Diskussion:Karma

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Kommentar von Leser Red Buddha vom 17. August 2010 zum Artikel

Ich habe den letzten Flamewar zum Thema überflogen und mir ist definitiv nicht danach, in diesem Stil weiterzudiskutieren. "Karma" und "Reinkarnation" sind sicher keine Konzepte die derzeit einwandfrei wissenschaftlich beweisbar wären und es hat daher auch keinen Sinn darüber zu streiten. Nichtsdestotrotz würde ich aber gerne ein paar Mißverständnisse aufklären und würde mich freuen, wenn das Wiki auch entsprechend geändert würde. Zu meinen Kritikpunkten im einzelnen:

Nach der Karmalehre ruft jede Handlung eine ihr entsprechende Wirkung hervor. Dieser banalen Erkenntnis wäre nichts hinzuzufügen, wenn Karma nicht mit der so genannten Zwillingslehre der Reinkarnation (Wiedergeburt) verwendet würde. In diesem Kontext wird Karma zu einem zynischen, antihumanistischen Konstrukt, mit dem man jede Schandtat rechtfertigen kann, da ja jeder selber schuld sei, wenn es ihm schlecht geht, er misshandelt oder getötet wird: Er wird dann wohl in einem "früheren Leben" entsprechend gesündigt haben.

Im buddhistischen Kontext (und das ist der einzige, zu dem ich einigermaßen kompetent Stellung beziehen kann) ist das eigene Karma einerseits, das was man in jeder Sekunde seines Lebens gestaltet und andererseits, das Ergebnis früherer Handlungen. Das Konzept ist allerdings eng verknüpft mit dem (aktiven) Mitgefühl, mit dem Buddhisten ihrer Umwelt und insbesondere anderen Menschen begegnen. Und Menschen, die schwer an ihrem Karma tragen verdienen unsere Unterstützung umso mehr, denn je mehr ich für andere tue, desto besser wird auch mein eigenes zukünftiges Leben verlaufen (auch, wenn das nicht die einzige Motivation für positive Handlungen sein sollte). Es liegt also durch aus im Eigeninteresse von Buddhistinnen und Buddhisten, anderen zu helfen, und daran kann ich nichts Zynisches erkennen. Umgekehrt schaffe ich schlechtes Karma für mich selbst, wenn ich jemanden anderen schädige - und das würde kein Buddhist wollen.

Nur weil ein Konzept, wenn es aus seinem Kontext gerissen wir, auch zynisch interpretiert werden kann, heißt das noch lange nicht, daß das Konzept schlecht ist. Das erscheint mir das Hauptproblem bei diesem Artikel zu sein. Oder, um ein allgemein verständliches Beispiel heranzuziehen: Der Darwinismus ist nicht schuld am Sozialdarwinismus und wird nicht weniger wahr, nur weil es den Sozialdarwinismus gibt.

Karma ist so aufzufassen, dass man die Schuld, die man im vorherigen Leben auf sich geladen hat, in diesem Leben abzugelten hätte. Gelingt dies nicht, würde es im nächsten Leben noch übler.

Dieser Satz stimmt nicht. Die Auswirkungen früherer Handlungen kommen, wenn sie gereift sind, und das lässt sich nicht beschleunigen. Es gibt lediglich in einigen buddhistischen Schulen Meditationspraktiken, die altes Karma reinigen sollen. Wann ein bestimmtes Karma reift lässt sich auch nicht vorhersagen, das kann viele Leben dauern.

Mit dieser menschenverachtenden Lebensphilosophie kann der Leichtgläubige und Unwissende natürlich leicht eingewickelt werden. Man macht ihn dadurch im realen Leben gefügiger und er ist leichter auszunutzen. Im Buddhismus und vor allem im Hinduismus dient das Karma-Konzept faktisch als moralische Grundlage zur Aufrechterhaltung des Kastenwesens bzw. zur Abgrenzung der finanziell erheblich besser ausgestatteten, oberen sozialen Schichten.

Im Buddhismus gibt es kein Kastenwesen, ganz im Gegenteil: Die Lehre Buddhas kann auch als eine (soziale und politische) Gegenbewegung zum vedischen Kastenwesen verstanden werden. Buddha nahm ganz bewusst auch Kastenlose und Angehörige niederer Kasten in seine Gemeinschaft (Sangha) auf und handelte sich damit jede Menge Probleme ein.

In der deutschen Esoterikszene, die zu einem erheblichen Teil auch ein Sammelbecken für nationalsozialistisches und faschistoides Gedankengut ist, ist der Karmaglauben immer wieder ein gerne genutztes Hilfsmittel. Es diente z.B. dem Szeneautor Trutz Hardo (Trutz Hardo Hockemeyer. bzw Tom Hockemeyer) zur Rechtfertigung der Behauptung, dass die Juden an ihrer Vernichtung selbst schuld seien. Er verniedlichte dadurch den Holocaust und verdiente sehr gut daran. Seine Bücher waren, bis sie durch gerichtliche Verfügungen vom Markt gezogen wurden, in der rechtslastigen Esoterikszene Bestseller.

Darauf bin ich schon weiter oben eingegangen und werde es weiter unten auch noch einmal tun. Nur weil das Konzept mißbraucht wird muß es nicht falsch sein.

Vielen westlichen Menschen, die diesen Begriff verwenden, ist nicht klar, dass, wäre dies allgemeine Auffassung der Gesellschaft, damit das Ende von Humanismus, Aufklärung und Demokratie eingeläutet wäre.

Als Sozialdemokrat, Humanist, Verfechter der Aufklärung und Buddhist kann ich ob solcher Sätze nur den Kopf schütteln. Wir haben in unserer Gruppe "Red Buddha" zu diesem Thema einiges an Material zusammengetragen. Unsere politischen Grundsätze haben wir in unserem Positionspapier zusammengestellt, ich will das hier jetzt nicht alles ausbreiten, das würde zu weit führen, aber wer sich dafür interessiert kann es hier nachlesen: http://www.redbuddha.at/uber-red-buddha/positionen/.

Irrwitzige Ableger dieser inhumanen Überzeugung lassen sich nicht nur im indischen Kastenwesen finden, sondern auch in Europa. So ist ein karmisches Prinzip in der Anthroposophie und der anthroposophischen Medizin anzutreffen. Ein zynischer Thorwald Dethlefsen meint z.B., dass eine Mutter, die mit ihren Kindern im Auto zu Tode kommt - weil ein Betrunkener das Auto über den Haufen gefahren hat - dies "karmisch gewollt" habe und damit selber schuld sei. Siehe auch: Braune Esoterik.

Ich habe keine Ahnung, ob der Herr Detlefsen zu den erleuchteten Meistern zu zählen ist, aber ich fürchte nein. Die Antwort ist wohl reine Spekulation. Der Begriff "karmisch gewollt" ist mir noch dazu etwas verdächtig, denn entweder ist etwas Karma oder es ist Wille. Daß "sie selber" schuld ist ist aus buddhistischer Sicht allerdings in jedem Fall Blödsinn, denn Reinkarnation ist ja nicht die Fortsetzung eines früheren Lebens. Es ist vielmehr ein Art Impuls, der weitergegeben wird. Die Person ist in jedem Leben eine andere, nur das Karma ist die verbindende Klammer.

Der Mord an den europäischen Juden wurde immer wieder als eine karmische Notwendigkeit dargestellt. Heinrich Himmler, der Führer der SS etwa, war explizit der Meinung, dass die Juden in ihrer Vernichtung durch die Nationalsozialisten für schlechte Taten in früheren Epochen bestraft würden, die "Gedanken" des zeitgenössischen Esoterikfaschisten Trutz Hardo gehen in dieselbe Richtung. Auch die Diskriminierung und Unterdrückung einer Bevölkerungsgruppe wird als das Wirken karmischer Gesetze verstanden: Sie hätten eben früher nicht so böse sein sollen.

Aus buddhistischer Sicht gibt es kein "kollektives Karma" oder "Karma eines Volkes" sondern lediglich individuelle karmische Umstände, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt ähnlich ausdrücken können. Wenn 200 Leute miteinander in einem abstürzenden Flugzeug sitzen, so hat jeder einzelne von denen das Karma, mit einem Flugzeug abzustürzen. Das heißt aber nicht, daß diese 200 dieses Karma gemeinsam erworben haben.

Insofern sind die Aussagen von Himmler und Hardo nicht nur zynisch sondern aus buddhistischer Sicht gleich mehrfach falsch. Denn erstens müssen die Opfer des Holocaust in früheren Leben ja keine Juden gewesen sein (es gibt kein Karma eines jüdischen Volkes) und zweitens wird ja durch den Holocaust enorm viel schlechtes Karma neu geschaffen - das die Täter dann ihrerseits in zukünftigen Leben auszubaden haben. Die Nazis haben Karma lediglich als schwache Rechtfertigung ihrer Verbrechen verwendet, haben aber nicht wirklich verstanden (oder verstehen wollen) was das für sie selbst heißt - sonst hätten sie uns die Katastrophe wohl erspart.

Für Rückfragen stehe ich Euch jederzeit gerne zur Verfügung. Wenn Ihr Interesse habt, kann ich gerne mithelfen, den Wiki-Eintrag zu überarbeiten.