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'''Jod-Verschwörungstheorien''' kreisen besonders in [[Esoterik|esoterischen]] und pseudomedizinischen Kreisen, wo behauptet wird, dass Lebensmittel, insbesondere Speisesalz mit Jod „vergiftet“ werden und Ursache zahlreicher Erkrankungen seien, wie z.B. Krebs, indem es die Nitrosaminbildung erhöht, Jodakne, Depressionen, Nervosität, Schlaflosigkeit, sexueller Impotenz, Reaktivierung einer latenten Tuberkulose, Herzrasen, Herzstolpern, Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt, Allergien, Alzheimer und vieles andres mehr. Solche Aussagen entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage.
 
'''Jod-Verschwörungstheorien''' kreisen besonders in [[Esoterik|esoterischen]] und pseudomedizinischen Kreisen, wo behauptet wird, dass Lebensmittel, insbesondere Speisesalz mit Jod „vergiftet“ werden und Ursache zahlreicher Erkrankungen seien, wie z.B. Krebs, indem es die Nitrosaminbildung erhöht, Jodakne, Depressionen, Nervosität, Schlaflosigkeit, sexueller Impotenz, Reaktivierung einer latenten Tuberkulose, Herzrasen, Herzstolpern, Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt, Allergien, Alzheimer und vieles andres mehr. Solche Aussagen entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage.
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Viele der Jod-Kritiker reden von einer "Zwangsjodierung" der Bevölkerung. Bekannte Verfechter dieser [[Verschwörungstheorie]] sind die Buchautorin Dagmar Braunschweig-Pauli und [[Hans Tolzin]].
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Viele der Jod-Kritiker reden von einer "Zwangsjodierung" der Bevölkerung. Bekannte Verfechter dieser [[Verschwörungstheorie]] sind die Buchautorin Dagmar Braunschweig-Pauli (geb. 1951), die beispielsweise behauptet, dass "bereits über 16% der Bevölkerung durch die Jodierung schwere gesundheitliche Schäden erlitten haben"<ref>www.jod-kritik.de, Aufruf am 26. September 2010</ref>, und [[Hans Tolzin]].
    
==Rolle des Jod im Organismus==
 
==Rolle des Jod im Organismus==
 
Jod ist ein lebensnotwendiges Spurenelement und vor allem für die Funktion der Schilddrüse wichtig. Die Schilddrüse synthetisiert die ebenfalls lebensnotwendigen iodhaltigen Hormone [http://de.wikipedia.org/wiki/Thyroxin Thyroxin] (Tetraiodthyronin, T4) und [http://de.wikipedia.org/wiki/Triiodthyronin Triiodthyronin] (T3). Die empfohlene tägliche Aufnahme von Jod beträgt bei Säuglingen 50–80 µg, bei Kindern bis zum 9. Lebensjahr 100–140 µg, bei Jugendlichen und Erwachsenen 180–200 µg, bei Schwangeren 230 µg und bei Stillenden 260 µg.  
 
Jod ist ein lebensnotwendiges Spurenelement und vor allem für die Funktion der Schilddrüse wichtig. Die Schilddrüse synthetisiert die ebenfalls lebensnotwendigen iodhaltigen Hormone [http://de.wikipedia.org/wiki/Thyroxin Thyroxin] (Tetraiodthyronin, T4) und [http://de.wikipedia.org/wiki/Triiodthyronin Triiodthyronin] (T3). Die empfohlene tägliche Aufnahme von Jod beträgt bei Säuglingen 50–80 µg, bei Kindern bis zum 9. Lebensjahr 100–140 µg, bei Jugendlichen und Erwachsenen 180–200 µg, bei Schwangeren 230 µg und bei Stillenden 260 µg.  
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Ein chronischer Jodmangel führt zunächst zur Hyperplasie und später Hypertrophie, d.h. zur Größenzunahme, der Schilddrüse. Klinisch macht sich das als „Kropf“, medizinisch Struma bemerkbar. Die endemische Struma war in früheren Jahrhunderten geradezu das Kennzeichen ganzer Bevölkerungen, zum Beispiel in Bayern, der Schweiz oder Österreich. Besteht der Jodmangel längere Zeit, kann sich eine sogenannte Knotenstruma mit autonomen Adenomen entwickeln. Wird die Jodmangelsituation dann plötzlich behoben (zum Beispiel durch vermehrte Jodzufuhr mit der Ernährung oder durch Gabe von stark jodhaltigen Röntgenkontrastmitteln), kann sich durch überschießende Hormonproduktion durch die autonomen Areale eine Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) entwickeln.
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Ein chronischer Jodmangel führt zunächst zur Hyperplasie und später Hypertrophie der Schilddrüse, d.h. zu einer Zunahme der Größe. Klinisch macht sich das als "Kropf", medizinisch Struma bemerkbar. Die endemische Struma war in früheren Jahrhunderten geradezu das Kennzeichen ganzer Bevölkerungen, zum Beispiel in Bayern, der Schweiz oder Österreich. Besteht der Jodmangel längere Zeit, kann sich eine sogenannte Knotenstruma mit autonomen Adenomen entwickeln. Wird die Jodmangelsituation dann plötzlich behoben (zum Beispiel durch vermehrte Jodzufuhr mit der Ernährung oder durch Gabe von stark jodhaltigen Röntgenkontrastmitteln), kann sich durch überschießende Hormonproduktion durch die autonomen Areale eine Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) entwickeln.
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Die Hormone T3 und T4 sind von entscheidender Bedeutung für die frühkindliche Entwicklung des Gehirns. Ein bei Geburt bestehender ausgeprägter Mangel an diesen Hormonen führt zur mehr oder minder schweren geistigen Retardierung (bis zum [http://de.wikipedia.org/wiki/Kretinismus Kretinismus]). Deswegen wird routinemäßig jedes Neugeborene auf das Vorliegen einer Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) untersucht, um diese möglichst bald zu behandeln. Wird die Behandlung nur um wenige Wochen verzögert, kann dies eine geistige Behinderung zur Folge haben. Die häufigste Ursache für die Hypothyreose beim Neugeborenen ist die unzureichende Iodzufuhr während der Schwangerschaft. Daher ist die ausreichende Jodzufuhr gerade in der Schwangerschaft von besonderer Bedeutung. Eine Metaanalyse aus 10 verschiedenen Studien zeigte, das ein chronischer Iodmangel zu einer mittleren Minderung des Intelligenzquotienten um 13,5 Punkte führte<ref>Bleichrodt N, Born MP. A meta-analysis of research on iodine and its relationship to cognitive development. In: Stanbury JB (ed.): The damaged brain of iodine deficiency. New York, Cognizant Communication, 1994:195–200.  
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Die Hormone T3 und T4 sind von entscheidender Bedeutung für die frühkindliche Entwicklung des Gehirns. Ein bei Geburt bestehender ausgeprägter Mangel an diesen Hormonen führt zur mehr oder minder schweren geistigen Retardierung (bis zum [http://de.wikipedia.org/wiki/Kretinismus Kretinismus]). Deswegen wird routinemäßig jedes Neugeborene auf das Vorliegen einer Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) untersucht, um diese möglichst bald zu behandeln. Wird die Behandlung nur um wenige Wochen verzögert, kann dies eine geistige Behinderung zur Folge haben. Die häufigste Ursache für die Hypothyreose beim Neugeborenen ist die unzureichende Iodzufuhr während der Schwangerschaft. Daher ist die ausreichende Jodzufuhr gerade in der Schwangerschaft von besonderer Bedeutung. Eine Metaanalyse aus 10 verschiedenen Studien zeigte, das ein chronischer Iodmangel zu einer mittleren Minderung des Intelligenzquotienten um 13,5 Punkte führte<ref>Bleichrodt N, Born MP. A meta-analysis of research on iodine and its relationship to cognitive development. In: Stanbury JB (ed.): The damaged brain of iodine deficiency. New York, Cognizant Communication, 1994:195–200.</ref>. Dass chronischer Jodmangel bei Kindern zu Intelligenzminderung führt, wurde auch durch Studien aus anderen Teilen der Welt belegt<ref>Pineda-Lucatero A, Avila-Jiménez L, Ramos-Hernández RI, Magos C, Martínez H. Iodine deficiency and its association with intelligence quotient in schoolchildren from Colima, Mexico. Public Health Nutr. 2008 Jan 21:1-9 PMID 18205986</ref><ref>Qian M, Wang D, Watkins WE, Gebski V, Yan YQ, Li M, Chen ZP. The effects of iodine on intelligence in children: a meta-analysis of studies conducted in China. Asia Pac J Clin Nutr. 2005;14(1):32–42. PMID 15734706</ref><ref>Santiago-Fernandez P, Torres-Barahona R, Muela-Martínez JA, Rojo-Martínez G, García-Fuentes E, Garriga MJ, León AG, Soriguer F. Intelligence quotient and iodine intake: a cross-sectional study in children. J Clin Endocrinol Metab. 2004;89(8):3851–7</ref>. Jodmangel gilt als die weltgrößte Ursache von vermeidbaren Hirnschäden und geistiger Zurückgebliebenheit<ref>Delange F. Iodine deficiency as a cause of brain damage. Postgrad Med J. 2001;77(906):217–20</ref>.
</ref>. Dass chronischer Jodmangel bei Kindern zu Intelligenzminderung führt, wurde auch durch Studien aus anderen Teilen der Welt belegt<ref>Pineda-Lucatero A, Avila-Jiménez L, Ramos-Hernández RI, Magos C, Martínez H. Iodine deficiency and its association with intelligence quotient in schoolchildren from Colima, Mexico. Public Health Nutr. 2008 Jan 21:1-9 PMID 18205986</ref><ref>Qian M, Wang D, Watkins WE, Gebski V, Yan YQ, Li M, Chen ZP. The effects of iodine on intelligence in children: a meta-analysis of studies conducted in China. Asia Pac J Clin Nutr. 2005;14(1):32–42. PMID 15734706</ref><ref>Santiago-Fernandez P, Torres-Barahona R, Muela-Martínez JA, Rojo-Martínez G, García-Fuentes E, Garriga MJ, León AG, Soriguer F. Intelligence quotient and iodine intake: a cross-sectional study in children. J Clin Endocrinol Metab. 2004;89(8):3851–7</ref>. Jodmangel gilt als die weltgrößte Ursache von vermeidbaren Hirnschäden und geistiger Zurückgebliebenheit<ref>Delange F. Iodine deficiency as a cause of brain damage. Postgrad Med J. 2001;77(906):217–20</ref>.
      
==Jodversorgung in Mitteleuropa und Deutschland==
 
==Jodversorgung in Mitteleuropa und Deutschland==
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==Resümee==
 
==Resümee==
Bezüglich der immer wieder behaupteten Überdosierung mit Jod kommt das BfR zu dem Schluss, dass die aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes in Deutschland derzeit empfohlene generelle Obergrenze von 500 μg Gesamtjodaufnahme pro Tag auch Sicherheit für andere Schilddrüsenkranke, z.B. mit einer diffusen Hyperthyreose (Morbus Basedow), Autoimmunthyreoiditis (Hashiomoto-Thyreoiditis) oder Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) bietet. Bei allen Patienten besteht weder ein gesundheitliches Risiko durch den bestimmungsgemäßen Verzehr von jodiertem Speisesalz oder damit hergestellten Speisen und Lebensmitteln noch wird die Behandlung von Schilddrüsenkranken durch diese Jodprophylaxemaßnahmen erschwert<ref>http://www.bfr.bund.de/cm/208/jodanreicherung_von_lebensmitteln_in_deutschland.pdf
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Bezüglich der immer wieder behaupteten Überdosierung mit Jod kommt das BfR zu dem Schluss, dass die aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes in Deutschland derzeit empfohlene generelle Obergrenze von 500 μg Gesamtjodaufnahme pro Tag auch Sicherheit für andere Schilddrüsenkranke, z.B. mit einer diffusen Hyperthyreose (Morbus Basedow), Autoimmunthyreoiditis (Hashiomoto-Thyreoiditis) oder Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) bietet. Bei allen Patienten besteht weder ein gesundheitliches Risiko durch den bestimmungsgemäßen Verzehr von jodiertem Speisesalz oder damit hergestellten Speisen und Lebensmitteln noch wird die Behandlung von Schilddrüsenkranken durch diese Jodprophylaxemaßnahmen erschwert<ref>http://www.bfr.bund.de/cm/208/jodanreicherung_von_lebensmitteln_in_deutschland.pdf</ref>.
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==Siehe auch==
 
==Siehe auch==
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