Chitosan

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Chitosan ist ein Biopolymer, ein natürlich vorkommendes Polyaminosaccharid, welches sich vom Chitin ableitet. Es findet bei zahlreichen technischen Prozessen Anwendung. Als Präparat ist es in der Lage, in geringem Umfang Nahrungsfett im Verdauungstrakt zu binden. Es wird als Nahrungsergänzungsmittel und Medizinprodukt zur Behandlung von Übergewicht (Verringerung der Fettresorption) beworben.

Bekanntere Chitosan-Produkte sind Botarin, Formoline L112, Liposorb 112 oder KiloControl, die in der Werbung auch gerne als "Fettmagnete" bezeichnet werden. Die Anbieter behaupten, Chitosan könne im Magen-Darm-Trakt die Fette aufsaugen, die somit nicht mehr vom Körper aufgenommen werden könnten. In der Folge sinke der Cholesterinspiegel im Serum.

Herkunft

Das Chitin in Chitosan wird aus der Schale von Krustentieren, hauptsächlich Garnelen, durch Deacetylierung gewonnen, insbesondere aus den Abfällen der Lebensmittelindustrie. Einige Pilze enthalten in ihrer Zellwand neben Chitin auch Chitosan, das daraus direkt gewonnen werden kann.

Eigenschaften

Chitosan ist ein farbloser, amorpher, zäher Stoff, der in der Lage ist, Fette zu binden. Dies ist im Labor gut nachweisbar und wird eingesetzt, um als Lipidadsorbens Fette zu entfernen und zu entsorgen. Als solches ist Chitosan in allen Mitgliedsländern der EU unbeschränkt verkehrsfähig, teils auch in Arzneimitteln und Medizinprodukten.

Chitosan wirkt weiterhin blutstillend und koagulierend, weswegen es in der Medizin als Wundauflage verwendet wird; darüber hinaus ist es fungizid, abrasiv (Zahnpasta), glättend (Papierzusatz) und bindet Schwermetalle. Die bakterizide Wirkung besteht nicht für allle Bakterienarten gleichermaßen.

Verwendung

Stoffliche Nutzung

Das Anwendungsspektrum von Chitosan ist relativ breit und unübersichtlich. Es wird vor allem als Filtermedium zur Wassergewinnung oder in Kläranlagen sowie als Ausgangsmaterial für Fasern, Schaumstoffe, Membranen und Folien (Biokunststoff) verwendet. Eine marktrelevante Fertigung von Biokunststoffen aus Chitosan existiert allerdings bislang nicht.

Mit seiner adsorbierenden, blutstillenden, anti-mikrobiellen und heilungsfördernden Wirkung kommt Chitosan auch in Medizinprodukten bei Wundauflagen zum Einsatz. Des Weiteren findet Chitosan Verwendung in Zahnpasten, als Papier- und Baumwollzusatz sowie zum Ausfällen von Trübungen in der Getränkemittelindustrie. In der Arzneimittelindustrie wird an Chitosan seit langem geforscht, um es zur Mikroverkapselung und gezielten Freisetzung pharmakologischer Wirkstoffe zu verwenden, unter anderem als Vektor für die Gentherapie.

Nutzung als Nahrungsergänzungsmittel

Chitosan wird als Nahrungsergänzungsmittel und Medizinprodukt als Fettblocker in Form von Tabletten und Kapseln vermarktet. Für eine Vermarktung als Medizinprodukt sind keine klinischen Studien wie bei Arzneimitteln notwendig, weil Chitosan weder pharmakologisch noch immunologisch wirkt.

Üblicherweise werden chitosanhaltige Produkte in Tabletten oder Kapseln mit einem Gehalt von 700 mg Chitosan angeboten. Es wird empfohlen, eine Tablette vor der Mahlzeit einzunehmen. Im Internet gibt es Anbieter, die behaupten, dass durch diese Chitosanmenge das 3- bis 16-fache Gewicht an Fett gebunden werde. Bedenkt man aber, was normalerweise an Nahrungsfetten verzehrt wird, ist diese Menge zu gering, um eine medizinische Wirkung zu erzielen. In einem Gerichtsstreit vor dem Landgericht Darmstadt[1] vom 20. August 2002 musste ein Chitosan-Anbieter einräumen, dass sein chitosanhaltiges Produkt, wenn es in der empfohlenen Menge eingenommen wird, lediglich 20 g Fett zu binden in der Lage ist. Von einer Antifettpille, wie die Anbieter behaupten, kann keine Rede sein.

Wirksamkeit

Studien zur Wirksamkeit von Chitosan zum Abnehmen sind nicht einheitlich. Zwar ist im Reagenzglas die fettbindende Wirkung von Chitosan erwiesen, doch zeigt die Mehrheit der Untersuchungen, dass die mit dem Stuhl ausgeschiedene Fettmenge durch die Einnahme von Chitosan nicht ansteigt.

Es liegen fünf medizinischen Studien mit insgesamt 386 Patienten vor, die angeblich beweisen, dass Chitosan zu einer stärkeren Gewichtsabnahme als ein Placebo führt.[2] Bis auf zehn Patienten mussten alle Teilnehmer aber zusätzlich zu Chitosan oder Placebo eine kalorienreduzierte Diät von etwa 1.100 kcal pro Tag einhalten. Signifikante Gewichtsverluste wurden sowohl unter Chitosan als auch unter Scheinmedikament beobachtet, aber in vier der fünf Studien soll dieser Effekt unter Chitosan signifikant größer gewesen sein als unter Placebo. Das arznei-telegramm bewertet diese Studien jedoch wegen massiver methodischer Mängel (fehlende Angaben zur Chitosan-Dosis, fehlende Definition von primären und sekundären Zielkriterien, fehlende Power- und Fallzahlkalkulation sowie fragwürdige Randomisierung und Verblindung) als Makulatur.

In drei glaubhaften, hochwertigen klinischen Untersuchungen, in denen die Wirkung von Chitosan ohne zusätzliche Diät untersucht wurde, konnte bei insgesamt 169 Patienten kein Unterschied zwischen Verum und Placebo nachgewiesen werden. Chitosan wirkte nicht zur Reduzierung des Körpergewichts.[3][4][5]

Das arznei-telegramm von Januar 2010 zitiert einen Cochrane-Review aus dem Jahr 2008[6] und stellt fest:[7]

"Der Nutzen des Mittels ist unzureichend belegt: In einer Metaanalyse 15 randomisierter Studien mit 1.219 adipösen oder übergewichtigen Teilnehmern, die vier bis maximal 24 Wochen lang Chitosan oder Plazebo einnehmen, wird nur ein geringer Effekt von Chitosan auf das Gewicht (-1,7 kg; 95% Konfidenzintervall [CI] -2,1 kg bis -1,3 kg) errechnet. Bei Beschränkung auf qualitativ höherwertige und größere Studien sowie auf solche mit längerer Therapiedauer ist der Effekt noch kleiner (im Mittel -0,55 kg bis -0,81 kg)."

Zusammenfassend lässt sich daraus ableiten, dass Chitosan nicht geeignet ist, das Körpergewicht zu reduzieren.

Nebenwirkungen

Das Arzneitelegramm berichtet von zwei Frauen mit Epilepsie, die seit mehreren Jahren unter der Medikation von Valproinsäure, in einem Fall in Kombination mit Phenobarbital, anfallsfrei waren. Innerhalb weniger Tage, nachdem sie Chitosam zum Abnehmen einnahmen, traten wieder epileptische Anfälle auf. Obwohl beide ihre Medikamente vorschriftsmäßig einnahmen, waren diese im Blut nicht nachweisbar. Es wird vermutet, dass das lipophile (fettlösliche) Antiepileptikum im Darm durch das Chitosan gebunden oder der enterohepatische Kreislauf der Valproinsäure durch das Chitosan gestört wurde. Eine ähnliche Verdachtsmeldung liegt auch aus Japan vor. Generell kann daraus abgeleitet werden, dass Chitosan die Absorption lipophiler Medikamente behindern kann (dazu gehören auch hormonelle orale Verhütungsmittel, die „Pille“), was ihren Wirkungsverlust zur Folge hat.[7][8]

Rechtliche Situation

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (www.bfarm.de) kam im Jahr 2002 zur Ansicht, dass Chitosan weder pharmakologisch noch immunologisch wirke, sondern hauptsächlich dadurch, dass es Nahrungsfett absorbiere.[9] Dies spielte den Chitosananbietern in die Hände, da für die Vermarktung als Medizinprodukt keine klinischen Studien wie bei Arzneimitteln erforderlich sind. Somit verhalf die zuständige Arzneimittelbehörde einem fragwürdigen, nutzlosen Produkt, das zumindest von einigen Gerichten vom Markt gezogen wurde, indem es zunächst als Arzneimittel eingestuft wurde, durch die Hintertür wieder zur Verkehrsfähigkeit. Auf diese Weise sparen die Anbieter Millionen für die Arzneimittelzulassung und benötigen keinerlei Wirksamkeitsnachweis für ihr nachweislich unwirksames Medizinprodukt. Damit teilt sich Chitosan das Marktsegment mit unwirksamen Methoden wie CM3-Kapseln, die ebenfalls nicht als Arzneimittel, sondern als Medizinprodukte eingestuft wurden.

Eine Firma, die Chitosan unter dem Handelsnamen Strobby® mit Schlagworten wie "Die Fett-weg-Pille" oder "Fett weg, 10 Kilo runter!" beworben hatte, bekam wegen dieser Werbung juristische Probleme. Das Oberlandesgericht Karlsruhe[10] beanstandete 2002 nicht nur die fragwürdige Werbung, es bestätigte auch die Ansicht der landgerichtlichen Vorinstanz, dass das Schlankheitsmittel die ihm in der Werbung zugesprochenen Eigenschaften nicht besitze: Der Wirkstoff Chitosan, der in dem Mittel 'Strobby' enthalten ist, mag zwar in Laborversuchen eine Eignung zur Bindung von Fetten gezeigt haben; zur Erreichung der in der beanstandeten Werbeanzeige plakativ angepriesenen Wirkung reicht dies jedoch bei weitem nicht aus. Das OLG bewertete diese Werbung als grob irreführend. Dem Verlag, der die entsprechende Anzeige veröffentlicht hatte, drohten ebenfalls juristische Probleme. Man hätte dort erkennen müssen, dass die Art der Anpreisung heilmittelwerberechtswidrig sei.

Weblinks

Quellennachweise

  1. Az.: 14 O 515/01
  2. [Abnehmen mit Chitosan (Redumin u.a.)? arznei-telegramm 2002; 33: 3-4]
  3. Woulijoki E Hirvela T, Ylitalo P: Decrease in serum LDL cholesterol with microcrystalline chitosan Methods Find Exp Clin Pharmacol, 21, 357-361, 1999
  4. Pittler MH, Abbot NC, Harkness, EF, Ernst E: Randomized, double-blind trial of chitosan for body weight reduction. Eur J Clin Nutr, 53, 379-381, 1999
  5. Ho SC, Tai ES, Eng PH, Tan CE, Fok AC: In the absence of dietary surveillance, chitosan does not reduce plasma lipids or obesity in hypercholesterolaemic obese Asian subjects. Singapore Med J, 42, 6-10, 2001
  6. Jull AB, Ni Mhurchu C, Bennett DA, Dunshea-Mooij CAE, Rodgers A. Chitosan for overweight or obesity. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 3. Art. No.: CD003892. DOI: 10.1002/14651858.CD003892.pub3
  7. 7,0 7,1 Bedrohliche Interaktionen mit Chitosan (Formoline L112 u.a.). arznei-telegramm 2010; 41: 15-6
  8. "Fettblocker" Chitosan. arznei-telegramm 1998; Nr. 3: 34
  9. arznei-telegramm: Abnehmen mit Chitosan (Redumin u.a.)? AT, Nr.3, 33, 2002
  10. Az: 6 U 74/02 vom 23. Oktober 2002