Dinitrophenol

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2,4-Dinitrophenol (DNP) ist eine lipophile Substanz, die zur Stoffklasse der Nitrophenole gehört. Die gesamte Stoffgruppe ist hochgiftig und kann inhalativ, dermal und oral zu teils schweren Vergiftungen führen. Speziell DNP soll embryotoxisch, karzinogen (krebserregend) und mutagen (Erbgut verändernd) wirken.

Chemie

2,4-Dinitrophenol ist eine aromatische Verbindung mit zwei Nitrogruppen in Meta-Stellung und einer Hydroxylgruppe in Ortho-Stellung.

Geschichte

DNP wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zur Herstellung von Sprengstoffen verwendet. Bei der Herstellung fiel auf, dass die Arbeiter in den Sprengstofffabriken unter Beschwerden, wie etwa Schwindelanfällen, Schweißausbrüchen und Kopfschmerzen litten. Außerdem kam es bei ihnen zu unerklärlichen Gewichtsverlusten. In Folge dessen kam es zu der Überlegung, dass DNP zur Behandlung von Übergewicht einsetzbar wäre. Als 1938 erhebliche Nebenwirkungen bekannt wurden (Grauer Star des Auges mit gelbbrauner Färbung der Augenlinse), wurde das Mittel in den USA vom Markt genommen.

In den 1980er Jahren wurde DNP von einem texanischen Arzt wiederentdeckt, der ein DNP-haltiges Produkt zur Gewichtsreduktion vertrieb. Nach dem Tod eines damit behandelten Wrestlers kam es zu einem erneuten Verbot von DNP.

Wirkungsweise

DNP bewirkt eine starke Erhöhung des Grundumsatzes (bis 400-fach), wobei durch den übertriebenen Stoffwechsel funktionswichtige Zellen in Leber und Nieren sowie sowie neutrophile Leukozyten im Blut zerstört werden.[1]

Die Wirkungsweise von DNP beruht auf der Entkopplung der oxidativen Phosphorylierung der Atmungskette. Die energiereichen Moleküle zur ATP-Synthese werden zwar weiterhin angeliefert, aber statt in ATP in Wärme umgewandelt. Es resultiert eine starke Thermogenese mit drastischem Anstieg der Körpertemperatur. Weil kein ATP mehr gebildet wird, nutzt der Körper andere Reserven zur Energiegewinnung und baut daher Fett ab. Aus der Leber wird Glukose als alternative ATP-Quelle freigesetzt. Endprodukte dieses anaeroben Abbauprozesses sind Laktat und Ethanol, was eine Azidoseentstehung bewirkt.

DNP ist eine hochtoxische Substanz. Symptome sind Hypotonie, Tachycardie, Herzrhythmusstörungen, plötzlicher Herztod, Dyspnoe, Aspirationspneumonie, Lungenödem, Kopfschmerzen, Unruhe, Hirnödem, Koma, Hyperthermie (Anstieg der Körpertemperatur), Dehydratation, metabolische Azidose, Rhabdomyolyse, Schilddrüsenfehlfunktion, Hyperglycämie, gastrointestinale Symptome, Zyanose, Schädigungen des Blutes (hämolytische Anämien, Methämoglobinämie, Agranulozytose), gelbliche Verfärbung der Haut, des Spermas und der Augenlinse mit Kataraktbildung, Nierenschäden, Leberversagen und letztendlich Tod durch Multiorganversagen.

Der Anstieg der Körpertemperatur kann außergewöhnlich hoch sein (bis über 43°C) und erfolgt meist erst kurz vor dem Tod.

In Tierversuchen hat sich zudem ergeben, dass eine sehr hohe Dosierung zu einem völligen Verbrauch von ATP führen kann, was zu einer Verhärtung der gesamten Muskulatur führt, in deren Folgen es zu einem Herz- und Atemstillstand kommt. Dies geschieht ohne Bewusstseinsverlust. Daraus lässt sich auch erklären, weshalb es bei DNP-Todesopfern zu einer sehr raschen und vollständigen Totenstarre kommt.

Anwendung heute

In Deutschland ist der Vertrieb von DNP als Diätmittel gesetzlich verboten. Trotzdem wird DNP in jüngster Zeit als "Fatburner" zur effektiven Gewichtsreduktion stark beworben. Diese Substanz ist sehr preiswert und relativ einfach über den Chemikalienhandel zu beziehen. Auch wird diese Substanz auch als "Anabolikum" beworben, also um die Muskelmasse nach dem Fettabbau zu betonen.[2]

Dinitrophenol wurde auch als vermeintlich wirksames Mittel gegen Krebs im Rahmen der Intracellular Hyperthermia Therapy angeboten und angewandt. Hohe Haftstrafen und Geldbußen waren für Anbieter die Folge in den USA.

Todesfälle

Im Juli 2006 kam es nach der Einnahme von DNP zu einem Todesfall bei einer 19-jährigen Jugendlichen. Die junge Frau nahm zur Reduzierung ihres Körpergewichtes an einem Abend einmalig einen halben Teelöffel dieser Substanz zu sich. Eine Freundin hatte das Mittel über das Internet in Russland bestellt.[3]

Vier Stunden nach der Einnahme wurde ihr warm, das Herz schlug schneller, ihr wurde übel und sie musste erbrechen. Außerdem schwitzte sie heftig und hyperventilierte. Am Morgen suchte sie ihren Hausarzt auf, wurde in die Klinik eingewiesen und starb dort trotz sofortiger intensivmedizinischer Maßnahmen an einem Lungenödem und Multiorganversagen. Zuvor kam es zu einem rasanten Anstieg der Körpertemperatur von ca. 0,1°C/min, der sich trotz externer Kühlung mit Eispackungen, einer kühlen Magenspülung und gekühlten Infusionen nicht aufhalten ließ. Auffällig war anschließend eine sich innerhalb von 15 Minuten entwickelnde vollständige Leichenstarre.

Die Staatsanwaltschaft wirft der Freundin, die das DNP besorgte, fahrlässige Tötung vor und hat Anklage erhoben.

Im nordrhein-westfälischen Münster starb im Frühjahr 2008 ein 24-jähriger Bodybuilder nach der Einnahme von DNP. Das Präparat hatte sich in seinem Körper verteilt und ihn so stark erhitzt, dass selbst Experten einer Giftnotrufzentrale dem Mann nicht mehr helfen konnten. Der 24-Jährige wurde in eine andere Klinik verlegt. Auch dort gelang es den Medizinern nicht, das Leben des Mannes zu retten. In seiner Wohnung wurden auch Wirkstoffe sichergestellt, die in der Bodybuilder-Szene gehandelt werden.[4]

Weblinks

Quellennachweise