgte die Patienten 3,5 Jahre lang. Die Patienten erhielten entweder 300 mg Vitamin E oder blieben schlicht unbehandelt. Es kam zu 10,1% kardialen Ereignissen unter Verum und zu 10,3% bei Nichtbehandlung. Der Unterschied war nicht signifikant.  
 
Hinsichtlich Vitamin E (a-Tocopherol) gibt es diverse Studien, die keinen Vorteil der Vitamin-Ergänzung zeigen konnten. Die Alpha-Tocopherol Beta Carotene Cancer Prevention Study (ATBC) untersuchte männliche Raucher im Alter von 50-69 Jahren und fand 20,2% Infarktereignisse bei einer Vitamin E-Tagesdosis von 50 mg, die sich nicht signifikant von der Ereignisrate unter Placebo (21,5%) unterschied. Die Studiendauer der ATBC-Studie betrug 5,3 Jahre. Die Cambridge Heart Antioxydant Study (CHAOS) hatte 2.002 Patienten mit angiographisch bestätigter koronarer Arteriosklerose zum Untersuchungsgegenstand, die 1,4 Jahre mit 400-800 mg Vitamin E täglich behandelt wurden. In der Studie war die koronare Ereignisrate unter Vitamin E-Gabe mit 4,0% niedriger als unter Placebo (6,6%), dafür war die Gesamtsterblichkeit unter Placebo (2,7%) deutlich niedriger als unter Vitaminsupplementation (3,5%). Die Gruppo Italiano per lo Studio della Sopravvivenza nell‘Infarto miocardico (GISSI) untersuchte 11.334 Patienten, die in den letzten 3 Monaten vor Studienbeginn einen Herzinfarkt erlitten hatten und verfolgte die Patienten 3,5 Jahre lang. Die Patienten erhielten entweder 300 mg Vitamin E oder blieben schlicht unbehandelt. Es kam zu 10,1% kardialen Ereignissen unter Verum und zu 10,3% bei Nichtbehandlung. Der Unterschied war nicht signifikant.  
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Auch die Heart Outcome Prevention Evaluation Study (HOPE) zeigte auf der Basis von 9.541 kardialen Hochrisikopatienten nach Gabe von 400 mg Vitamin E täglich über 4,5 Jahre keine signifikant unterschiedliche koronare Ereignisrate unter Verum (16,2%) im Vergleich zu mit Placebo (15,5%) behandelten Patienten (Meyer 2000). Die CARET-Studie brachte sogar noch ernüchternde Resultate hinsichtlich der Vitamin A-Gabe. Omenn et al. (1996) hatten insgesamt 18.314 Rauchern, Ex-Rauchern und Asbestarbeitern für etwa 4 Jahre ß-Carotin (30 mg/d) und Vitamin A (25.000 IU/d) gegeben und zwar im placebokontrollierten Versuch. In der Gruppe der Asbestarbeiter (n=4.060) hatten 2.044 die Vitaminpräparate erhalten. Es zeigte sich, dass das relative Risiko dieser Patienten, an Lungenkrebs zu erkranken, 1,4-fach über (!) dem Risiko der placebobehandelten Astbestarbeiter lag. Bei der Gruppe aus Rauchern und Ex-Rauchern (n=14.254) hatten 7.376 Personen den Vitamincocktail erhalten und auch hier lag die Sterblichkeit an Lungenkrebs 1,23-fach höher im Vergleich zu Placebo. Hinsichtlich der koronaren Mortalität fanden sich weder bei den Asbestarbeitern noch bei den Rauchern/Ex-Rauchern signifikante Unterschiede in der Sterblichkeit. Somit hatte in der CARET-Studie die Gabe von ß-Carotin und Vitamin A nicht nur keinerlei positiven Effekt auf die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Krankheiten gehabt, die Medikation hatte sogar ein leicht erhöhtes Lungenkarzinomrisiko erzeugt. Die gegenwärtige Datenlage rechtfertigt deshalb nicht die Anwendung von Vitaminpräparaten (A, C oder E) nach dem Gießkannenprinzip im Sinne einer vorbeugenden Behandlung vor Eintreten eines Herzinfarktes (primäre Prävention) oder als Dauerbehandlung nach überstandenem Herzinfarkt (sekundäre Prävention) (Meyer 2000).
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Auch die Heart Outcome Prevention Evaluation Study (HOPE) zeigte auf der Basis von 9.541 kardialen Hochrisikopatienten nach Gabe von 400 mg Vitamin E täglich über 4,5 Jahre keine signifikant unterschiedliche koronare Ereignisrate unter Verum (16,2%) im Vergleich zu mit Placebo (15,5%) behandelten Patienten (Meyer 2000). Die CARET-Studie brachte sogar noch ernüchternde Resultate hinsichtlich der Vitamin A-Gabe. Omenn et al. (1996) hatten insgesamt 18.314 Rauchern, Ex-Rauchern und Asbestarbeitern für etwa 4 Jahre ß-Carotin (30 mg/d) und Vitamin A (25.000 IU/d) gegeben und zwar im placebokontrollierten Versuch. In der Gruppe der Asbestarbeiter (n=4.060) hatten 2.044 die Vitaminpräparate erhalten. Es zeigte sich, dass das relative Risiko dieser Patienten, an Lungenkrebs zu erkranken, 1,4-fach über (!) dem Risiko der placebobehandelten Astbestarbeiter lag. Bei der Gruppe aus Rauchern und Ex-Rauchern (n=14.254) hatten 7.376 Personen den Vitamincocktail erhalten und auch hier lag die Sterblichkeit an Lungenkrebs 1,23-fach höher im Vergleich zu Placebo. Hinsichtlich der koronaren Mortalität fanden sich weder bei den Asbestarbeitern noch bei den Rauchern/Ex-Rauchern signifikante Unterschiede in der Sterblichkeit. Somit hatte in der CARET-Studie die Gabe von ß-Carotin und Vitamin A nicht nur keinerlei positiven Effekt auf die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Krankheiten, die Medikation hatte sogar ein leicht erhöhtes Lungenkarzinomrisiko erzeugt. Die gegenwärtige Datenlage rechtfertigt deshalb nicht die Anwendung von Vitaminpräparaten (A, C oder E) nach dem Gießkannenprinzip im Sinne einer vorbeugenden Behandlung vor Eintreten eines Herzinfarktes (primäre Prävention) oder als Dauerbehandlung nach überstandenem Herzinfarkt (sekundäre Prävention) (Meyer 2000).
    
Viele Studien, die von der orthomolekularen Szene als angebliche Beweise für die Wirksamkeit der Vitamingaben vorgelegt werden, repräsentieren gemischte Raucher- und Nichtraucher-Kollektive. Es wird so gut wie nie berichtet, wie hoch die Rauchintensität der Raucher (sog. Pack-Years) war und ob dieses Merkmal in der Verum- und Kontrollgruppe gleich verteilt ist. Rauchen führt aufgrund seiner Giftigkeit zu erhöhtem Zelltod, was wiederum die Menge freier Radikale steigert, die beim Abräumen abgestorbener Zellen durch Enzyme erzeugt werden, die von den weißen Blutkörperchen zu Verdauungszwecken abgegeben werden. Vitamin C ist selbst auch an der Bildung von Radikalen beteiligt und zwar bei niedrigem Blut-pH. Es liegt nahe anzunehmen, dass die bei Rauchern erniedrigten Vitamin C-Spiegel aktiv vom Körper herunterreguliert werden, um beim raucherbedingt erniedrigten Blut-pH einem zusätzlichen antioxidativen Stress (ausgelöst durch zunehmende Mengen freier Radikale) auszuweichen. Insofern kann der verringerte Vitamin C-Spiegel bei Rauchern als Schutzreaktion und durchaus nicht (wie es Rath und Pauling postulierten, aber nie belegten) als 'übermäßige Verbrauchsreaktion' angesehen werden.
 
Viele Studien, die von der orthomolekularen Szene als angebliche Beweise für die Wirksamkeit der Vitamingaben vorgelegt werden, repräsentieren gemischte Raucher- und Nichtraucher-Kollektive. Es wird so gut wie nie berichtet, wie hoch die Rauchintensität der Raucher (sog. Pack-Years) war und ob dieses Merkmal in der Verum- und Kontrollgruppe gleich verteilt ist. Rauchen führt aufgrund seiner Giftigkeit zu erhöhtem Zelltod, was wiederum die Menge freier Radikale steigert, die beim Abräumen abgestorbener Zellen durch Enzyme erzeugt werden, die von den weißen Blutkörperchen zu Verdauungszwecken abgegeben werden. Vitamin C ist selbst auch an der Bildung von Radikalen beteiligt und zwar bei niedrigem Blut-pH. Es liegt nahe anzunehmen, dass die bei Rauchern erniedrigten Vitamin C-Spiegel aktiv vom Körper herunterreguliert werden, um beim raucherbedingt erniedrigten Blut-pH einem zusätzlichen antioxidativen Stress (ausgelöst durch zunehmende Mengen freier Radikale) auszuweichen. Insofern kann der verringerte Vitamin C-Spiegel bei Rauchern als Schutzreaktion und durchaus nicht (wie es Rath und Pauling postulierten, aber nie belegten) als 'übermäßige Verbrauchsreaktion' angesehen werden.
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Die sogenannte ''[[orthomolekulare Psychiatrie]]'' ist ein pseudomedizinisches Außenseiterverfahren, das zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen beworben wird. Wie in der OM wird hier auf die Anwendung von hohen Dosen von Vitaminen gesetzt. Es gibt keinerlei wissenschaftlichen Nachweis der Eignung dieser Methode, die in der wissenschaftlichen Medizin aufgrund der Wirkungslosigkeit keinen Platz hat. Mehrere Fachverbände weltweit haben sich daher nach Durchsicht der Forschungsergebnisse eindeutig gegen die orthomolekulare Psychiatrie ausgesprochen.
 
Die sogenannte ''[[orthomolekulare Psychiatrie]]'' ist ein pseudomedizinisches Außenseiterverfahren, das zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen beworben wird. Wie in der OM wird hier auf die Anwendung von hohen Dosen von Vitaminen gesetzt. Es gibt keinerlei wissenschaftlichen Nachweis der Eignung dieser Methode, die in der wissenschaftlichen Medizin aufgrund der Wirkungslosigkeit keinen Platz hat. Mehrere Fachverbände weltweit haben sich daher nach Durchsicht der Forschungsergebnisse eindeutig gegen die orthomolekulare Psychiatrie ausgesprochen.
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===Geschichte der OM Psychiatrie===
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===Geschichte der Orthomolekularen Psychiatrie===
Die kanadischen Ärzte Abram Hoffer und Humphry Osmond gelten als die Begründer der orthomolekularen Psychiatrie. Sie setzten in der so genannten "Mega-Vitamintherapie" hohe Dosen Niacin (Vitamin B3) zur Behandlung der Schizophrenie ein. Weiterentwickelt wurde die Niacinanwendung von Carl C. Pfeiffer.
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Die kanadischen Ärzte Abram Hoffer und Humphry Osmond gelten als die Begründer der orthomolekularen Psychiatrie. Sie setzten in der sogenannten "Mega-Vitamintherapie" hohe Dosen Niacin (Vitamin B3) zur Behandlung der Schizophrenie ein. Weiterentwickelt wurde die Niacinanwendung von Carl C. Pfeiffer.
 
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Pfeiffer stellte ein System von "Biotypen der Schizophrenie" mit mehreren Hypothesen auf:
 
Pfeiffer stellte ein System von "Biotypen der Schizophrenie" mit mehreren Hypothesen auf:
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