Recall Bias: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Recall Bias''' (deutsch: Erinnerungsfehler oder Erinnerungsverzerrung) bezeichnet zwangsläufig sich einstellende Fehler bei zurückblickender (retrospektiver) Betrachtung. Der Recall Bias ist deutlich bei Zeugenaussagen in Prozessen zu beobachten. Mehrere Personen die ein Ereignis persönlich beobachtet haben, können nachträglich unterschiedliche Angaben machen. Prinzipiell nimmt der Recall Bias im Verlaufe der Zeit zu.
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'''Recall Bias''' (deutsch: Erinnerungsfehler oder Erinnerungsverzerrung) bezeichnet zwangsläufig sich einstellende Fehler bei zurückblickender (retrospektiver) Betrachtung. Der Recall Bias ist deutlich bei Zeugenaussagen in Prozessen zu beobachten. Mehrere Personen, die ein Ereignis persönlich beobachtet haben, können nachträglich unterschiedliche Angaben machen. Prinzipiell nimmt der Recall Bias im Verlaufe der Zeit zu.
  
 
==Recall Bias bei wissenschaftlichen Untersuchungen==   
 
==Recall Bias bei wissenschaftlichen Untersuchungen==   
Der Recall Bias spielt als unsystematischer Fehler eine große Rolle bei wissenschaftlichen Untersuchungen, bei denen im Nachhinein ein abgelaufenes Ereignis bewertet wird. Derartige Untersuchungen werden dann retrospektiv (zurückblickend) bezeichnend und behinhalten stets bestimmte Verzerrungen, die sich aus der Natur des menschlichen Gedächtnis erklären, aber auch aus den Erwartungen des Berichtenden ergeben. Das menschliche Gedächtnis unterscheidet sich von technischen Speicherverfahren wie Computerfestplatten durch bestimmte Eigenschaften des selektiven Vergessens einerseits und der selektiven Erinnerung andererseits. Hinzu kommen qualitative Verzerrungen, die sich im Laufe der Zeit verstärken. Die Phänomene des (selektiven) Vergessens sind an sich nicht negative zu sehen. Die Fähigkeit zum Vergessen ist Vorraussetzung für psychische Gesundheit.   
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Der Recall Bias spielt als unsystematischer Fehler eine große Rolle bei wissenschaftlichen Untersuchungen, bei denen im Nachhinein ein abgelaufenes Ereignis bewertet wird. Derartige Untersuchungen werden dann retrospektiv (zurückblickend) bezeichnend und beinhalten stets bestimmte Verzerrungen, die sich aus der Natur des menschlichen Gedächtnis erklären, aber auch aus den Erwartungen des Berichtenden ergeben. Das menschliche Gedächtnis unterscheidet sich von technischen Speicherverfahren wie Computerfestplatten durch bestimmte Eigenschaften des selektiven Vergessens einerseits und der selektiven Erinnerung andererseits. Hinzu kommen qualitative Verzerrungen, die sich im Laufe der Zeit verstärken. Die Phänomene des (selektiven) Vergessens sind an sich nicht negativ zu sehen. Die Fähigkeit zum Vergessen ist Vorraussetzung für psychische Gesundheit.   
  
 
Prinzipiell sind retrospektive Betrachtungen den prospektiven (in die Zukunft gerichteten) Untersuchungen unterlegen. Alleine aus dem Gedächtnis abgerufene Erinnerungen sind qualitativ Anekdoten gleichzustellen.
 
Prinzipiell sind retrospektive Betrachtungen den prospektiven (in die Zukunft gerichteten) Untersuchungen unterlegen. Alleine aus dem Gedächtnis abgerufene Erinnerungen sind qualitativ Anekdoten gleichzustellen.
  
Ein Studiendesign, das besonders anfällig für Recall Bias ist, ist die sogenannte Fall-Kontroll-Studie. Sie dient der Ermittlung von Risikofaktoren für bestimmte Krankheiten. Dazu werden Patienten mit dieser Krankheit und solche ohne diese Krankheit gefragt, ob diese Risikofaktoren in der Vergangenheit bei ihnen vorlagen. Dabei kann es sein, dass sich beide Seiten nach langer Zeit nicht mehr genau erinnern können und ungenaue Angaben machen. Daneben können Patienten mit der Krankheit eigene Vorstellungen davon haben, was die Krankheit verursacht haben könnte, und erinnern sich an solche Risikofaktoren eher oder übermäßig stark.
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Ein Studiendesign, das besonders anfällig für Recall Bias ist, ist die sogenannte Fall-Kontroll-Studie. Sie dient der Ermittlung von Risikofaktoren für bestimmte Krankheiten. Dazu werden Patienten mit dieser Krankheit und solche ohne diese Krankheit gefragt, ob diese Risikofaktoren in der Vergangenheit bei ihnen vorlagen. Dabei kann es sein, dass sich beide Seiten nach langer Zeit nicht mehr genau erinnern können und ungenaue Angaben machen. Daneben können Patienten mit der Krankheit eigene Vorstellungen davon haben, was die Krankheit verursacht haben könnte und erinnern sich an solche Risikofaktoren eher oder übermäßig stark.
  
 
==siehe auch==
 
==siehe auch==

Version vom 24. Juni 2010, 22:22 Uhr

Recall Bias (deutsch: Erinnerungsfehler oder Erinnerungsverzerrung) bezeichnet zwangsläufig sich einstellende Fehler bei zurückblickender (retrospektiver) Betrachtung. Der Recall Bias ist deutlich bei Zeugenaussagen in Prozessen zu beobachten. Mehrere Personen, die ein Ereignis persönlich beobachtet haben, können nachträglich unterschiedliche Angaben machen. Prinzipiell nimmt der Recall Bias im Verlaufe der Zeit zu.

Recall Bias bei wissenschaftlichen Untersuchungen

Der Recall Bias spielt als unsystematischer Fehler eine große Rolle bei wissenschaftlichen Untersuchungen, bei denen im Nachhinein ein abgelaufenes Ereignis bewertet wird. Derartige Untersuchungen werden dann retrospektiv (zurückblickend) bezeichnend und beinhalten stets bestimmte Verzerrungen, die sich aus der Natur des menschlichen Gedächtnis erklären, aber auch aus den Erwartungen des Berichtenden ergeben. Das menschliche Gedächtnis unterscheidet sich von technischen Speicherverfahren wie Computerfestplatten durch bestimmte Eigenschaften des selektiven Vergessens einerseits und der selektiven Erinnerung andererseits. Hinzu kommen qualitative Verzerrungen, die sich im Laufe der Zeit verstärken. Die Phänomene des (selektiven) Vergessens sind an sich nicht negativ zu sehen. Die Fähigkeit zum Vergessen ist Vorraussetzung für psychische Gesundheit.

Prinzipiell sind retrospektive Betrachtungen den prospektiven (in die Zukunft gerichteten) Untersuchungen unterlegen. Alleine aus dem Gedächtnis abgerufene Erinnerungen sind qualitativ Anekdoten gleichzustellen.

Ein Studiendesign, das besonders anfällig für Recall Bias ist, ist die sogenannte Fall-Kontroll-Studie. Sie dient der Ermittlung von Risikofaktoren für bestimmte Krankheiten. Dazu werden Patienten mit dieser Krankheit und solche ohne diese Krankheit gefragt, ob diese Risikofaktoren in der Vergangenheit bei ihnen vorlagen. Dabei kann es sein, dass sich beide Seiten nach langer Zeit nicht mehr genau erinnern können und ungenaue Angaben machen. Daneben können Patienten mit der Krankheit eigene Vorstellungen davon haben, was die Krankheit verursacht haben könnte und erinnern sich an solche Risikofaktoren eher oder übermäßig stark.

siehe auch

Weblinks