Die Verschlüsselung von Informationen durch Übertragung in einen nur wenigen Eingeweihten bekannten Zeichensatz, eine Geheimschrift, lässt sich erstmals im ägyptischen Alten Reich des dritten Jahrtausends v. Chr. nachweisen. Ihre Geschichte ist eng verflochten mit der Entwicklung mystischer Erklärungssysteme und hermetischer, okkult-esoterischer Offenbarungslehren. Von Anfang an stand die Verwendung von Geheimschriften unter einem Machtaspekt und geschah stets entweder es zu dem Zweck, sich vor Machthabern zu schützen, oder als Mittel zur Erlangung und Sicherung von Macht[1]. Nicht zu verwechseln sind sie mit den Siegeln der Alchemie oder der Astrologie: Diesen wurden/ werden geheimnisvolle Kräfte zugesprochen, während bei Geheimschriften der Hauptaspekt in der Informationsübermittlung liegt. Wahrscheinlich die meisten okkulten Schriften entstammten kabbalistischen Quellen und lehnten sich an das hebräische Alphabet an, einige wenige wurden aus der griechischen Schrift entwickelt. Parallelen zum lateinischen Alphabet sind oft durch Übertragung von ursprünglich aus dem Hebräischen entwickelten Sätzen entstanden. In moderner Terminologie ausgedrückt, gehören Geheimschriften zu den polyalphabetischen Ersetzungschiffren.


Kulturhistorisches: Schrift und Schreiben über die Schrift

Eine Notwendigkeit zur Verschlüsselung von Informationen empfand der Mensch offenbar recht bald nach der Erfindung der dauerhaften Fixierung von Information, der Schrift. Die Motivationen waren dabei sicher vielfältige: religöse Tabus, z.B. das Verbot, den Namen eines Gottes zu nennen, führten zur Entwicklung eigener Schriftzeichen, die das Tabu formal ehrten, ohne das auch in ihrer Bedeutung zu tun; als geheim deklariertes, "magisches" Wissen war nicht mehr geheim, wenn es prinzipiell jeder lesen konnte, was von den Bewahrern dieses Wissens als Bedrohung ihres bisherigen Status wahrgenommen wurde. Dazu kam der schlichte weltliche Machtaspekt: Wenn die Information nicht mehr stirbt in dem Moment, da ich dem, der sie kennt, den Kopf abschlage, habe ich ein Problem.

Wie alles Geheimnisvolle, alles, was die Neugier eines Menschen zu erregen vermag, waren sicher auch geheime Schriften von Anfang an Gegenstand von Unterredungen und Briefwechseln, mündlichen und schriftlichen Erläuterungen und Spekulationen. Doch sind, aus der Sicht eines Machthabenden, solche Diskussionen wenig gefährlich, solange die Anzahl derer, die an ihnen teilnehmen können, überschaubar bleibt. Das nun war der Fall über lange Jahrhunderte, von denen uns wenig überliefert wurde über kryptographische Methoden und ihre Anwendung. Geändert hat sich das erst mit der Verbreitung des Buchdrucks. Zu dessen Anfangszeit, etwa bis in die achtziger Jahre des 15. Jahrhunderts, waren die Auflagenhöhen mit nur wenigen hundert Exemplaren sehr gering und Bücher waren entsprechend teuer. Dann jedoch, mit der Verbreitung des von der Renaissance inspirierten Humanismus, stieg die Nachfrage nach Büchern und die Auflagen wuchsen - heute würden wir sagen, es entstand eine Win-Win Situation: Das Interesse an humanistischen Schriften hatte Einfluss auf die Buchproduktion, die ihrerseits wieder dieses Interesse förderte. Das wäre vermutlich eine ganze Weile so weiter gegangen, wenn nicht ...

... wenn nicht einer der erfolgreicheren Ablassverkäufer des Herrn, ein Dominikaner-Mönch namens Johann Tetzel, den Professor für Theologie an der Universität zu Wittenberg so gereizt hätte, dass der über Nacht eine in 95 Thesen gegliederte "Abhandlung zur Klarstellung der Wirkung der Ablässe" formulierte, die er am nächsten Morgen, einem alten Brauch folgend, an das Hauptportal der Schloßkirche nagelte[2]. Die Abhandlung, deren lateinischer Originaltitel Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarium lautete, begann höflich und verbindlich:


„In Liebe und Eifer um die Ergründung der Wahrheit soll über die hier aufgeschriebenen Fragen zu Wittenberg disputiert werden unter dem Vorsitze des Hochw. P. Martinus Luther, der Künste und der hl. Theologie Magister und ebenderselben ebenda Ordinarius.
Die Sache erfordert, dass die, die nicht selbst anwesend sein können, um mündlich mit uns zu verhandeln, dies in ihrer Abwesenheit schriftlich tun.“[3]

Letzterer Aufforderung folgten bekanntlich eine Menge Leute. Unter ihnen scheinen nicht wenige gewesen zu sein, die die Notwendigkeit sahen, ihre Mitteilungen auf nicht für jedermann lesbare Weise zu formulieren. Das jedenfalls darf man daraus schließen, dass schon bald nach den Wittenberger Ereignissen vom 31. Oktober 1517 die ersten Bücher veröffentlicht wurden


Gettings, Fred: Dictionary of Occult, Hermetic and Alchemical Sigils. London: Routledge & Kegan Paul, 1981.

Christian, Pierre: Histoire de la magie du monde surnaturel et de la fatalité à travers le temps et les peuples. Paris, 1870. http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k2029696/f1.image

Vigenère, Blaise de: Traicté des chiffres, où secretes manieres d'ecrire. Paris, 1586. http://www.apprendre-en-ligne.net/crypto/bibliotheque/vigenere/chif_htm.htm#titre

Sommerhoff, Johann Christoph: Lexicon pharmaceutico-chymicum latino-germanicum et germanico-latinum. Nürnberg, 1701. http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10213842_00001.html

Agrippa von Nettesheim, Heinrich Cornelius: De occulta philosophia libri II+III. Paris, 1551. Digitalisiert in der Bayerischen Staatsbibliothek, S. 145ff (online: 319ff., 2. u. 3. Buch zusammengefasst, 1. Buch Paris 1531)

Postel, Guillaume: Linguarum duodecim characteribus differentium alphabetum. Paris, 1538. http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k54507r/f2.image.r=postel+linguarum.langEN

http://www.omniglot.com/writing/malachim.htm (auch bei Agrippa)

http://symboldictionary.net/?p=2632 (angeblich auch bei Blavatsky: Isis unveiled)

Bartolozzi 1675?

Transitus Fluvii: google, Agrippa



Quellen

  1. Antiquissimos sapientes, quos Graeco sermone Philosophos appellamus, si quae Naturae vel Artis reperissent Arcana, ne in pravorum notitiam devenirent variis modis atque figuris occultabant. - "Wenn immer die Weisen der alten Zeit, die wir griechisch 'Philosophen' nennen, etwas Geheimnisvolles entdeckt hatten, sei es in der Natur oder in Menschenwerk, haben sie es für gewöhnlich auf verschiede Arten und unter Bildern verborgen - damit es nicht den Falschen bekannt würde."
    Croll, Oswald: Tractatus de Signaturis internis Rerum, seu de vera et viva Anatomia maioris et minoris Mundi. 1609 (Editio princeps), S. 77 (S. 134 bei books.google.com).
  2. Ein solcher Thesenanschlag, verbunden mit einer Einladung zum Diskussion, war an mittelalterlichen Universitäten eine alte Praxis. Auch das Wittenberger Schlosskirchenportal hatte schon immer in dieser Funktion eines "Schwarzen Brettes" gedient.
  3. Durant, Will: Das Zeitalter der Reformation (= Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. 9). Frankfurt/M., Berlin, Wien: Ullstein 1982. S. 353