Evers-Diät

Aus Psiram
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Evers-Diät ist eine in alternativmedizinischen Kreisen empfohlene, vegetarische und rohkostreiche Diät zur Behandlung der Multiplen Sklerose (MS). Obwohl ein unabhängiger Wirksamkeitsnachweis fehlt, wird die Evers-Diät auf vielen Ratgeberseiten im Internet auch heute noch empfohlen.

Entwicklung

Der in Hachen wirkende Arzt Dr. med. Joseph Evers behauptete, dass der Konsum verarbeiteter und konservierter Nahrung die Ursache von Multipler Sklerose ist. Ausgehend von dieser Annahme propagierte er in den 1960er Jahren eine Diät, die Patienten mit Multipler Sklerose helfen sollte.

Evers beschrieb in seiner Publikation seine Diät folgendermaßen:[1]

Bei dieser Diät [...] handelt es sich in erster Linie nicht darum, was der Mensch ißt, ob Fleisch oder nicht Fleisch, ob viel Fett oder wenig Fett, ob viel Eiweiß oder wenig Eiweiß, ob basenüberschüssig oder säureüberschüssig, usw.; der springende Punkt ist vielmehr der, daß jedes Nahrungsmittel so naturnahe wie möglich verzehrt wird. Daher kommt es auch, daß bei dieser Diät Früchte, Nüsse, Wurzeln, Milch, gekeimte Körner und Honig im Vordergrund stehen, eben weil diese ohne jede Bearbeitung, ohne irgendwelche Zusätze mit Genuß vom Menschen verzehrt werden können. Wenn der Patient sich bessert, gebe ich als nächstes rohen Schinken, Speck und rohes Gehacktes [...]

In seiner siebenseitigen Publikation über seine Diätform berichtete Evers eher oberflächlich über die angebliche Heilung von fünf an Multipler Sklerose erkrankten Patienten. Dabei handelte es sich um Fälle, die er während oder kurz nach dem II. Weltkrieg behandelt hatte. Im gleichen Aufsatz behauptete er, dass ab 1940 im Verlauf von 28 Jahren 13.000 MS-Patienten durch seine Praxis gegangen seien, von denen er 9.000 jahrelang behandelt haben wollte. Angeblich habe er 1.335 Patientenfilme gedreht, um den Behandlungserfolg zu dokumentieren. Wie genau jedoch die Patienten mit welchen Diätvorschriften behandelt wurden, wie sie diagnostiziert und wie der angebliche Behandlungserfolg wirklich bewertet wurde, erwähnte Evers nicht. Er behauptete lediglich lapidar die Heilung der Patienten aufgrund seiner Diät.

Evers behauptete, angeblich 9.000 MS-Patienten mit seinem Verfahren diätetisch behandelt zu haben.[1] Vor dem Hintergrund, dass die Multiple Sklerose eine relativ seltene Erkrankung ist (sie kommt in einer Häufigkeit von 1-1,8 pro 1.000 Einwohner vor), ist es erstaunlich, dass Evers so viele MS-Patienten in seiner Praxis gesehen haben will. Glaubt man seinen Ausführungen aus dem Jahre 1969, so gingen täglich durchschnittlich neun Patienten durch seine Praxis, darunter bis zu sieben MS-Patienten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei Evers MS-Patienten um tatsächliche MS-Erkrankte handelte, ist aus statistischer Sicht ausgesprochen gering. Vielmehr lässt sich nicht ausschließen, dass Evers nicht sorgfältig diagnostizierte und leichtfertig MS-Diagnosen stellte.

Zusammensetzung der Diät

Bei der Evers-Diät wird dem Körper eine energiereduzierte Rohkosternährung zugeführt. Wesentliche Bestandteile sind Vollkorngetreide, Gemüse, Obst, Sprossen und Nüsse. Erlaubt sind auch tierische Produkte, die ebenfalls roh oder nur gering erhitzt verzehrt werden sollen. Die Nahrungsmittel sollen möglichst gering verarbeitet sein.[2]

Zusätzlich empfahl Everts eine gesunde Lebensführung, wie den Aufenthalt an frischer Luft, viel Bewegung und Kneipp-Anwendungen.

Wirksamkeit

Bereits zu Lebzeiten Evers stellte sich heraus, dass die Diät bei Untersuchungen unabhängiger Dritter offenbar keinen Einfluss auf den Verlauf der multiplen Sklerose hatte. Dass bereits zu Zeiten Evers Spontanremissionen von Patienten, bei denen eine Multiple Sklerose diagnostiziert worden war, in einer Häufigkeit von 40-45% auftraten[3] und Evers selbst nicht in der Lage war zu zeigen, dass seine Diät bei mittelschweren und schweren MS-Fällen signifikant besser als ein Placebo funktionierte, ist dem historischen Fachschrifttum zu entnehmen. Bis heute hat niemand die Wirksamkeit der Evers-Diät in einem kontrollierten, prospektiven Versuch beweisen können.[4] Diese Diät ist zur Behandlung der Multiplen Sklerose nicht geeignet.

Die Ursachen der multiplen Sklerose sind derzeit noch nicht genau bekannt. Neben einer genetischen Prädisposition vermutet man Infektionen mit Viren (z.B. Epstein-Barr-Virus, Humanes Herpesvirus 6), Bakterien (Chlamydien, Rickettsien, Spirochaeten und Streptococcus mutans), Mangel an Vitamin D, Umweltgiften, Rauchen, Übergewicht in der Kindheit sowie mangelnde Keimkontakte des Immunsystems infolge verbesserter Hygiene als Auslöser der Krankheit.

An der neurologischen Klinik Sorpesee, früher Klinik Dr. Evers in Langscheid, wird die Evers-Diät weiterhin ergänzend eingesetzt, hat aber im Gesamtkonzept der Behandlungen kaum noch Raum.[5]

Eine Diät kann weder gegen Infektionen, noch bei den anderen Ursachen wirksam sein, was auch eine der Hauptursachen für das Versagen der Evers-Diät sein dürfte. Sie wirkt nur, wenn sie von wirksamen Heilbehandlungsmethoden flankiert ist und sich in deren therapeutischen Windschatten bewegen kann.

Quellennachweise

  1. 1,0 1,1 Evers J: Die diätetische Therapie der Multiplen Sklerose. Kasuistik und Epikrise meiner ersten durch Diät geheilten Multiplen Sklerose Patienten nach einer Verlaufsbeobachtungszeit von 20 Jahren und Bericht über meine anderen 9.000 diäetetisch behandelten Multiple-Sklerose-Patienten. Med Welt, Nr.31, 1700-1707, 1969
  2. Pöhlau, D; Werner, G.: Gesund essen bei multipler Sklerose. Trias-Verlag
  3. Welte E: Schlusswort. Dtsch Med Wschr, 91, 2352-2353, 1966
  4. Schwarz, St.; Leweling, H.; Daffertshofer, M.; Meinck, H.-M.:Unkonventionelle Therapien der multiplen Sklerose: Nutzen unklar Dt. Ärzteblatt, Jg. 102, Heft 30, 29. Juli 2005
  5. www.klinik-dr-evers.de/multiplesklerose.html?&no_cache=1&sword_list[]=Diät