Thiomersal

Typische propagandistische Darstellung aus verschwörungstheoretischer Sicht

Thiomersal (in den USA auch Thimerosal) ist das Natriumsalz einer organischen Quecksilberverbindung und wird als Konservierungsstoff in kosmetischen und pharmazeutischen Produkten verwendet, um diese vor mikrobiellem Abbau zu schützen. Die Substanz ist wiederholt Gegenstand von Verschwörungstheorien gewesen, auf die sich insbesondere Impfkritiker berufen.

Thiomersal wird im Körper zu Ethylquecksilber abgebaut und dann ausgeschieden. Ethylquecksilber reichert sich nicht im Körper an. Die Halbwertszeit (die Zeit, in der sich ein exponentiell abnehmender Wert halbiert hat) beträgt wenige Tage[1]. Methylquecksilber hingegen, mit dem Ethylquecksilber bisweilen verwechselt wird, hat eine Halbwertszeit von etwa 1½ Monaten und ist in Impfstoffen nicht enthalten.

Wirksamkeit

Thiomersal ist bereits in sehr niedrigen Konzentrationen wirksam. Je nach Keim beträgt die minimale Hemmkonzentration 0,2 Mikrogramm bis 128 Mikrogramm pro Milliliter bei breitem Wirkungspektrum.

Verwendung in Kosmetika

In Deutschland ist Thiomersal gemäß der Kosmetik-Verordnung in Konzentrationen bis 0,007% (berechnet als Quecksilber) zur Haltbarmachung von Schmink- und Abschminkmitteln erlaubt.[2]

Verwendung in Medizinprodukten und Arzneimitteln

Thiomersal wird zur Konservierung von Reinigungs- und Aufbewahrungslösungen für Kontaktlinsen verwendet. Thiomersal wird auch zur Konservierung von Augen-, Nasen- und Ohrentropfen sowie von topischen Zubereitungen verwendet. Thiomersal findet sich auch in manchen Injektionsarzneimitteln und wurde in manchen Impfstoffen verwendet. In Impfstoffen zur Anwendung am Menschen ist in Deutschland mittlerweile in der Regel kein Thiomersal mehr enthalten, oder höchstens in Spuren aus dem Herstellungsprozess.[3] In Tierimpfstoffen wird Thiomersal weiterhin eingesetzt.

In Impfstoffen, die in Sammelbehältern ausgeliefert werden, wird Thiomersal häufiger verwendet. So ist es in einer Menge von 5 µg (2,5 µg Quecksilber) im H1N1 (Schweinegrippe) Impfstoff Pandemrix enthalten.

Quecksilber (Hg)

Zu unterscheiden sind elementares Quecksilber, anorganische und organische Quecksilberverbindungen. Anorganische Quecksilberverbindungen (Oxidationsstufen +1 und +2) entstehen aus Quecksilber in Verbindung mit nichtmetallischen Elementen wie z.B. Chlor, Schwefel oder Sauerstoff. Bei den organischen Quecksilberverbindungen (Oxidationsstufe +2) steht aufgrund seines Vorkommens in der Umwelt und der Toxizität insbesondere das Methylquecksilber im Vordergrund. Es kann in wässriger Umgebung aus elementarem Quecksilber entstehen. Über die Nahrungskette, vor allem durch den Verzehr von Fischen, kann es auf diesem Wege vom Menschen aufgenommen werden. Die Gesamtmenge Quecksilber im Körper eines Erwachsenen mit 70 kg Körpergewicht wird auf etwa 13 mg geschätzt.

Die tägliche Quecksilberaufnahme wird nach Angaben der WHO (2000) auf 2,4 μg (für Methylquecksilber) und 4,2 µg (für anorganische Quecksilberverbindungen) geschätzt. Diese Werte hängen allerdings stark von den Ernährungsgewohnheiten ab. So ist beispielsweise relativ viel Quecksilber als Methylquecksilber in Fisch enthalten. Haifisch kann bis zu 1,4 mg Methylquecksilber pro Kilogramm enthalten.[4] In den USA angebotener Dosenthunfisch (Gewicht: 5,6 Unzen / 158 Gramm) enthält im Mittel bereits 11,5 µg Hg[5]. Laut einer FDA-Studie soll die durchschnittliche tägliche Quecksilberaufnahme eines 70 kg schweren Erwachsenen bei 3,5 µg liegen. Im Jahr 2005 wurde bei älteren Männern aus Katalonien eine tägliche Hg-Aufnahme von 9,89 μg festgestellt.[6] 2008 wurden in Amazonien (Brasilien) Hg-Aufnahmen von 0-11,8 µg/kg/Tag gemessen.[7] Eine Studie aus Finnland stellte 1995 bei finnischen Männern im Alter von 42-60 Jahren eine tägliche Quecksilberaufnahme von 7,6 µg (1,1 bis 95,3 µg) fest.[8]

Grenzwerte: 2001 hatte die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA einen Referenz-Wert von 0,1 µg Methylquecksilber pro Kilogramm Körpergewicht und Tag festgelegt[9] (entsprechend 7 µg für einen 70 kg schweren Menschen), also denjenigen Wert, der bei täglicher oraler Aufnahme noch als gesundheitlich unbedenklich erachtet wird. Die FDA legte einen ADI-Wert (acceptable daily intake) von 0,4 µg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag fest. Die ATSDR stellte fest, dass eine tägliche Aufnahme von 0,3 µg Methylquecksilber pro Kilogramm Körpergewicht und Tag selbst bei lebenslanger Aufnahme zu keinen Gesundheitsbeeinflussungen führe. 2003 änderte die WHO die eigenen Empfehlungen zur wöchentlichen Quecksilberaufnahme und legte einen Wert von 1,6 µg pro Kilogramm Körpergewicht und Woche fest.[10]

Toxizität von Quecksilber: Oral aufgenommenes elementares Quecksilber wird kaum im Magen-Darm Trakt resorbiert (weniger als 1%). Ein dokumentierter Selbsttötungsversuch mit injiziertem Quecksilber schlug fehl. Im Mittelalter wurden therapeutische Quecksilbereinnahmen im Kilogramm-Bereich offenbar überlebt.

Die kleinste tödliche Menge für zweiwertige anorganische Quecksilberverbindungen liegt beim Menschen bei etwa 3-15 mg pro kg Körpergewicht.

Die größten Gesundheitsgefahren gehen von gut resorbierbaren organischen Quecksilberverbindungen aus. Dazu gehört das Methylquecksilber, welches durch Methylisierung anorganischen Quecksilbers entsteht und sich in der Nahrungskette, vornehmlich in Fisch, anreichert. Als extrem toxisch gilt Dimethylquecksilber.

Unerwünschte Wirkungen und Verwendung in Impfstoffen

Ende der 1990er Jahren kamen Bedenken an der Unbedenklichkeit von Thiomersal auf. Einerseits auf Grund zunehmender Meldungen von unerwünschten Wirkungen, insbesondere Überempfindlichkeitsreaktionen, andererseits auch wegen der kumulierenden Quecksilberbelastung bei Kindern durch die routinemäßigen Kinderimpfungen, auf Grund derer neurologische Störungen befürchtet wurden. Die Behörden in den USA und Europa empfahlen vorsorglich - ohne dass konkrete Hinweise auf eine neurologische Giftigkeit vorlagen - Thiomersal und andere organische Quecksilberverbindungen möglichst aus Impfstoffen für Säuglinge und Kleinkinder zu entfernen.[11] Im Jahr 2004 revidierte der Ausschuss der Europäischen Arzneimittelagentur EMEA die Bewertung von Thiomersal in Impfstoffen. Die Auswertung von epidemiologischen Studien hatte zu dem Schluss geführt, dass kein Zusammenhang zwischen neurologischen Entwicklungsstörungen und Thiomersal in Impfstoffen bestehe. Dennoch solle die Entwicklung quecksilberfreier Impfstoffe, auch aus ökologischen Gründen, weiter voran getrieben werden. Die EMEA betonte, der Vorteil von Impfungen überwiege bei weitem theoretische Risiken des Thiomersals.[12]

Auch in den USA werden bei Kindern unter sechs Jahren nur noch Impfstoffe eingesetzt, die kein Thiomersal oder höchstens Spuren davon enthalten. Insgesamt sind in den USA die meisten Impfstoffe in Einzeldosisverpackungen frei von Thiomersal.[13]

Etwa 50 Massenprozent von Thiomersal entfallen auf Quecksilber.

Die WHO gibt als provisional tolerable weekly intake (PTWIs) für Quecksilber den Wert von 5 μg/kg Körpergewicht an und für Methylquecksilber den Wert von 1,6 μg/kg Körpergewicht an. Der PTWI-Wert entspricht der Menge, die pro Woche über die ganze Lebensspanne aufgenommen werden kann, ohne dass nach aktueller wissenschaftlicher Datenlage von einer Gefahr für die Gesundheit ausgegangen werden kann. Bei einem Körpergewicht von 80 kg ergibt sich beispielsweise eine individuelle wöchentliche Toleranzgrenze von 80 kg x 5 μg = 400 μg.

Verschwörungstheorien und Behauptungen aus impfkritischen Kreisen

Thiomersal wurde von einigen Wissenschaftlern und Impfgegnern spekulativ mit dem Auftreten von Autismus in Verbindung gebracht, so beispielsweise von Dietrich Klinghardt. Auf Grund epidemiologischer Studien gilt ein Zusammenhang von Thiomersal und dem Vorkommen von Autismus heute als widerlegt.[14][15][16][17][18][19]

„Die Weltgesundheitsorganisation WHO, das US-amerikanische "Institute of Medicine" sowie die europäische Arzneimittelbehörde EMEA sind inzwischen unabhängig voneinander zu dem Schluss gelangt, dass die verfügbaren Studien gegen einen solchen Zusammenhang sprechen.“[20]

Siehe dazu: widerlegte Theorie von Andrew Wakefield zur angeblichen Verursachung von Autismus durch den MMR Impfstoff aus attenuierten Viren.

Hans Tolzin und der Thiomersal-Fake

Ausschnitt aus dem Fake

Dem Impfgegner und medizinischen Laien Hans Tolzin wurde 2005 erfolgreich ein fabriziertes und vermeintlich "internes" Schreiben zugespielt, in dem die abwegige Behauptung zu finden war, dass Thiomersal durch Verwendung von bestimmten Quecksilberisotopen derartig in Impfstoffen verwendet werden könne, dass einschlägige Nachweisverfahren die Substanz nicht nachweisen könnten. Außerdem werde hierbei Quecksilber aus Giftmüll in Impfstoffen sozusagen recycelt. Belegt wurden die Angaben durch lächerliche Behauptungen, ansprechende Grafiken sowie Fotos einer Kaffeetasse von ALDI. Die Angaben waren so gestaltet, dass sie recht einfach als Fake erkannt werden konnten, bzw. bei einer auch nur oberflächlichen Überprüfung zwangsläufig als solcher erkannt werden mussten. Die Fake-PDF-Datei[21] wurde über eine Yahoo-E-Mailadresse(!) hochgeladen. Hier hätten spätestens die Alarmglocken klingeln sollen.[22][23]

Tolzin nahm den Fake ungeprüft in seinen pseudowissenschaftlichen "Impf-Report" auf. Nach einer Woche wurde der Fake enthüllt, und Hans Tolzin sowie die Impfgegnerin Angelika Kögel-Schauz (Initiative Eltern für Impfaufklärung - EFI) waren blamiert.

Das gefälschte hochbrisante Dokument ist heute noch (2008) auf Seiten der Impfgegner zu finden.[24] Veröffentlicht wurde das Papier, [...] da keiner der von uns befragten Fachleute mit Sicherheit die Möglichkeit des geschilderten Verfahrens ausschließen konnte [...]. Weiterhin wird behauptet, Der aktuelle Stand ist der, dass es technisch wohl möglich zu sein scheint, ein Quecksilberisotop mit den von "Thomas" beschriebenen Eigenschaften herzustellen.

Siehe auch

Squalen

Literatur

  • Parker, S.J., Schwartz, B., Todd, J., and L.K. Pickering. 2004. Thimerosal-Containing Vaccines and Autistic Spectrum Disorder: A Critical Review of Published Original Data. Pediatrics, 114(3): Seiten 793-804
  • Clarkson and Magos. The toxicology of mercury and its chemical compounds. Crit Rev Toxicol (2006) vol. 36 (8) pp. 609-62; doi:10.1080/10408440600845619; Link (beschränkter Zugriff)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. http://www.who.int/vaccine_safety/topics/thiomersal/statement_jul2006/en/
  2. Anlage 6 zu § 3 der Kosmetik-Verordnung
  3. K. Weisser, K. Bauer, P. Volkers und B. Keller-Stanislawski (2004): Thiomersal und Impfungen. In: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz. Bd. 47, S. 1165–1174. PDF
  4. http://www.sharkproject.org/Content.Node/kampagne/laufende_projekte/stop-sales/methylquecksilber.de.php
  5. Parker, S.J., Schwartz, B., Todd, J., and L.K. Pickering. 2004. Thimerosal-Containing Vaccines and Autistic Spectrum Disorder: A Critical Review of Published Original Data. Pediatrics, 114(3): Seiten 793-804
  6. Gemma Falcó, Juan M. Llobet, Ana Bocio, José L. Domingo. Daily Intake of Arsenic, Cadmium, Mercury, and Lead by Consumption of Edible Marine Species. J. Agric. Food Chem., 2006, 54 (16), Seiten 6106–6112. DOI. 10.1021/jf0610110
  7. Passos CJ, Da Silva DS, Lemire M, Fillion M, Guimarães JR, Lucotte M, Mergler D. Daily mercury intake in fish-eating populations in the Brazilian Amazon. J Expo Sci Environ Epidemiol. 2008 Jan;18(1):76-87. Epub 2007 Sep 5. PMID:17805232
  8. Jukka T. et al, Intake of Mercury From Fish, Lipid Peroxidation, and the Risk of Myocardial Infarction and Coronary, Cardiovascular, and Any Death in Eastern Finnish Men. Circulation. 1995;91:645-655
  9. http://www.epa.gov/mercury/exposure.htm
  10. http://www.who.int/mediacentre/news/notes/2003/np20/en/
  11. Statement der Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA) zu Thiomersal-haltigen Arzneimitteln Juli 1999 (englisch)
  12. Statement der Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA) zur Verwendung von Thiomersal in Impfstoffen zur Anwendung am Menschen März 2004 (englisch)
  13. Thimerosal in Vaccines, Food and Drug Administration (FDA), Juni 2008
  14. Statement on thiomersal, WHO, 2006
  15. Verstraeten T et al.: Safety of thimerosal-containing vaccines: a two-phased study of computerized health maintenance organization databases. Pediatrics. 112(5), 2003, S. 1039–1048 PMID 14595043 (PDF, 120 kB)
  16. Hviid A et al.: Association between thimerosal-containing vaccine and autism. JAMA. 290(13), 2003, S. 1763–1766 PMID 14519711 (PDF, 81 kB)
  17. Fombonne E et al.: Pervasive developmental disorders in Montreal, Quebec, Canada: prevalence and links with immunizations. Pediatrics. 118(1), 2006, S. e139–50 PMID 16818529 (PDF, 584 kB)
  18. Shevell M et Fombonne E: Autism and MMR vaccination or thimerosal exposure: an urban legend?. Can J Neurol Sci. 33(4), 2006, S. 339–40 PMID 17168157
  19. DeStefano F: Vaccines and autism: evidence does not support a causal association. Clin Pharmacol Ther. 82(6), 2007, S. 756–759 PMID 17928818
  20. Robert-Koch-Institut in Schutzimpfungen – 20 Einwände und Antworten des Robert Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts
  21. http://www.psiram.com/media/thiomersal_fake/thiomersal.pdf
  22. [1]
  23. [2]
  24. http://www.impfkritik.de/quecksilber/thiomersal.pdf


Dieser Text ist teilweise oder vollständig der deutschen Wikipedia entnommen