Diskussion:Arbeitskreis im Leben

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Bericht über einen Besuch der "Klinik im Leben" 2015

Zitat:


..BIOLOGISCHE KREBSMEDIZIN

In dem kleinen Ort Greiz, am Rand des Erzgebirges, befindet sich die „Klinik im Leben“, die auf ihrer Webseite vielversprechend mit „Biologischer Krebsmedizin“ wirbt. Tatsächlich ist die „Klinik“ ein unscheinbares, gelbes Mehrfamilienhaus und nur schwer zu finden; wir fragen uns durch. Das Wartezimmer ist mit Möbeln vollgestellt, die aus DDR-Zeiten zu stammen scheinen, alte Damen sitzen darauf. Mittendrin gluckert ein beleuchteter Springbrunnen. Dazu passend dudelt „Turn back time“ von Cher. Der Arzt Uwe Reuter bittet uns herein. Er sitzt hinter einem iMac, auf dem er mir manchmal Bilder zu seinen Therapien zeigt. Er ist um die 50, groß und hager, sein Gesicht wirkt durch eine rahmenlose Brille besonders ernst. Mit hartem Thüringer Akzent fragt er: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Ich erzähle ihm meine Geschichte. Die Heilung muss „vom Inneren her kommen“

Er hört aufmerksam zu, und dann wirkt es eine Weile, als könne er sich nicht entscheiden, was er mir raten soll. Schließlich hat er es: Ich soll zunächst eine „Diagnosereihe“ in seiner Klinik machen, drei oder noch besser fünf Tage, für rund 1.000 Euro. Da seien „elektromagnetische Messungen“ für den „Energiehaushalt einzelner Organe“ gleich mit inbegriffen. Erst dann könne er bestimmen, welche Therapie bei mir angezeigt sei. „Hypnose, Homöopathie, Vitamin B17-Infusionen“ werden wohl eine Rolle spielen, sagt Reuter, und eine „Fiebertherapie“, bei der ich abgestorbene Bakterien gespritzt bekomme. Zusätzlich zur Chemotherapie oder allein?, frage ich. Diese Entscheidung könne er mir nicht abnehmen, sagt der Arzt, ich soll sie von meinem „Inneren her“ treffen. Ich müsse begreifen, dass meine Krankheit nicht von außen komme, und dass Therapien nur unterstützend wirkten – die Heilung „muss vom Inneren her kommen“.

Fieberthermometer

Reuter schlägt eine „Fiebertherapie“ vor, bei der abgestorbene Bakterien gespritzt werden. Er rät dazu, die – dringend nötige – Chemotherapie zu verschieben Andreas Labes Er sagt das alles beiläufig, mit dem monotonen Nuscheln, mit dem er die ganze Zeit spricht. Aber verbirgt sich in diesen Worten nicht die Unterstellung, dass ich Schuld sei an meiner Erkrankung? Nicht eine Zelle ist mutiert und zum Tumor gewuchert – sondern etwas Grundlegendes stimmt nicht mit mir, mit meinem Leben, meiner Herkunft, meiner Einstellung, was auch immer. Ein Denkmuster, das typisch ist für die Alternativmedizin – und auf das ich bei meiner Reise immer wieder stoßen werde. Je teurer, desto glaubwürdiger

Am Ende schlägt Reuter vor, die Chemotherapie um ein Vierteljahr zu verschieben und mit Hilfe seiner Therapie „all das beiseite zu schieben, was die Heilung verhindert“ – Giftstoffe, Ablenkungen und Ängste. Die Kosten? Rund 10.000 Euro für die gesamte Therapie. Bedrückt fahre ich mit dem Regionalzug nach Hause. Später sagt Hans Josef Beuth, Mikrobiologe an der Uni Köln und einer der führenden Experten zur Alternativmedizin: Ein hoher Preis erhöhe paradoxerweise die Glaubwürdigkeit der Heiler. Je mehr ein Patient zahle, desto mehr habe er das Gefühl, dass die Therapie ernst zu nehmen sei. Herr Reuter muss ein sehr ernst zu nehmender Heiler sein. Nach dem Ende der Recherche haben wir alle Heiler kontaktiert und sie darüber aufgeklärt, dass wir nicht als Patienten, sondern als Undercover-Journalisten bei ihnen waren – und sie gebeten, schriftlich Stellung zu beziehen. Uwe Reuter hat nicht die ihm gestellten Fragen beantwortet, sondern hat unsere Vorgehensweise in Frage gestellt. „Inwieweit in unserem Bereich diese Recherche ethisch und wahr ist, müssen Sie mit sich selbst ausmachen.“

Quelle: https://correctiv.org/blog/2015/12/18/alternativmedizin-krebs-leben-der-patienten-gefaehrdet/