Esoterik

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Der Begriff Esoterik stammt aus dem altgriechischen esoterikós, was "innerlich" oder "nach innen gerichtet" bedeutet und bezeichnete zunächst geheime Lehren. Die heutige Bedeutung deckt sich weitgehend mit dem moderneren Begriff New Age oder neuer Okkultismus.[1] Der Begriff Esoterik bezeichnete früher Riten und Gebräuche innerhalb geschlossener Kultverbände, die Außenstehenden weitgehend verborgen blieben und vor diesen geheim gehalten wurden. Er steht heute für eine große Zahl recht unterschiedlicher Lehren und Weltanschauungen, denen Annahmen zugrunde liegen, nach denen eine wissenschaftliche, rationale Beschreibung der Welt unmöglich sei. Dem entsprechend haben esoterische Lehren eines gemeinsam: Sie sind nicht überprüf- oder falsifizierbar, werden aber mit Absolutheitsanspruch vertreten. Eine einheitliche und von allen Seiten anerkannte Esoteriklehre gibt es nicht und wird in der Szene auch nicht angestrebt.

Allgemeines

Mit Bezeichnungen wie Esoterik, New Age und Okkultismus werden besondere, nicht-religiöse Erkenntniswege und Handlungsformen zusammengefasst, in denen die Rolle der individuellen, subjektiven, oft außergewöhnlichen Erfahrung betont wird, die sich einer rationalen Mitteilbarkeit und vor allem einer intersubjektiven Überprüfbarkeit entzieht. Die Esoterik geht von bestimmten spirituellen Eigenschaften des Einzelnen aus, deren Beschreibungen in den allermeisten Fällen als nicht wissenschaftlich falsifizierbare Äußerungen zu verstehen sind. Dennoch wird manchmal auch von Vertretern esoterischer Lehren ein Anspruch auf wissenschaftliche Überprüfbarkeit bei einzelnen Fragen erhoben, was in der Regel zu pseudowissenschaftlichen Argumentationsversuchen führt. Ein auffälliges Merkmal bei Esoterikern ist außerdem der unreflektierte Gebrauch von Wörtern und Begriffen, die aus anderen Wissensgebieten entlehnt werden, häufig aus den Naturwissenschaften.

Ein verbindendes Element vieler esoterischer Lehren ist der Anspruch auf die Wahrheit zu Schlüsselfragen der Menschheit. Sie behaupten ein Wissen um "höhere Mächte", um Vergangenheit und Zukunft der Menschheit, und enthalten Versprechungen zu Aufstiegen in höhere Sphären oder zu höheren Erkenntnissen, die aber Nichteingeweihten verwehrt bleiben.[2] Nebenbei stellt diese Beschränkung von Wissen auf Eingeweihte das genaue Gegenteil eines wichtigen Prinzips von Wissenschaft dar: Dort steht eine gute Idee grundsätzlich allen Menschen zur Verfügung und nicht nur einem erlesenen Kreis.

Die Esoterik bezieht einen Teil ihrer Verführungskraft aus narzisstischen Bedürfnissen: Wer will schon nur ein Lidschlag der Evolution oder ein "Nanopartikel" in einem unbegreiflichen und unendlichen Universum sein, wenn er beispielsweise seine Geburt und sein Schicksal als mit kosmischer Bedeutung aufgeladenes Einzelereignis interpretieren kann? Sorgen um eine prinzipiell nicht vorhersagbare Zukunft rufen nach einer höheren Instanz, die sagt, wo es langgehen soll. Ein weiterer Teil der Anziehungskraft mag daher kommen, dass die Welt schwer zu verstehen ist und etablierte Wissenschaften kompliziert und anstrengend sind. Eine Beschäftigung mit Esoterik kann einem dagegen den schmeichelhaften Eindruck vermitteln, alles zu verstehen, zu durchschauen und mit Sinn versehen zu können.[3]

Die menschliche Seele wird häufig als unsterblich bezeichnet, das Schicksal des Einzelnen als vorbestimmt. In esoterischen Praktiken und Lehren konzentriert sich die Sehnsucht vieler Menschen nach etwas Geheimnisvollem, das sich hinter der banalen materiellen Welt verberge. Eine Kommunikation mit andern Menschen oder gar mit "höheren Wesen" oder mit Verstorbenen z.B. sei auch auf Wegen möglich, die zusätzliche "Kanäle" zu den fünf Sinnen des Menschen voraussetzen. Solche Phänomene stellen für Esoteriker kein logisches Problem dar, da die bekannten Naturgesetze ja aus ihrer Sicht zu beschränkt zur Erklärung der Welt sind.

Insgesamt fällt eine schwache Institutionalisierung im Esoterikbereich auf.[4]

Ersatzreligion

Nicht nur evidenzbasiertes, wissenschaftliches Denken, auch die herkömmlichen Religionen werden in der Esoterik als ungenügend zur Erklärung der Welt angesehen. Esoterische Lehren wurden in der Vergangenheit auch als "Ersatzreligionen"[5] oder "säkularistische Ersatzreligion" zu den europäischen Großkirchen angesehen.

Subjektivierung der Natur

Die "Psychisierung" oder Subjektivierung der Natur beispielsweise als Mutter Erde oder Gaia ist ein weiteres Merkmal vieler esoterischer Vorstellungen.[6]

Sprache der Esoterik

Die Esoterik bedient sich eines eigenen Wortschatzes. So gibt es Begriffsfindungen wie kosmisches Bewusstsein, Paradigmenwechsel, Transformation oder Wassermannzeitalter. Den einzelnen Begriffen fehlt jedoch eine exakte Definition. Man kann es sogar als ein wesentliches Merkmal der Esoterik ansehen, dass klare Definitionen vermieden werden. Teilweise werden Wörter aus den Naturwissenschaften entlehnt und mit neuer, aber eben unklar gehaltener Bedeutung eingeführt. Es wird nicht gesagt, was mit Quanten, Energie oder Schwingung gemeint ist, oder wenn, dann durch Scheinerklärungen mit ebenfalls diffus gehaltenen Begriffen, was esoterischen Darstellungen häufig den Vorwurf der "Schwurbelei" einbringt.

Das schwammige Vokabular der Esoterik erschwert das Verständnis für esoterische Zusammenhänge, ermöglicht den Anhängern jedoch, ihre Lehrgebäude fast nach Belieben gegen Kritik oder überhaupt gegen "außen" zu immunisieren. Es ist auch deshalb erwünscht, weil es das angenehme Gefühl vermitteln kann, sich mit Gleichgesinnten zu verstehen. In diesem Zusammenhang ist zu beobachten, dass Konsumenten esoterischer Angebote meist unkritisch sind. Das Einfordern von Erklärungen beispielsweise würde den Wohlfühleffekt ja auch empfindlich stören, weil man sich damit praktisch selbst aus dem Kreis der "Wissenden" ausgrenzt.

Gegenwart

Die heutige Ausprägung der Esoterik erreichte Deutschland einmal gegen Ende des 19. Jahrhunderts und dann vor allem ab den 1970er Jahren. Sie hat eine große wirtschaftliche Bedeutung erlangt (siehe: Esoterikmarkt) und damit auch Personen erreicht, die ursprünglich nicht die Zielgruppe waren. Im Gegensatz zu früher ist heute jeder ein potenzieller Kunde esoterischer Produkte und Dienstleistungen. Faktisch sind esoterische Lehren also keine Geheimlehren mehr, dennoch macht der Anschein eines "höheren" Wissens, mit dem man sich von anderen absetzen kann, einen großen Teil ihrer Attraktivität aus.

Eine große Zahl von esoterischen Autoren, Beratern und Heilern setzt Jahr für Jahr allein in Deutschland Milliarden Euro um. Millionen von Menschen suchen auf esoterischem Weg eine Lösung bei Alltagsproblemen oder Lebenskrisen, obwohl die Wirksamkeit der Angebote zumeist im besten Fall unbekannt ist. Anbieter wissen oftmals selbst nichts über die Einzelheiten oder die Geschichte ihrer esoterischen Lehre: Sie ist zur Ware geworden wie andere Konsumgüter. Entsprechend wechseln auch die Vorlieben der Anhänger der Esoterik. Wenn eine Praktik versagt oder langweilig wird, wird sie gegen eine andere ausgetauscht.

Die Esoterik bietet eine individuelle Möglichkeit, sich von der Masse der Menschen abzusetzen, sich selbst als Wissender "höherer Erkenntnisse" zu sehen, sich aber gleichzeitig der persönlichen Verantwortung zu entledigen. Ihre Anhänger können dazu im Rahmen esoterischer Lehren angehalten werden, alle Ereignisse der Welt, auch Erscheinungen wie soziale Ungerechtigkeiten und Rassismus, als richtig und gegeben hinzunehmen. In diesem Sinne kann der esoterische Irrationalismus durchaus systemstützend wirken. Der Mensch kann unter dem schwammigen Schlagwort einer "Ganzheitlichkeit" im esoterischen Sinne seiner individuellen Freiheit beraubt werden. Er kann dazu angehalten werden, seine Lebenssituation oder die anderer Menschen als kosmisch vorgeschrieben oder gewollt anzusehen (siehe: Karma).

Nationalsozialismus und rechtsgerichtete Gruppierungen der Gegenwart

Ein besonderes Kapitel ist die Esoterik im Nationalsozialismus und der heutigen "braunen Esoterik". In der Tat zeigen sich heute Bezüge zwischen Esoterik und der extremen Rechten in Deutschland, aber auch im Ausland. Nach Ansicht von Barth hat die esoterische Bewegung Positionen, welche bis vor zehn Jahren als Rechtsaußen galten, zu breiter Akzeptanz verholfen. Insbesondere in der Verharmlosung der Verbrechen des deutschen Faschismus ist ihr eine Vorreiterrolle zuzurechnen.[7] So ist es in solchen Kreisen nicht unüblich, den Holocaust als unausweichliche Folge des jüdischen Karmas zu erklären.

Es gibt jedoch auch Überschneidungen von Esoterik und links-alternativem Milieu, wie z.B. im Veganismus und Ökologismus.

Beispiele esoterischer Lehren

Als Beispiele für typische esoterische Weltanschauungen können die Astrologie, die neopagane Bedeutung des Schamanismus, die Theosophie und die Anthroposophie von Rudolf Steiner angesehen werden. Weitere Beispiele für aktuelle esoterische Lehren sind der Breatharianismus (Lichtfasten) und die indigene Spiritualität.

Esoterik im Gesundheitsbereich

Viele alternativmedizinische Angebote sind esoterisch beeinflusst. Ein typischer Exponent dieser Szene ist Rüdiger Dahlke, der selbst davon spricht, "esoterische Medizin" auszuüben.[8] Esoterische Grundannahmen scheinen bei fehlenden Wirksamkeitsnachweisen unentbehrlich zu sein, um das entsprechende Angebot attraktiv zu gestalten und gegen herkömmliche Therapieangebote abzugrenzen und in Schutz zu nehmen. Die ungenau und unterschiedlich definierten Begriffe der heutigen Esoterik lassen sachliche Kritik an entsprechenden Heilverfahren scheinbar ins Leere laufen.

Übergänge zu solchen alternativmedizinischen Angeboten, die durchaus den Anspruch erheben, auf wissenschaftlichem Boden zu stehen, sind fließend: Esoterische Elemente finden sich auch in Beschreibungen von pseudomedizinischen Verfahren wie Energiemedizin, Quantenmedizin, Bioresonanz und so weiter. Das betrifft beispielsweise die Vermeidung von sauberen Begriffserklärungen.

Im esoterisch beeinflussten Medizinmarkt werden oft nicht nur unhaltbare Gesundheitsversprechen gemacht, die Verfahren sind auch eine potenzielle Gefahr für Klienten oder Patienten: Das zum Überleben notwendige rationale logische Denken droht nebensächlich zu werden; kompetente Hilfe durch Experten in Anspruch zu nehmen kann versäumt oder verweigert werden. Verbreitet ist bei solchen Menschen auch eine Wissenschaftsfeindlichkeit. Vorurteile und Vorbehalte werden durch esoterische Literatur und entsprechende Internetseiten und TV-Kanäle gefördert. Ein typisches Beispiel ist der esoterisch beeinflusste Bereich der Impfkritik, die beispielsweise unter Anthroposophen verbreitet ist.

Esoterik- und Heilersucht

Die Inanspruchnahme esoterischer und alternativmedizinischer Angebote kann sich zu einer Sucht entwickeln.

Siehe Esoteriksucht

Zitate

  • Der faule Zauber ist nicht anders als die faule Existenz, die er bestrahlt. (Theodor W. Adorno)

Anderssprachige Psiram-Artikel

Literatur

  • Friedrich Balke: Mystische Subjektivierung oder: Die Kunst der Erhebung über das Wissen. In: Erfahrung und System. Mystik und Esoterik in der Literatur der Moderne. Bettina Gruber. Opladen: Westdeutscher Verlag 1997, S.27-48
  • Claudia Barth: Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur – eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen. Alibri-Verlag, 2003, 206 Seiten, ISBN 3-932710-36-3
  • Hans-Michael Baumgartner (Hrsg.): Verführung statt Erleuchtung. Sekten, Scientology, Esoterik. Düsseldorf: Patmos 1993 (aus katholischer Sicht).
  • Antoine Faivre: Esoterik im Überblick (zuerst frz. 1992), Freiburg / Basel / Wien 2001
  • Antoine Faivre / Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Western Esotericism and the Science of Religion. Leuven 1998
  • Wouter J. Hanegraaff: Dictionary of Gnosis & Western Esotericism, Bd. 1, Leiden / Boston 2005
  • G. Kern, L. Traynor (Hrsg.): Die esoterische Verführung. Angriffe auf Vernunft und Freiheit. Aschaffenburg: Internat. Bücherdienst der Konfessionslosen (IBDK) 1995
  • H. Platta: Das Böse – zu rechtsextremistischen Denkstrukturen in der zeitgenössischen Esoterikbewegung. Psychologie Heute, Juli 1997
  • Wolf Schneider: Kleines Lexikon esoterischer Irrtümer. Von Astrologie bis Zen. Gütersloher Verlagshaus [1]
  • Hugo Stamm: Achtung Esoterik – Zwischen Spiritualität und Verführung. Pendo-Verlag Zürich und München, 2000. ISBN 3-85842-388-2
  • Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens, München 2004
  • Herbert Uhlen: Vom ungläubigen Thomas lernen. Warum sich Wissenschaft und Religion nicht vertragen. K. Fischer, Aachen 2006
  • Der Spiegel: Reise-Ziel Sirius Heft 3/1998, S.166-175

Weblinks

Quellennachweis

  1. Bochinger, Christoph (1994): 'New Age' und moderne Religion. Gütersloh
  2. Heelas, Paul (1996): The New Age Movement. Oxford.
  3. H. Uhlen: Vom ungläubigen Thomas lernen. Warum sich Wissenschaft und Religion nicht vertragen. K. Fischer, Aachen 2006, S.225
  4. Knoblauch, Hubert (1989), Das unsichtbare neue Zeitalter. "New Age", privatisierte Religion und kultische Milieus, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie
  5. Möth Ingo: (1989) New Age und Esoterik – Ersatzreligionen oder Protestbewegung? IWK-Reihe "New Age"
  6. Irmgard Oepen, Krista Federspiel, Amardeo Sarma: Lexikon der Parawissenschaften: Astrologie, Esoterik, Okkultismus, Paramedizin, Parapsychologie kritisch betrachtet. Lit-Verlag 1999, Seite 88. ISBN-10: 3825842770
  7. Claudia Barth, Über alles in der Welt - Esoterik und Leitkultur - eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen. Alibri-Verlag, 2003, 206 Seiten, ISBN 3-932710-36-3
  8. http://www.metamedizin.info/imma/artikel_ruedigerdahlke_krankheitalssprachederseele.shtml