Edu-Kinestetik: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 1. März 2009, 17:35 Uhr

Die Edu-Kinestetik (aus educatio: lat. = Erziehung, kínesis: griech. = Bewegung und aísthesis: griech. = Wahrnehmung) ist eine Variante der alternativmedizinischen Kinesiologie und geht auf einen Paul Dennison (1980) zurück. Die Methode beruht auf der Vorstellung, dass im Körper fließende Energien blockiert seien und befreit werden müssten. Dies soll durch gymnastische Übungen und eine besondere Erziehung geschehen.

Die Feststellung, ob zuviel oder zu wenig Energie im Körper vorhanden sei, wird durch den kinesiologischen Muskeltest vorgenommen und durch Drücken von in der Akupunktur verwendeten Punkten. Angebliche Energiefehlzustände sollen durch Bewegungs- und Lockerungsübungen beseitigt werden. Edu-Kinestetik wird immer wieder versucht zu pädagogische Zwecken in Schulen einzuführen.

Die Methode

Die Edu-Kinesthetik besteht aus einem Set simpler Gymnastikübungen, beispielsweise: "Schwingen mit dem Oberkörper" oder "Mit den Armen eine liegende 8 in die Luft malen". Zweck dieser Übungen sei ein Ausbalancieren des so genannten Schwerkraft-Antischwerkraft-Energieflusses und damit eine "Verbindung der beiden Gehirnhälften" [1], was unverzügliche Hilfe bringe bei angenommener "emotionaler Belastung, Streß, körperlichen Auffälligkeiten, Lernstörungen, Konzentrationsschwächen und Lebenskrisen" [2]. Was mit besagtem Energiefluss gemeint ist, erschließt sich aus Dennisons Bestseller Befreite Bahnen nur vage: In Anlehnung an die Meridianlehre der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist wortreich die Rede von der "Auflösung energetischer Blockaden" oder der "Wiederherstellung eines harmonischen Gleichgewichtes". Über die Gymnastikübungen hinaus findet sich insofern eine Art Akupressurmassage ("Therapeutic Touch") im kinesiologischen Verfahrenssortiment, mit der auf irgendwelchen "Akupunkturpunkten" der zu behandelnden Kinder herumgedrückt wird. Für jede Störung gibt es eigene "Meridianpunkte" ("Buttons"/"Knöpfe"). Werden die Kinder angewiesen, selbst an sich herumzudrücken oder herumzuziehen, firmiert das Ganze unter dem Begriff Brain Gym. Mit Übungen der folgenden Art sollen "Lernblockaden" und gar "legasthenische Störungen" abgebaut werden: "Mit je 2 Fingern den Rand des Schambeins und mit weiteren 2 Fingern die Unterlippe für 30 sec. halten. Dies hilft, besser geerdet zu sein, hält den Körper entspannt und den Geist wach. Es ermöglicht, nach unten zu sehen, ohne daß die Augenenergien abschalten (Erdknöpfe, Zentralmeridian); Mit 2 Fingern das Steißbein und mit 2 weiteren Fingern die Oberlippe für 30 sec. halten. Dies verhilft zu einer besseren Raumorientierung und hält dich offen für Informationen von außen (Raumknöpfe, Gouverneursmeridian); Dehne und ziehe die Ohren sanft von innen nach außen und von oben nach unten. So kannst Du besser zuhören (´Denkmütze´)" [3].

Kritik

Das Bayerische Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung, ausnahmsweise einmal Vorreiter in Sachen Esoterikkritik, hat Ende 1997 in einer eigenen Aufklärungsbroschüre Kinesiologie bzw. Edu-Kinestetik (alias: "Educational Kinesiology") als "derartige Versimplifizierung und Verfälschung der Vorgänge des zentralen Nervensystems" bezeichnet, dass die "Aufnahme so erklärter diagnostischer und therapeutischer Techniken zum Umgang mit Kindern in hohem Maß beunruhigen muss". Es handle sich um gänzlich unseriöse Praktiken, die unter dem Deckmantel einer praktischen Pädagogik unbrauchbares esoterisches Gedankengut verbreiteten. Höchst befremdend sei es, wie damit bei Betroffenen nicht erfüllbare Hoffnungen geweckt würden [4]. Der Deutsche Bundesverband Legasthenie wies in einem eigenen Rundschreiben darauf hin, dass die von Dennison und seinen Anhängern behauptete Wirksamkeit kinesiologischer Übungen bis heute ohne jeglichen ernstzunehmenden Nachweis geblieben sei. Die Gemeinde gläubiger Edu-Kinesteten erinnere im übrigen an eine "sektenähnliche Vereinigung" [5], eine Einschätzung, die der Schulpsychologe Hermann Meidinger ausdrücklich bestätigt: "Werden Sekten auch an dem Ausmaß gemessen, mit dem sie ihre Anhänger verführen, so können die Versprechen, mit denen Kinesiologen ihre Jünger 'fangen', durchaus nahelegen, die Kinesiologie zu diesen Gruppierungen zu zählen" [6]. Weniger umständlich Seminarrektor Wolfgang Hund vom Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband: "Edu-Kinestetik ist schlicht ein faules Ei" [7].

Insbesondere das Herumgedrücke oder -geziehe an irgendwelchen Akupunkturpunkten ist absurd: Zum einen widerspricht es in seiner simplen Mechanik (zur Behebung eines Problems sei nur ein bestimmter Knopf zu drücken) dem vorgeblich "ganzheitlichen" Selbstverständnis der Kinesiologie, zum anderen sind die Meridianbahnen und Akupunkturpunkte der Traditionellen Chinesischen Medizin, auf die "Touch for Health" und "Brain Gym" abstellen, bestenfalls als Metaphern zu verstehen: Tatsächlich existieren diese Bahnen und Punkte nicht.

Die Methode ist für Kinder nicht unproblematisch, weil sie durch die Manipulationen den Eindruck erweckt, sie seien behandlungsbedürftig und nicht in Ordnung. Diese Behandlungsbedürftigkeit wird aber erst durch die Edu-Kinestetik behauptet. Man schafft sich auf diese Weise aber erst einen Patienten!

Weblinks

  • Goldner Claudia: [1]
  • Seite der GWUP zur Edu-Kinestetik mit Literatur und Links [2]

Quellennachweise

  1. Dennison, P.: Befreite Bahnen. Freiburg 1994 (10. Aufl.), 83f.
  2. Praxis für Pädagogik und Kinesiologie, München (Werbeannonce) in: BISSS, 3/2000
  3. Institut für Angewandte Kinesiologie (Merkblatt für Schüler). Freiburg, o.J. zit.in: AG Autismus/Alternativtherapien
  4. Walbiner, W.: Edukinesiologie: Ein neuer Heilsweg in der Pädagogik? (Arbeitsbericht Nr. 290 des Staatsinstituts für Schulpädagogik und Bildungsforschung) München, 1997, 56f. [Der Bericht ist erhältlich über: Staatsinstitut für Schulpädagogik, Arabellastr. 1, 81925 München]
  5. LRS: Zeitschrift des Bundesverbandes Legasthenie 2/1996
  6. Meidinger, H.: Kinesiologie: eine neue Therapieform in der Schule? in: Bayerische Schule, 9/1996, 321f.
  7. Hund, W.: Ein merkwürdiges Ei im pädagogischen Nest: Edu-Kinestetik. In: Bayerische Schule 1/1997, 156f.
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