Nürnberger Kochsalzversuch: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Psiram
Zur Navigation springen Zur Suche springen
K
 
(Eine dazwischenliegende Version desselben Benutzers wird nicht angezeigt)
Zeile 6: Zeile 6:
 
Bereits in den Jahren 1829 und 1830 waren in St.Petersburg durch die russische Regierung Versuche durchgeführt worden, um die Wirkung homöopathischer Behandlungen im Vergleich mit konventionellen Methoden (Medikamente, [[Aderlass]]) und Placebos (Zuckerpillen, Bäder, Tees) zu erforschen. Es zeigte sich im Ergebnis dass der beste Heilungserfolg in der Placebogruppe erreicht wurde. Die russische Regierung vebot daraufhin die Homöopathie.<ref>M.E.Dean, An innocent deception: placebo controls in the St Petersburg homeopathy trial, 1829-1830</ref>
 
Bereits in den Jahren 1829 und 1830 waren in St.Petersburg durch die russische Regierung Versuche durchgeführt worden, um die Wirkung homöopathischer Behandlungen im Vergleich mit konventionellen Methoden (Medikamente, [[Aderlass]]) und Placebos (Zuckerpillen, Bäder, Tees) zu erforschen. Es zeigte sich im Ergebnis dass der beste Heilungserfolg in der Placebogruppe erreicht wurde. Die russische Regierung vebot daraufhin die Homöopathie.<ref>M.E.Dean, An innocent deception: placebo controls in the St Petersburg homeopathy trial, 1829-1830</ref>
  
Bereits 1784 demonstrierte Benjamin Franklin als Mitglied der königlichen Untersuchungskommission in Paris, dass das "Mesmerisieren" von [[Franz Anton Mesmer]] nur dann auftrat, wenn die Versuchspersonen wussten, dass tatsächlich „mesmerisiert“ wurden. Wurde der Vorgang dagegen in Unkenntnis der Versuchsperson durchgeführt, also "verblindet", so stellte sich kein Effekt ein.  
+
1784 demonstrierte Benjamin Franklin als Mitglied der königlichen Untersuchungskommission in Paris, dass das "Mesmerisieren" von [[Franz Anton Mesmer]] nur dann auftrat, wenn die Versuchspersonen wussten, dass tatsächlich „mesmerisiert“ wurden. Wurde der Vorgang dagegen in Unkenntnis der Versuchsperson durchgeführt, also "verblindet", so stellte sich kein Effekt ein.  
 
==Der Test von 1835==
 
==Der Test von 1835==
Das für damaligen Zeiten revolutionäre Design des Test sahvor, dass 100 identische Glasfläschchen vorbereitet wurden. 50 wurden mit reinem destilliertem Schneewasser (dem [[Placebo]]) gefüllt, und 50 wurden mit einer Salzlösung gefüllt, die genau nach Reuters Anweisung hergestellt wurde (ein Salzkorn wurde 29-mal im Verhältnis 1:100 verdünnt). Die Ampullen wurden nummeriert, gemischt und vor Publikum nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt.
+
Das für damaligen Zeiten revolutionäre Design des Test sah vor, dass 100 identische Glasfläschchen vorbereitet wurden. 50 wurden mit reinem destilliertem Schneewasser (dem [[Placebo]]) gefüllt, und 50 wurden mit einer Salzlösung gefüllt, die genau nach Reuters Anweisung hergestellt wurde (ein Salzkorn wurde 29-mal im Verhältnis 1:100 verdünnt). Die Ampullen wurden nummeriert, gemischt und vor Publikum nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt.
 
Eine versiegelte Liste hielt fest, welche Ampulle/Nummer welchen Stoff enthielt. Weder die Händler/Tester noch die Teilnehmer kannten den Inhalt der Ampullen. Die Ampullen wurden an Freiwillige verteilt und die Probanden wurden gebeten, in den folgenden drei Wochen alle ungewöhnlichen Symptome zu dokumentieren.
 
Eine versiegelte Liste hielt fest, welche Ampulle/Nummer welchen Stoff enthielt. Weder die Händler/Tester noch die Teilnehmer kannten den Inhalt der Ampullen. Die Ampullen wurden an Freiwillige verteilt und die Probanden wurden gebeten, in den folgenden drei Wochen alle ungewöhnlichen Symptome zu dokumentieren.
  

Aktuelle Version vom 16. März 2026, 14:28 Uhr

Werk "Homöopathische Kochsalzversuche" der Gesellschaft wahrheitsliebender Männer und George Löhner von 1835[1][2]

Der Nürnberger Kochsalzversuch war im 19. Jahrhundert einer der ersten dokumentierten Versuche eine randomisierte, doppelt verblindete und placebokontrollierte Studie zur Homöopathie durchzuführen. Johann Jacob Reuter, ein bekannter Homöopath aus Nürnberg, forderte den damaligen Homöopathiekritiker Friedrich Wilhelm von Hoven zu einem Test heraus, der als Nürnberger Kochsalzversuch berühmt wurde. Reuter behauptete, dass selbst ein gesunder Mensch „außergewöhnliche Empfindungen“ erleben würde, wenn er eine Verdünnung von gewöhnlichem Kochsalz (Natriumchlorid oder Natrum Muriaticum, wie Homöopathen es nennen) einnähme. Homöopathen gehen von der Existenz eines hypothetischen so genannten "Natrium-muriaticum-Menschen" aus, der charakterisiert sei als eine "sehr komplex" Person, der hochsensibel und kultiviert sei, aber durch Kritik, Beleidigungen, absichtliche Zurückweisungen oder unvermeidliche Verluste sehr verletzlich sei. Dieser reagiere besonders auf homöopathische Natrum Muriaticum-Mittel.

Der Test wurde von einer „Gesellschaft wahrheitsliebender Männer“ organisiert, die von George Löhner, einem Lokalzeitungsredakteur, unterstützt wurde, der auch den Abschlussbericht verfasste.[3] Um Unparteilichkeit zu gewährleisten, wandten sie ein für die damalige Zeit revolutionäres Studiendesign an.

Bereits in den Jahren 1829 und 1830 waren in St.Petersburg durch die russische Regierung Versuche durchgeführt worden, um die Wirkung homöopathischer Behandlungen im Vergleich mit konventionellen Methoden (Medikamente, Aderlass) und Placebos (Zuckerpillen, Bäder, Tees) zu erforschen. Es zeigte sich im Ergebnis dass der beste Heilungserfolg in der Placebogruppe erreicht wurde. Die russische Regierung vebot daraufhin die Homöopathie.[4]

1784 demonstrierte Benjamin Franklin als Mitglied der königlichen Untersuchungskommission in Paris, dass das "Mesmerisieren" von Franz Anton Mesmer nur dann auftrat, wenn die Versuchspersonen wussten, dass tatsächlich „mesmerisiert“ wurden. Wurde der Vorgang dagegen in Unkenntnis der Versuchsperson durchgeführt, also "verblindet", so stellte sich kein Effekt ein.

Der Test von 1835

Das für damaligen Zeiten revolutionäre Design des Test sah vor, dass 100 identische Glasfläschchen vorbereitet wurden. 50 wurden mit reinem destilliertem Schneewasser (dem Placebo) gefüllt, und 50 wurden mit einer Salzlösung gefüllt, die genau nach Reuters Anweisung hergestellt wurde (ein Salzkorn wurde 29-mal im Verhältnis 1:100 verdünnt). Die Ampullen wurden nummeriert, gemischt und vor Publikum nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine versiegelte Liste hielt fest, welche Ampulle/Nummer welchen Stoff enthielt. Weder die Händler/Tester noch die Teilnehmer kannten den Inhalt der Ampullen. Die Ampullen wurden an Freiwillige verteilt und die Probanden wurden gebeten, in den folgenden drei Wochen alle ungewöhnlichen Symptome zu dokumentieren.

Im Ergebnis zeigte sich kein Unterschied bei den Teilnehmern, die sich zurückmeldeten (ca. 50–54 Personen). Die überwiegende Mehrheit meldete keinerlei Symptome und es zeigte sich auch kein Unterschied zwischen der Verum- und der Kontrollgruppe. „Gar nichts“ wahrgenommen hatten 19 aus der Versuchsgruppe (potenziertes Kochsalz) und 23 aus der Kontrollgruppe (destilliertes Wasser). Neun Personen nahmen etwas „Ungewöhnliches“ wahr, drei aus der Kontrollgruppe und sechs aus der Kochsalzgruppe - von denen allerdings einer über den Inhalt seines Gläschens informiert war (S.20ff): Die „Symptome“ sind allerdings unspezifisch (Husten, der schon vor dem Versuch vorhanden war, „Kollern im Unterleib“ und andere Verdauungsbeschwerden sowie schmerzende Hühneraugen) und traten in unterschiedlichem zeitlichen Abstand zum Versuch auf. Die Anzeichen bei den drei Kontrollgruppen-Teilnehmern mit „Wahrnehmungen“ waren ähnlich (Hals- und Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme) mit einer Ausnahme: Er verspürte am Tag nach dem Versuch „ungewöhnliche Regungen des Geschlechtstriebs“, die aber nicht anhielten.[5]

Die Organisatoren kamen zu dem Schluss, dass Reuters Behauptung widerlegt sei, da die „Symptome“ in der Salz- und der Wassergruppe gleichmäßig verteilt waren. Sie führten alle gemeldeten Symptome auf Einbildung, Selbsttäuschung oder vorgefasste Meinungen zurück.[6] Der Autor gab Homöopathen den Rat:

...Alles zu vermeiden, was die einzelnen Versuchspersonen den Empfang bestimmt homöopathisch arzneilicher oder bestimmt unarzneilicher Versuchgaben vermuthen lassen könnte. Selbst die Ausfertiger und Vertheiler der Dosen dürfen, wie bei unserem Versuche, nicht erfahren, was dieser oder jener erhalten hat...

Damalige Homöopathen reagierten mit Diffamierungen und Beschimpfungen der beteiligten Ärzte. Sie behaupteten die Untersuchenden hätten die Homöopathie nicht verstanden und ohne Erfahrung mit ihr könnten sie nicht urteilen.

Siehe auch

Weblinks

Quellennachweise

  1. George Löhner: Die homöopathischen Kochsalzversuche zu Nürnberg: Als Anhang: Ein Beispiel homöopathischer Heilart. 1835
  2. https://books.google.de/books?id=Fds8AAAAcAAJ
  3. Cukaci, C., Freissmuth, M., Mann, C., Marti, J. & Sperl, V. (2020). Allen Widrigkeiten zum Trotz – die anhaltende Popularität der Homöopathie. Wiener klinische Wochenschrift, 132(9-10), 232–242. https://doi.org/10.1007/s00508-020-01624-x
  4. M.E.Dean, An innocent deception: placebo controls in the St Petersburg homeopathy trial, 1829-1830
  5. https://www.xn--homopedia-27a.eu/index.php/Artikel:N%C3%BCrnberger_Kochsalzversuch
  6. Stolberg, M. (2006). Die Erfindung der randomisierten Doppelblindstudie: Der Nürnberger Salztest von 1835. Journal of the Royal Society of Medicine, 99(12), 642–643. https://doi.org/10.1177/014107680609901216

Hinweis: dieser Artikel ist im wesentlichen eine Übersetzung des online erschienenen Artikels "The 1835 Nuremberg Salt Trial of Homeopathy: Background, Execution and Consequences" von Edzard Ernst, veröffentlicht am 16. März 2026. Der Originalartikel ist hier einzusehen: The 1835 Nuremberg Salt Trial of Homeopathy: Background, Execution and Consequences